Journalistin & Autorin

27. May 2016
Tagesanzeiger / Portrait

Das letzte Blatt ist ausgerufen

Jeden Vormittag stand Hartmut Wagner im Hauptbahnhof Zürich, als letzter Zeitungshandverkäufer der Schweiz. Bis jetzt die Kündigung kam. Ein Nachruf.

Ein einziges Mal hatte Herr Wagner zu wenige Zeitungen, die 30 Stück waren ausverkauft, ehe seine Schicht zu Ende war, Tagi und NZZ, weg wie warme Weggli. Es war der 9. Februar 2014, die eidgenössische Volksinitiative «Gegen Masseneinwanderung» war entschieden. «Da sah ich: Die Leute interessieren sich eben doch, immer noch», sagt Hartmut Wagner und lächelt über den alten Küchentisch hinweg. Diese Küche, ein paar kleine Zimmer, über Jahrzehnte so belassen, wie sie waren, als noch Handwerker in diesem Teil Hottingens wohnten: eine Zeitreise! Jetzt ist Wagner einer der wenigen Büezer, die dieser Wohngegend noch geblieben sind.

Hartmut Wagner ist 72 Jahre alt – und der letzte Zeitungsausrufer der Schweiz. Vor einem Monat hat das Temporärbüro angerufen und Herrn Wagner auf Ende Mai gekündigt. Nun geht eine Ära zu Ende. Wegen zu wenig Umsatz, wie es hiess. Hartmut Wagner sagt, er verstehe das. Doch wehmütig ist er trotzdem. Seit 2012 steht er jeden Tag zwischen 5.40 und 9 Uhr am Standort «Rolltreppe Bahnhof beim Bahnhofplatz» und ruft den «Tages-Anzeiger» und die «Neue Zürcher Zeitung» aus. Er hat am Ende der Rolltreppe ein Beistelltischchen hingestellt, auf dem er fein säuberlich das Wechselgeld aufreiht. Damit es schnell gehen kann, wenn einer kommt. «Man kann die Zeitungen bei mir kaufen wie im Stafettenlauf, zwischen zwei Zügen. Kein Anstehen wie am Kiosk.»

Einer von der Stadtverwaltung habe ihm mal gesagt, die zwei riesigen Werbeflächen neben der Rolltreppe, auf denen Apple und Sunrise immer über den Schirm leuchteten, kosteten mehr Miete als sein Jahresgehalt.

30 Zeitungen liegen heute zu Beginn der Schicht neben ihm, als er anfing, waren es 60. Er kann nie voraussagen, welche Zeitung sich an einem Tag besser verkauft, eine Laune der Natur. Wagner schreit selten. Ist die Rolltreppe voll mit Leuten, ruft er die Zeitungen zweimal aus. «Alles andere würde die Pendler nur nerven.» Früher kamen vor 6 Uhr die Banker des Paradeplatzes, «doch seit Krise ist, sehe ich die nicht mehr». Herr Wagner hingegen liest jeden Tag beide Zeitungen von A bis Z durch. Einer von der Stadtverwaltung habe ihm mal gesagt, die zwei riesigen Werbeflächen neben der Rolltreppe, auf denen Apple und Sunrise immer über den Schirm leuchteten, kosteten mehr Miete als sein Jahresgehalt.

Von der Bank nach Sambia

Wagners Vorgänger hatte noch über die neuen Kästen der Gratiszeitungen geflucht, als die Verkäufe zurückgegangen waren. Wenn Herr Wagner mit dem Tram fährt, schaut er den Jungen immer über die Schultern in ihre Handys rein, «um zu schauen, was die auf ihren Geräten so klimpern». Das meiste sei doch nur, um die Zeit totzuschlagen, sagt er dann und zuckt mit den Schultern. Ein paar seiner Kunden sagten, sie würden lieber noch Zeitung lesen, gedruckte Buchstaben, da bleibe was zurück. In diesen Handys gehe alles im Schnellzugtempo durchs Gehirn, «alles ein bisschen, nichts richtig», sagt Wagner.

Als Hartmut Wagner 2002 in die Schweiz zurückkommt, mit Ende 50, will ihn auf der Bank keiner mehr. Die AHV wird nicht reichen, und zu Hause ist nicht viel los.

Hartmut Wagner hätte in Walliswil im Kanton Bern, wo er aufwuchs, eigentlich der neue Dorfmetzger werden sollen. Er machte die Lehre zum Metzger, entschied sich dann aber um. Zürich, Wirtschaftsstudium auf dem zweiten Bildungsweg, er war 34 Jahre alt, als er abschloss. Danach Credit Suisse in Genf, Eurobond-Abteilung. Er im Backoffice, die Karrieristen einen Gang weiter. «Alle redeten nur über das Geld und den Lohn», das habe ihn nicht sonderlich interessiert. Irgendwann kam ein Anruf aus Deutschland, das Pendant zur Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit des Bundes. Der Mann am Apparat sagte, in Sambia seien die Finanzen ausser Kontrolle geraten. Ob Wagner helfen könne? Also stieg Hartmut Wagner in ein Flugzeug nach Sambia und blieb.

Als Hartmut Wagner 2002 in die Schweiz zurückkommt, mit Ende 50, will ihn auf der Bank keiner mehr. «Ich sagte mir: Jetzt kannst du nur noch als Metzger gehen.» Das, wovor er weggelaufen war, holt Wagner wieder ein. Er bekommt einen Job in der Fettschmelze Zürich. Die Anwohner beklagen sich über Geruchsemissionen, die Schmelze macht dicht, Wagner wird nach Lyss im Kanton Bern transferiert, zwei Jahre später kündigt man ihm aus wirtschaftlichen Gründen. Er ist nun 61 Jahre alt. Die AHV wird nicht reichen, und zu Hause ist nicht viel los.

Hier können Sie 20 Jahre arbeiten, sagt die Dame, das ist eine langfristige Sache. Und Herr Wagner denkt sich: Das auch noch, hausieren, noch nie im Leben habe ich das gemacht.

Das Temporärbüro sagt, Tamedia suche Leute fürs Fliessband. Also packt Wagner Zeitungen ein, bis die Frau aus dem Temporärbüro wieder anruft und sagt: Herr Wagner, wir hätten da was, Zeitungshandverkäufer, im Hauptbahnhof, als Nachfolger des legendären Bruno Klingler. Hier können Sie 20 Jahre arbeiten, sagt die Dame, das ist eine langfristige Sache. Und Herr Wagner denkt sich: Das auch noch, hausieren, noch nie im Leben habe ich das gemacht. Trotzdem stellt er sich eine Woche neben Klingler an die Bahnhofstrasse und schaut ihm zu, wie er bei Wind und Wetter die Zeitungen ausruft. Und bleibt.

Nur weg von Walliswil

Die Leute, die zu ihm kommen, seien gebildet, sagt Herr Wagner. «Man fragt die Leute ja nicht, wer sie sind», sagt er, aber man merke das einfach, an den Anzügen, den Schuhen, «gute Qualität, keine Adidas-Finken». Leute im Erwerbsleben, auch junge ab 30, Studenten, Akademiker. Wagner sagt, er lege Wert darauf, sich gut anzuziehen. «Bürgerlich korrekt eben, Bügelfaltenhose, Hemd.» Er komme schliesslich aus dem gleichen Milieu wie seine Käufer. Ein paar Leute hätten ihm ihr Leben erzählt, sagt Wagner. «Wie schwierig es ist, eine Wohnung zu finden, die Steuern, der stressige Arbeitsplatz.»

Doch ein Mensch wird älter, die Welt rauer, und irgendwann braucht ihn keiner mehr.

Wagner hat keine Familie, irgendwie hat er den Moment verpasst. Als Junger wollte er nicht heiraten, und später hat sich nichts mehr ergeben. «Vielleicht war ich auch ein Eigenbrötler, ich weiss es nicht.» Sicher sei nur, dass er nicht hängen bleiben wollte, in Walliswil. «Als Metzger mit Frau und Kind.» Doch ein Mensch wird älter, die Welt rauer, und irgendwann braucht ihn keiner mehr. Natürlich sei das ein Abstieg, nach dem Studium, nach 20 Jahren Entwicklungsarbeit. Neben einer Rolltreppe zu stehen und Zeitungen auszurufen. Zumindest würden das die Leute denken. Hartmut Wagner denkt etwas anderes. «Ich bin 72 Jahre alt! Was wollen Sie mit 72? Meine Kollegen sind entweder tot, verblödet oder sitzen in den ewigen alten Strukturen fest. Und ich? Bin als Zeitungsausrufer richtig aufgeblüht.»

Herr Wagner muss sich jetzt etwas Neues suchen. Sein Bruder habe ihm geraten, er solle doch Artikel für die Zeitungen schreiben, über Entwicklungszusammenarbeit, darin sei er doch Experte. Aber Herr Wagner winkt ab. «Was soll ich den Leuten die Welt erklären? So ein Klugscheisser muss ich nicht sein.» Man habe ihm angeboten, Zeitungen auszutragen, ein paar Stunden die Woche. Das sei doch eine gute Sache.