Journalistin & Autorin

21. July 2013
Welt am Sonntag / Kunst

In der Stille liegt seine Grösse

Im vergangenen Jahr zeigte Hubert Looser seine Sammlung erstmals der Öffentlichkeit. Jetzt überlässt er sie dem Kunsthaus Zürich.

Ein feiner Geruch steigt die Nase hoch, ganz sanft nur, kaum fassbar. Der Besucher muss sich schon sehr nahe vor das Kunstwerk stellen, vor diese Installation aus 36 Teilen, ein riesiges Wabengitter, um sich für einige Sekunden in der Natur dieser Ausstellung zu verlieren. Millionen von Lorbeerblättern hat der Künstler Giuseppe Penone gesammelt, hat sie zu einem riesigen, grünen Teppich fürs Auge zusammengefügt, zu einem Kunstwerk, das die Sinne anspringt. "Respirare l'ombra" hat er es genannt, den Schatten atmen.

Der Schweizer Hubert Looser, seit über vier Jahrzehnten passionierter Sammler, hatte das Kunstwerk bis vor wenigen Monaten in seinem Wohnhaus in Zürich hängen, in einem kleinen Raum, dessen Luft den Geruch des Lorbeers in den vergangenen acht Jahren noch intensiver aufnahm als jetzt die große, weite Halle des Bührle-Saals im Kunsthaus Zürich. Nun steht es gegenüber dem Eingang zur Ausstellung, in seiner ganzen fragilen Wucht, und lässt sofort erahnen, wie tiefgreifend anders sich diese Ausstellung präsentieren wird. Was da alles auf den Besucher wartet, so anders als all das, was das Traditionshaus mit seinen Hodler-Bildern und Giacometti-Skulpturen bisher von sich preisgab.

Es ist die erste Ausstellung der Sammlung in der Schweiz und die zweite überhaupt. Looser trat erst 2012 mit seinen Werken an die Öffentlichkeit, im Bank Austria Kunstforum Wien. "Die Zeit war einfach reif", erklärt der Sammler nun. "Ich habe gespürt, dass die Sammlung nun öffentlich gezeigt werden muss, denn immer mehr kunstinteressierte Gruppen meldeten sich bei an, um die Sammlung in meinen privaten Räumlichkeiten zu sehen. Das wurde mir mit der Zeit zu viel."

Nun steht das Kunstwerk gegenüber dem Eingang zur Ausstellung, in seiner ganzen fragilen Wucht, und lässt sofort erahnen, wie tiefgreifend anders sich diese Ausstellung präsentieren wird.

Bis zum 8. September zeigt das Kunsthaus Zürich die "Sammlung Hubert Looser" im Kontext ihrer Entstehung, 70 Exponate mit Schwerpunkten wie abstrakter Expressionismus, Arte Povera oder Minimal Art. Hubert Looser hat sie alle gesammelt: Pablo Picasso und Yves Klein, Willem de Kooning und John Chamberlain, Ellsworth Kelly, Donald Judd, Andy Warhol, Cy Twombly, Agnes Martin, Arshile Gorky, Anselm Kiefer, Giuseppe Penone. "Mein Ziel als Sammler ist es, mit wenigen, aber entscheidenden Werken eine klare Aussage über die Entwicklung der Kunst seit 1930 zu treffen", sagt Looser.

Das Kunsthaus Zürich kann mit den Exponaten der Sammlung Hubert Looser eine wichtige Lücke schließen, ihren Fokus, der auf der Pop-Art und der figurativen Kunst liegt, um abstrakte amerikanische Kunst der 50er- bis 80er-Jahre ergänzen. Neu vertreten sein werden Al Taylor und Ellsworth Kelly, die bereits im Kunsthaus präsenten abstrakten Expressionisten wie Jackson Pollock, Barnett Newman und Mark Rothko werden mit kapitalen Werken von Willem de Kooning, darunter die Bronzeskulptur "Hostess" von 1973, sowie sechs Werken von Cy Twombly ergänzt. Daneben treten dann John Chamberlain und David Smith, Bildhauer des abstrakten Expressionismus, auf. Skulpturen sind in der Ausstellung auffallend präsent.

"Jedes Bild oder jede Skulptur besitzt eine ganz eigene Ausstrahlung", sagt der Sammler. "Deshalb meide ich bewusst Kunstwerke, die in großer Zahl oder durch viele Mitarbeiter hergestellt wurden. Ich will die Seele des Künstlers spüren."

Er hat sich die Werke ausgesucht, wie Menschen sich einen guten Freund aussuchen: nach dem Bauchgefühl.

Die Seele des Künstlers, die ist immer anders. Da hängt an einer Wand Yves Kleins "Ant 37" von 1960, blaue Frauenbrüste auf Leinwand gepresst, das Bild im Vergleich zu anderen Skulpturen im Raum tatsächlich gefühlt so groß wie eine Ameise und doch so bedeutend, dass es, als Titelbild der Sammlung, als Banner meterhoch von der Fassade des Kunsthauses hängt. Mitten im Raum liegen drei schwarze Skulpturen, scheinbar unverrückbar schwer, in ihrer fast naiven geometrischen Einfachheit: Drei von zehn Skulpturen aus der Serie "Ten Elements" des Minimalisten Tony Smith. Dahinter ein Monstrum aus Stahl, das an die Vergänglichkeit von all dem erinnert, was uns einmal lieb und teuer war, uns begleitete und dann doch als Schrott endet, zusammengepresster Stahl, seiner Funktion enthoben.

Ein paar Meter weiter schreit die rohe Kraft der Weiblichkeit von den Wänden, überdimensionale schwarze Pinselstriche, die im Kunstlicht der Ausstellung glänzen. Fabienne Verdier war am Werk, eine feine Person, die meterhohe Bilder malt, mit riesigen Pinseln, aus mehreren Pferdeschwänzen gebunden, die sie an Kabeln von der Decke ihres Pariser Ateliers hängen lässt. Und ausgerechnet beim Pop-Übervater Andy Warhol stößt man auf ein feines, frühes, ganz klassisch anmutendes Werk: "Reclining Figure", 1955, Kugelschreiber auf Papier. Eine andere dezente Zeichnung zeigt ein bekannteres Motiv des Pop-Art-Künstlers: "Mao".

Hubert Looser war als Sammler ein Getriebener, immerzu auf der Suche nach dem einen großen Kunstwerk, das sein Auge betörte und seinen Verstand überzeugte. Er hat sich die Werke ausgesucht, wie Menschen sich einen guten Freund aussuchen: nach dem Bauchgefühl.

"Ich habe irgendwoher immer gewusst, welches Werk ich haben will und welches nicht", erzählt Looser. "Teilweise habe ich mir hundert Werke angesehen, auch von renommierten Künstlern, und habe hundert Mal Nein gesagt, ehe ich mich für eines entschieden habe."

Diese Fähigkeit zur Selektion macht Looser mitverantwortlich für sein "stringentes Sammlungskonzept", wie es die Direktorin des Bank Austria Kunstforums Wien, Ingried Brugger, in ihrem Vorwort zur Sammlung schrieb.

"Eine gute Sammlung sollte aber nicht als ökonomisch verwertbares Objekt betrachtet werden, sondern als ein Kulturgut für die Öffentlichkeit." Hubert Looser

Aber wenn er sich denn mal festgebissen hatte, dann war Looser nicht mehr von seiner Idee abzubringen. "Da hat sich ein Jagdinstinkt in mir entwickelt. Um gezielt eine Sammlung aufzubauen, braucht es neben einer klaren Vision sowohl Ausdauer als auch die Fähigkeit, sich in gewissen Momenten schnell zu entscheiden." Looser insistierte zwei Jahre, bis Ellsworth Kelly ihm endlich die Skulptur "Hommage à Roy Lichtenstein" verkaufte – und das erst, nachdem er für die Skulptur und den Seelenfrieden des Künstlers seinen japanischen Garten vor seinem Haus passend zum Kunstwerk umgestalten ließ.

Vor zwei Jahren nun hat er sich vom Sammlertum verabschiedet, von den ganzen Art Fairs, zu klein war sein Haus geworden und zu groß der Rummel um die Kunst, die immer öfter nicht mehr ihrer selbst wegen, sondern der Investition wegen erstanden wird. "Der Kunstmarkt ist zum Milliarden-Business geworden, und er ist heute sehr spekulativ", sagt Looser. "Eine gute Sammlung sollte aber nicht als ökonomisch verwertbares Objekt betrachtet werden, sondern als ein Kulturgut für die Öffentlichkeit. Liebe und die Leidenschaft gegenüber der Kunst sind unabdingbare Motivatoren, um eine gute Sammlung aufzubauen."

2017 soll die Sammlung in den neuen Erweiterungsbau des Kunsthauses wechseln. Der Stararchitekt David Chipperfield wird dieses Gebäude realisieren, Hubert Looser seine Sammlung als Dauerleihgabe zur Verfügung stellen. Wenn sich die Zusammenarbeit mit dem Museum künftig zu beidseitiger Zufriedenheit entwickelt, dann kann sich Looser auch vorstellen, dem Kunsthaus die Dauerleihgabe bei seinem Ableben als Schenkung zu überlassen – seine Erben haben einen Anspruch an die Sammlung abgetreten.

"Man kann Neigungen nicht vererben", erklärt Looser. "Diese Sammlung ist mein Lebenswerk, und ich habe mich entschieden, es der Öffentlichkeit zu geben." Die Schweiz sei in den letzten Jahren allzu oft wegen Banken- und Steuerskandalen in den Medien gewesen. "Ich möchte mit meinem Gang an die Öffentlichkeit einen Kontrapunkt setzen", so der Sammler. "Wir müssen wieder vermehrt zu einer Gebergesellschaft werden."