Journalistin & Autorin

28. February 2016
Sonntagszeitung / Essay

Die Angst vor dem Piseln

Frauen gehen nicht einfach auf die Toilette. Sie versuchen dabei vor allem, nicht weiter aufzufallen. Doch warum dauert das alles immer so lange? Eine Spurensuche.

Wir Frauen trinken gerne viel. Das wird uns vorgebetet, von der Mode-, der Lifestyle- und der Fitnessindustrie, drei Liter täglich, mindestens. Aber niemand redet darüber, dass das ja auch alles wieder raus muss, und zwar jede Stunde oder noch häufiger. Weil niemand auf die Idee kommen soll, dass wir Frauen auf die Toilette müssen und tatsächlich – Gott bewahre – urinieren.

Nein, bei uns soll der Mythos erhalten bleiben, dass wir nach Rosen duften – sonst kriegen wir irgendwann nicht nur keine Männer mehr ab, weil wir schön, erfolgreich und selbstbewusst sind, sondern bleiben alleine, weil wir Wasser lassen oder laut furzen oder, Ohren zu jetzt bitte, scheissen.

Also haben wir so unsere eigenen Methoden entwickelt, wie wir mit der Ablasswelt klarkommen, und Strategien entwickelt, um ob dieses Dilemmas nicht innerlich zu zerbersten (implodieren hingegen schon, denn, seien wir mal ehrlich, wann haben Sie das letzte Mal den Furz einer Frau gehört? Eben.)

Die Stumm-Verklemmten können erst biseln, wenn keine Menschenseele mehr im Bad ist. Und die dann vorsichtig ein paar Tropfen loslassen, in der ständigen Angst, erneut überrascht zu werden.

Das Wichtigste ist die Vorbereitung. Wir würden im Restaurant niemals durch die Gegend rennen und uns dabei beobachten lassen, wie wir verzweifelt das Klo suchen. Wir fragen leise die Kollegin, wo sich denn dieses befinde.

Im Badezimmer selbst wird die Angelegenheit vielschichtiger. Hier offenbart sich der wahre Charakter einer Frau. Es gibt die Stumm-Verklemmten, die erst biseln können, wenn keine Menschenseele mehr im Bad ist. Und die dann vorsichtig ein paar Tropfen loslassen, in der ständigen Angst, erneut überrascht zu werden. Oder diejenigen, die sich an den vordersten Rand der Kloschüssel schieben, damit der Urin an der Keramik stumm abperlt und nicht ins Wasser klatscht. Doch es gibt auch die andere Seite des Spektrums: die Selbstvergessenen. Die einen Niagarafall loslassen und dabei keinen Gedanken daran verlieren, dass diejenigen ausserhalb der Kabine ihr eigenes Wort nicht mehr verstehen.

Keimdichter Ring aus Toilettenpapier gegen Keime

Es gibt die Im-Stehen-Pinklerinnen (zu erkennen an sehr straffen, definierten Oberschenkelpartien), die nur deshalb ins Fitnessstudio rennen, um für die nächste Stehsitzung in Form zu sein. Es gibt alle Arten von Hygienefrauen: Die Feuchttücher-immer-in-der-Tasche-Trägerin oder die Den-Sitznur- mit-Sagrotan-Spray-Einsprüherin. Es gibt die Frauen, die tausend kleine Toilettentücher abreissen, um damit einen keimdichten und weichen Ring zu formen, den sie passgenau auf die WC-Brille legen. Dann gibt es die, die ebendiese kurz abwischen und sich einem Rest-Keimquotienten aussetzen (sie schwanken in den Augen der anderen Frauen zwischen bewundernswert mutig und halbwegs verroht).

Frauen scheissen nicht, sie pressen gegen die Schwerkraft

Und dann gibt es noch die ganz seltenen Exemplare, die sich von vollgesprenkelten Sitzflächen nicht einschüchtern lassen. Und sich draufsetzen, komme, was wolle, man ist schliesslich emanzipiert, die Fettschicht am Hintern dick genug, und abwaschen kann man das Ganze zu Hause immer noch.

Während die Männer seelenruhig zu jeder Tages- und Nachtzeit ihr Geschäft erledigen, schleichen wir Frauen zum Klo neben dem Skiraum im Untergeschoss des Hotels.

Dann spazieren sie allesamt raus und waschen sich vor dem Spiegel demonstrativ voreinander die Hände, um sich gegenseitig zu beweisen, dass sie zwar an ganz viel Elend der Welt schuld sind, aber sicher nicht an irgendwelchen ansteckenden Krankheiten, obwohl doch die Wahrscheinlichkeit, sich in die Hände zu biseln, bei Frauen denkbar viel kleiner ist als bei Männern.

Beim anderen Sujet (wir lassen das konkrete Wort jetzt wirklich lieber weg, es ist so derb, es wird einem schon ganz schlecht) ist die Situation noch krasser. Vereinfacht gesagt: Frauen scheissen nicht. Also pressen wir gegen die Schwerkraft an. Wir drücken das Problem einfach weg. Die Freundin einer Freundin lag einmal drei Nächte in Folge wach, weil sie bei ihrem neuen Freund übernachtete, sich aber nicht darauf einlassen wollte, rauszulassen. Sie hatte derartige Krämpfe, dass sie kein Auge zutat (ob das geholfen hat, den Mann langfristig an sich zu binden, blieb ungeklärt).

Wer das alles um Gottes Willen macht? Wir alle. Wir leiden und schweigen und denken uns neue Strategien aus. Und lenken die Aufmerksamkeit um. Auf frische Bettwäsche und direkte Meersicht, wenn wir ein Hotelzimmer buchen etwa. Von der Toilette nämlich bekommen wir wenig mit. Während die Männer seelenruhig zu jeder Tages- und Nachtzeit ihr Geschäft erledigen, schleichen wir Frauen nämlich zum Klo neben dem Skiraum im Untergeschoss des Hotels. Und dann wundert sich noch einer, warum das immer alles so lange dauert.