Journalistin & Autorin

21. November 2016
Migros Magazin / Portrait

Das lange Sterben hinter Gittern

Die Gesellschaft altert. Und so altern auch die Insassen der Schweizer Gefängnisse. Doch die Einrichtungen sind nur teilweise auf Pflegebedürftigkeit und Tod vorbereitet. Ein Besuch in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies in Regensdorf.

Das letzte Mal über den Tod nachgedacht hat Manuel B.* am 22. Januar, als er im Operationssaal des Uni­versitätsspitals Zürich auf dem Tisch lag: Gallenstein-OP. Als er wieder aufwachte, sassen zwei Polizisten in ­einem Aufenthaltsraum vor seinem Zimmer und schauten TV. Menschen wie Manuel B. sind «da draussen» nie unbeaufsichtigt. Allein sind sie trotzdem. Und allein werden sie auch alt.

Betonmauern, Stacheldraht, Überwachungskameras: Wir befinden uns in der Roosstrasse 49 in Regensdorf ZH, Gesprächstermin mit Manuel B. Seit 2012 lebt er in der Abteilung Alter und Gesundheit (AGE) der Justizvollzugsanstalt Pöschwies. Nicht, weil er schon genug alt wäre, sondern, weil er krank ist. 2010 erhielt er die Diagnose Krebs, aggressiver Tumor im Oberschenkel, die Grösse von drei ­Kiwis. Die Treppe hinaufsteigen ist für B. fast ein Ding der Unmöglichkeit. Er ist 59 Jahre alt, länger als zehn Jahre hier – wie lange genau will er nicht sagen. 

Die Zeit vergeht langsam in Haft, für einige ­endet sie nie. Von den insgesamt 426 Gefangenen in Pösch­wies sind derzeit 30 älter als 60, der älteste Gefangene ist 72. Einige von ihnen werden wohl nie wieder aus dem ­Gefängnis kommen. Sie werden hier alt werden – und vielleicht auch ­hinter Gittern sterben.

"Dieser Ort hier ist nur ein Spiegel dessen, was in der ­Gesellschaft abläuft"

Roger ­Huber, Leiter der AGE

Die Zahl der über 50-Jährigen in ­ den Schweizer Gefängnissen habe sich seit 2005 verdoppelt, besagt eine Studie der Uni Bern (siehe Seite 35). Der ­demografische ­Wandel findet auch im Gefängnis statt. 

«Dieser Ort hier ist nur ein Spiegel dessen, was in der ­Gesellschaft abläuft», sagt Roger ­Huber, Leiter der AGE. Auch in den hiesigen Gefängnis­leitungen ­realisiert man langsa­m: Das Altern im Strafvollzug ist eine riesige Herausforderung. Wer sich nicht rasch darauf vor­be­reitet, hat bald ein Problem. Neben der Justizvollzugsanstalt Lenzburg AG ist Pöschwies derzeit das einzige Gefängnis der Schweiz, das über eine Alters­abteilung verfügt. 

Altersmilde kennt man nicht

Rund die Hälfte der Insassen der AGE sind verwahrt. «Das heisst, dass sie nicht wissen, wann sie das Gefängnis wieder verlassen werden», sagt Roger Huber. Sie sind Risikotäter. Die ­Gesellschaft wolle das Restrisiko nicht tragen, dass einer wieder ­rückfällig werde – selbst nach 20 Jahren Haft. Deshalb sei die Unterbringung von Strafgefangenen in Altersheimen oder Sterbehospizen derzeit un­denkbar. «Eine Pistole kann man noch ­halten, auch wenn man nicht mehr selbst auf die Toilette gehen kann», sagt Huber. Altersmilde kennt man in ­Pöschwies nicht.

"Die Insassen fragen sich: Wozu noch arbeiten, wozu gesund bleiben? Ich komme hier ja sowieso nicht mehr raus" Roger Huber

Roger Hubers Aufgabe besteht darin, die verbleibende Lebenszeit der ­Insassen zu planen und aktiv zu gestalten. «Natürlich ist auch Reso­zia­lisierung ein Ziel. Aber irgendwann, wenn das Alter voranschreitet, geht es schlicht darum, die Insassen agil zu halten.» 

Kleine Freiheiten für die Älteren

Auf der AGE geniessen die Häft­linge mehr Freiheiten. Sie dürfen an die ­frische Luft gehen. Die Arbeits­- ein­sätze werden der jeweiligen ­Leistungsfähigkeit angepasst. «Man ­eruiert mit jedem Insassen indivi­duell, was er noch tun kann», sagt ­Huber. Manuel B. zum Beispiel webt Fussmatten. Dabei arbeitet er eigens ausgedachte Muster ein. Und Sätze wie «Home, mis dihei» – Wunsch­texte seiner Mitinsassen für die ­Matten vor den Zellentüren. 

Manchmal organisiert Roger ­Huber für Manuel B. mehrere Kilogramm Zopfteig, damit dieser jedem Insassen ein Zöpfchen backen kann. «Aber Guetsli gibt es keine», sagt ­Huber, «alles bekommen die Leute nicht», man befinde sich hier ja schliesslich in einem Gefängnis.

Manuel B. will nicht sagen, warum er im Gefängnis ist – und warum so lange. Es muss etwas Schlimmes ge­wesen sein. Er sagt nur, dass er nicht ­bereue, was er getan habe, «weil ich ja schon damals wusste, dass ich mich hätte anders entscheiden können». Er habe es trotzdem getan: «Damals war es das, was ich machen musste.» 

"Wenn man stirbt, sitzen vielleicht noch liebe Leute am Bett und begleiten einen in den Tod. Aber hier drin begleitet einen niemand, keiner merkts, man geht einfach." Manuel B.

Seine Stimme ist weich und sanft, er hat warme Augen. Er hört sich oft CDs mit Musik von Strauss und Verdi an, sein Lieblingslied ist «O sole mio». Manuel B. wäre gern Werbetexter ­geworden, er hat einen IQ von 134, «ich habe ihn aber nicht genutzt, das war mein Fehler». Er hat 30 Jahre lang gezaubert, er hatte Auftritte in der ganzen Schweiz. Zahlenmagie war sein Steckenpferd.

Einige Insassen haben grosse Schwierigkeiten damit, dass sie hier alt werden, hier drin vielleicht sogar sterben. «Sie fragen sich: Wozu noch arbeiten, wozu gesund bleiben? Ich komme hier ja sowieso nicht mehr raus», sagt Huber. Ansonsten würden sie die gleichen Sorgen plagen wie alle anderen Menschen auch, die älter werden: «Rückenweh, die Augen ­werden schlechter. Und man denkt öfter über sein Leben nach.» Die ­Jungen machen sich Sorgen wegen ­Drogen, Geld, Handys, und die Alten schmerzt es, dass sie hier drin ein Stück Leben ­verpasst haben.

Die Sonne scheint in die Zelle von Manuel B., in diesen kleinen Raum mit dem Waschbecken, dem Pult und dem Einzelbett. Leise dringen Bau­geräusche von aussen durch das ­Fenster: ein bisschen Leben aus der Stadt, abgedämpft durch die Weite und die Gefängnismauer. Alles so weit weg. Manuel B. mag das, er mag Ruhe, Einkehr, Zeit für sich. Er sagt, er fühle sich hier geborgen. Er hat keine Frau und keine Kinder, ab und zu hat er Besuch von seiner Cousine. 

Angst davor, allein zu sterben

Manuel B. hat keine Angst vor dem Alter, auch nicht vor dem Tod. Das Einzige, was ihm Angst macht, ist, hier drin zu sterben. «Wenn man stirbt, sitzen vielleicht noch liebe Leute am Bett und begleiten einen in den Tod. Aber hier drin begleitet einen niemand, keiner merkts, man geht einfach.» Man könne hier drin ja nicht wichtig sein, nicht wichtiger als andere, die Betreuer behandeln alle gleich. 

Schon heute werden die meisten Insassen in einem Umfeld gebrechlich, das nicht auf die Bedürfnisse älterer Menschen ausgerichtet ist. Und es gibt keine Antwort auf die wichtigste Frage: Wie geht würdevolles Sterben im Gefängnis?

Im Gefängnis ist es nicht erlaubt, die Insassen zu berühren. «Doch die Menschen sind im Alter stärker auf Zuneigung angewiesen», sagt Huber. Nähe und Distanz seien ein grosses Thema im Vollzug. Man fahre generell besser, wenn man distanziert sei, sagt Huber, auch wenn das traurig sei. «Bei einem jungen Wilden hat das ­alles seine Berechtigung, im Alter ­ändern sich die Dinge aber. Darauf müsste man eingehen. Aber dann kommen wir mit den Regeln im Vollzug in Konflikt.» B. sagt, er sei von seinen Eltern nie in den Arm genommen worden. ­«Deshalb fehlt es mir auch nicht.»

Roger Huber hat manchmal das ­Gefühl, die Gefangenen wünschten sich, krank zu werden. Damit sie nochmals nach draussen kommen – nach dem Motto «Lieber im Krankenbett ­eines Spitals als hinter Gittern». 

Für die chronisch Kranken und die Pflege­bedürftigen gibt es im hiesigen Vollzug noch kein Behandlungs­konzept. Der Pflege hinter Gittern sind enge Grenzen gesetzt. «Es wird hier schon schwierig mit dem Legen von Kathetern oder der Verabreichung von Morphin», sagt Huber. ­ Die Auf­seher sind nicht als Pfleger ausgebildet, dürfen nicht berühren. 

«Die Frage, was mit Pflegebedürf­tigen im Vollzug passieren soll, ist ungeklärt», sagt Huber (siehe auch Seite 35). Zwar sind im bündnerischen ­Cazis die ersten Plätze für pflegebedürftige Häftlinge geplant. Aber schon heute werden die meisten Insassen in einem Umfeld gebrechlich, das nicht auf die Bedürfnisse älterer Menschen ausgerichtet ist. Und es gibt keine Antwort auf die wichtigste Frage: Wie geht würdevolles Sterben im Gefängnis?

«Der Krebs kommt, man wird alt»

Fragt man Manuel B., was er sich ­wünsche, sagt er: noch lange sein ­eigenes ­Essen schneiden können, ­Billard spielen, nicht inkontinent ­werden, ­laufen können, nicht zu viele Schmerzen haben nachts – «einfach gediegen leben». Hier im Gefängnis lerne man, nichts zu erwarten. «Gesundheitlich ist es draussen doch wie hier auch: Der Krebs kommt, man wird alt.» Dass die Türen um 20 Uhr zugehen, macht Manuel B. am meisten Mühe, dann ist er in seiner Zelle ein­geschlossen, bis zum nächsten Morgen. Draussen könnte man vielleicht noch in den ­Ausgang gehen, ein Bier trinken in einer Beiz. Das ­alles ist für ihn ein unerfüllbarer Traum.