Journalistin & Autorin

11. September 2013
Annabelle / Portrait

Als Frau beim Militär

Die 20-jährige Camilla Setz ist eine der wenigen Frauen in der Schweiz, die die Offiziersschule absolvieren. Wie es ist, im Militär eine Frau zu sein.

In der Rekrutenschule waren wir noch zu zweit unter 400 Männern. Jetzt in der Offiziersschule bin ich die einzige Frau. 24 Stunden täglich unter Männern zu sein, ist schon gewöhnungsbedürftig. Männer reden einfach anders.

Die Soldaten in meiner Gruppe sind es mittlerweile gewohnt, dass eine Frau sie führt. Sie respektieren mich. Trotzdem merke ich in bestimmten Situationen, dass das nicht selbstverständlich ist. Einmal war ich in einem Lehrgang, in dem ich die einzige Frau war. Da wurden dann Wetten abgeschlossen, wer mich zuerst flachlegt. Getraut hat sich dann doch keiner – und ich wäre auch nicht darauf eingestiegen.
Ich bin nicht hier, um einen Mann zu finden, sondern um meine Arbeit zu erledigen. Deshalb achte ich auch sehr darauf, den Körperkontakt zwischen mir und meinen Kameraden auf ein Minimum zu beschränken. Denn es ist wie im Zivilleben in einer Clique von Freunden: Sobald dich einer nur noch als sexuelles Wesen wahrnimmt, als «Gelegenheit», wird es kompliziert. Sex im Militär ist tabu. Sex kann ich am Wochenende haben. Und die Liebe muss eben warten.

"Da wurden dann Wetten abgeschlossen, wer mich zuerst flachlegt. Getraut hat sich dann doch keiner – und ich wäre auch nicht darauf eingestiegen." Camilla Setz


Obwohl ich von meinen Kameraden grundsätzlich gut aufgenommen werde, bin ich als Frau in gewisser Weise ein Sonderling geblieben. Diese Verbrüderung zum Beispiel, die die Männer erleben, zieht weitgehend an mir vorbei. Vor allem am Anfang hat das an mir genagt. Mir ist wichtig, dass ich gleich behandelt werde wie sie. Ich nehme mir keine Sonderstellung heraus. Wenn du von dir aus mit dem Frauenbonus kommst, bist du sowieso unten durch. Manchmal wäre ich froh, wenn meine Vorgesetzten auch bei mir die gleichen harten Sprüche bringen würden. Doch sie halten sich zurück. Ich hätte vermutlich nicht mal ein Problem damit, mit vierzig Männern in einem Raum zu duschen. Doch das geht natürlich nicht. Frauen haben eigene Zimmer, eigene Sanitäranlagen.

Sicher, du musst auch fit sein. Aber am Ende gewinnt der Wille über die körperliche Stärke. Wenn du willst, dann kannst du! Manchmal halte ich auch nur aus Trotz durch, weil viele Männer denken, als Frau würde ich eh als Erste aufgeben. Aber nicht ich. Das Durchhaltevermögen ist ja im Grunde eine typisch weibliche Eigenschaft. Eine Mutter muss sich durchsetzen können. Eine Frau im Militär erst recht.

"Mein Kindergartenlehrer wollte mich deshalb sogar zum Psychologen schicken. Doch meine Mutter meinte: «Wieso ein Kind therapieren, das weiss, was es will?" Camilla Setz

Ich war 15 Jahre lang in der Pfadi, wollte immer schon zum Militär, seit ich denken kann. Mein Kindergartenlehrer wollte mich deshalb sogar zum Psychologen schicken. Doch meine Mutter meinte: «Wieso ein Kind therapieren, das weiss, was es will?» An den Wochenenden kompensiere ich die Zeit in der Uniform. Ich schminke mich sogar, wenn ich in die Migros gehe. Im Ausgang ziehe ich mir extra hohe Schuhe an und einen Jupe. Aber würde ich eine reine Frauenarmee bevorzugen? Nein, das wäre der Horror! Ein Konflikt wird unter Männern ganz anders ausgetragen, und nach einem Streit gehen sie zusammen ein Bier trinken. Viele Frauen würden dann nicht einmal mehr die gleiche Beiz betreten. Ich habe hier wirklich viel von Männern gelernt. Über sie, aber auch über mich. Vor allem, nicht immer alles so persönlich zu nehmen. Wenn ich am Wochenende mit meinen Freundinnen zusammensitze und sie sich wieder mal über ihre Beziehungen beklagen, denke ich mir: Wärt ihr doch beim Militär gewesen.