Journalistin & Autorin

29. July 2013
Migros Magazin / Reportage

Abschied im Blütenmeer

Sie war die wohl einzigartigste Bäuerinnenschule der Schweiz. Nun hat die Schule des Klosters Fahr ihre Tore für immer geschlossen. Eine Reportage.

Konzentriert sitzen die jungen Frauen auf verwitterten Parkbänken in der Sommersonne, um sie herum Hunderte von Quadratmetern Grün, ­Johannisbeersträucher, Mohn, Rosmarin. Schwester Beatrice (66) erklärt in grüner Gartenschürze, wie man Liebstöckel teilt, wie Minze und Salbei. Sie, die Lehrerin für Gemüse und Kräuter, die seit 40 Jahren im Kloster lebt. Sie, deren Hände Jahrzehnte harter Gartenarbeit erahnen lassen und deren Blick von einer Gelassenheit zeugt, die man wohl nur erlangt, wenn man im Rhythmus der Natur lebt. Es ist ihr letzter Kräutertag.

Am 28. Juli, nach fast 70 Jahren, hat die Bäuerinnenschule des Klosters Fahr im Limmattal ihre Tore für immer geschlossen. Paradoxerweise war die Schule nie gefragter als nach der Ankündigung der Schliessung im Juli 2012. Die letzten acht Plätze waren innert 24 Stunden ausgebucht. Seit Jahren führte die Schule eine Warteliste, 28 Frauen zwischen 19 und 30 Jahren liessen sich hier nach ihrer Erstausbildung zweimal im Jahr während je fünf Monaten ausbilden. 610 Lektionen, 13 Module mit Themen wie Ernährung und Verpflegung, Haushaltsführung, Familie und Gesellschaft, Landwirtschaftliche Buchhaltung. Nur ein Viertel der Absolventinnen, die im Kloster Fahr die Schule besucht haben, ­arbeitet später auf einem Hof. «Die meisten von ihnen waren hier, weil sie ­eine Alternative suchten, zurück zu den Wurzeln wollten. In der heutigen Zeit ist Hauswirtschaft in den Schulen kaum mehr ein Thema», sagt Schwester Irene Gassmann (48), Priorin des Klosters Fahr und Schulleiterin für den letzten Jahrgang.

Die letzten acht Plätze waren innert 24 Stunden ausgebucht. Seit Jahren führte die Schule eine Warteliste.

Luzia Dubacher (20) ist gelernte Bäckerin, ihre Mutter war schon hier, ­die junge Frau hat die Fotos gesehen und ­gesagt: Da will ich auch mal hin. Sie wollte eigentlich erst im Herbst kommen, bevor sie erfuhr, dass die Schule schliesst. «Ich habe sofort ­reagiert, ­habe angerufen, ich käme bereits jetzt», sagt sie und fügt leise hinzu: «Es wäre eine Welt zusammengebrochen, sonst.»

Luzia Dubacher beschreibt die ­Schule als eine Insel, abgeschottet von der ­Aussenwelt. Man merke allen an, dass sie bedrückt seien über das Ende dieser Institution.

Über 4000 Frauen haben die Schule seit der Gründung besucht

Fast schon in nüchternem Ton nennt Schwester Beatrice die Aufgabe für die nächste halbe Stunde: riechen, sehen, schmecken. Still spazieren die jungen Frauen durch die Beete. «Dieser Salbei ist über 30 Jahre alt», sagt Schwester Beatrice, ihre Stimme hallt durch den kleinen Garten und bricht an den weissen Klostermauern des Innenhofs. Die Blätter könne man durch den Bierteig ziehen, das gebe feine Müslichüechli. Oder Saltimbocca, sagen die Jungen. Normalerweise sehen die Schülerinnen den Garten nur durch die Wabenfenster im ersten Stock des Klostergangs, wo es nach vergangenen Jahrhunderten riecht und der Boden knarrt, dort, wo sie der Weg an der Klausurpforte vorbeiführt, vorbei an einem Klosterleben, weit weg von ihrem Leben.

4042 Schülerinnen haben die Schule seit ihrer Gründung 1944 absolviert. Seit einigen Jahren schrieb die Institution trotz der Nachfrage rote Zahlen, und der Klosternachwuchs fehlte. «Die Kantone Zürich und Aargau haben ihre kantonalen Bäuerinnenschulen und kein Interesse an einer Privatschule», sagt Priorin Irene. «Und uns war auch klar: Wenn hier nicht mehr Schwestern unterrichten, unterscheidet sie nichts mehr von anderen Einrichtungen. Diese Schule war etwas Besonderes, weil die Nähe zum Kloster da ist. Weil das, was wir leben und wofür wir stehen, täglich hineinfloss.»

Die Bäuerinnenschule des Klosters Fahr: Eine Insel, abgeschottet von der Aussenwelt.

Bereits in den 90ern hatte Irene Gassmann die Schule zehn Jahre geleitet, ehe sie Priorin wurde. Nun hat eine Stellvertretung sie zurückgebracht, für den letzten Jahrgang. «Für mich schliesst sich ein Kreis. Ich bin sehr dankbar für diese Chance und gleichzeitig voller Wehmut», sagt Priorin Irene. Sie ist die einzige verbliebene Ordensschwester in der Schule, die das AHV-Alter noch nicht erreicht hat. Sechs der 23 Schwestern des Klosters Fahr arbeiteten bisher noch hier, doch «die Schule hat Kräfte gebunden, die wir im Kloster dringend brauchen». Für die Gartenarbeit, die Pflege der älteren Mitschwestern, für den Klosterladen.

Es ist kurz vor Mittag, in den Gängen riecht es nach Essen. In der Schulküche kocht eine Gruppe Schülerinnen Tomatensuppe, bereitet Apérogebäck, Pesto-Spiralnudeln mit Bohnen, Lavendelglace zu. Mit Produkten aus dem Garten oder vom Markt. Der Abschluss der Kräutertage ist jedes Jahr etwas Besonderes. Er wird gefeiert mit ­einem Sommerbuffet, mit Blumen und Kräutern, einer Erdbeerbowle. Zu den Letzten zu gehören, die hier den Abschluss machen, sei sehr speziell, sagt Alice Ziegler (20). «Diese Schule ist keine normale Schule, sie gibt Einblick in ein Klosterleben, um uns herum sind grosse Felder, weite Natur.» Die Urnerin möchte später Bauersfrau werden, in den Bergen, wo sie herkommt.

"Für mich schliesst sich ein Kreis. Ich bin sehr dankbar für diese Chance und gleichzeitig voller Wehmut." Priorin Irene Gassmann

Die Mädchen sind verpflichtet, im Internat zu wohnen

Im Kloster Fahr gab es die einzige Bäuerinnenschule der Schweiz, die ihre Schülerinnen verpflichtet, die Woche über an Ort zu nächtigen. «Das schweisst die Gruppen zusammen, die Mädchen lernen, sich aneinander zu reiben. Man geht den Konflikten nicht aus dem Weg — im Positiven wie im Negativen», sagt Kerstin König (51). Die Agronomin aus Deutschland ist Lehrerin und ­Internatsleiterin. Was sie nach der Schulschliessung macht, weiss sie noch nicht. «Für Überlegungen dazu hatte ich bisher noch gar keine Zeit.»

Michaela Loretz (26) führt durch den Internatsbereich, vorbei an den Zimmern, die den jungen Frauen für einige Monate ein Zuhause waren, weiter in den Aufenthaltsraum. Michaela ist hier, weil alle um sie herum von dieser Schule geschwärmt hatten, von der berühmten Lebensschule. «Hier findet man sich selbst wieder, sein Leben, seine Ziele. Ich bin hier verwurzelt, es tut gut zusammenzuarbeiten.» Gemeinsam mit den anderen Frauen sitzt sie Abend für Abend zusammen, strickt, webt Körbe. Die jungen Frauen haben alle ein Handy, aber sie sind nicht dauernd damit beschäftigt wie viele Gleich­altrige.

«Jede Zeit hat ihre Bedürfnisse. Es wäre nicht richtig, diese Schule aus Nostalgie am Leben zu erhalten», sagt Priorin Irene und lächelt. «Wir brauchen Freiraum für Neues.» Der Unterricht ist zu Ende, die Mädchen laufen in den ­grossen Speisesaal, um das zu essen, was sie geerntet haben. Der Geräuschpegel ist hoch, in ihren Hausschuhen schlurfen die Mädchen ans Buffet, vorbei an Schwester Beatrice, lachen laut, reden durcheinander. Zur Abschlussfeier Ende Juli haben sich 1200 Gäste angemeldet. Doch an diesem Nachmittag ist das Ende dieser Schule nichts weiter als eine leise Vorahnung. Als bräuchte das Ende noch seine Zeit, um zu wachsen.