Journalistin & Autorin

13. September 2015
Ostschweiz am Sonntag / Portrait

Die Bananenkönigin

Die 90jährige Ursula Brunner ist die Vorreiterin der Fairtrade-Bewegung in der Schweiz. Sie hat gelernt, zu kämpfen - auch für sich selbst.

An einem Samstag-Nachmittag im Oktober 1973 sassen vier Herren aus Zürich im Restaurant Zum scharfen Eck in Frauenfeld und schauten ein paar Stunden aus dem Fenster. Sie lauerten und spähten. Sie waren nicht zum Spass hier. Sie fühlten sich bedroht. Bedroht von 40 Frauen aus dem Thurgau, von Müttern und Hausfrauen, die sich auf dem Rathausplatz versammelt hatten, mit 20 Leiterwagen voller Bananen, und ihnen den Krieg erklärten. «Das hat sie dann doch nicht in Ruhe gelassen, diese Herren von der Migros Zürich», sagt Ursula Brunner, und ihre Lippen zeichnen ein genüssliches Lächeln, eines, das von einem kleinen Triumph erzählt, von einer Erinnerung aus einem 90jährigen Leben, das von Feminismus erzählt, von der Schüchternheit und ihrer Überwindung. Weil da zu viel Wut war, um stumm zu bleiben.

Diese Wut kam ein paar Wochen vor dem Protest in Brunner hoch, erst leise, dann immer lauter. Die Wut begann, als sie von einem Film hörte, den das Hilfswerk Helvetas in Auftrag gegeben hatte. Er hiess «Bananera – Libertad», ein Dokumentarfilm darüber, warum die Bananen bei uns in der Schweiz so billig sein können, obwohl sie doch von so weit her sind. Und Ursula Brunner begriff: «Diese Menschen waren nur so arm, weil wir davon lebten. Weil wir ihnen den Boden entziehen und ihre Nahrung. Weil wir uns an ihnen bereichern.»

Also lud Brunner, Pfarrfrau, siebenfache Mutter, engagierte, pflichtbewusste Bürgerin, seit zwei Jahren stimmberechtigt, ein Neuling auf dem politischen Parkett, zu einem Filmabend ein. Im Rahmen ihrer monatlichen Frauenabende, die darauf abzielten, die Frauen politisch zu sensibilisieren, ihnen klar zu machen: Wir können nun auch mitbestimmen. «Als Pflicht habe ich das damals gesehen, als Pflicht einer Pfarrfrau.»

"Wir standen im Keller der Migros, mit all den Bananen auf den Wägen, und meine Freundin in die Runde sagte: Lasst uns beten. Und wir beteten. Und ich wusste: Das ist keine Bagatelle mehr. Diese Idee wurde geboren. Und nun hat sie ein Ziel." Ursula Brunner

Nachdem 150 Frauen aus Frauenfeld den Film gesehen hatten, brach eine Flut an Anrufen und Briefen aus. «Die Frauen sagten mir: Wir können doch nicht so tun, als wüssten wir von nichts.» Zeitgleich hatte die Migros den Bananenpreis pro Kilo von 1.50 Franken auf 1.35 Franken runtergesetzt und den Preissturz in Inseraten gross als «Bananenwunder» gefeiert. Doch der Grosskonzern hatte nicht mit Ursula Brunner gerechnet. Mit ihrem sturen Kopf, ihrem Hang, sich mit Gleichgesinnten zusammenzuschliessen, ihrer beherzten Art. «Meine Mutter sagte mir früher immer: Du bist ein Rebell.»

Kurz huscht Stolz über Brunners faltiges, lebhaftes Gesicht, wie ein Sonnenstrahl, der kurz den Kirchturm der reformierten Kirche in der Altstadt von Frauenfeld streift. Der gleich neben ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung im Kirchgemeindehaus in den Himmel ragt, in der Frau Brunner sitzt und erzählt, wie sie früher ihre Mutter fragte: «Warum muss es denn so bleiben, nur, weil die Leute denken, es müsse so sein?»

Mit fünf anderen Frauen tat sie sich zu einer Gruppe zusammen: die «Bananenfrauen» von Frauenfeld. An diesem besagten Samstagnachmittag im Oktober 1973 übten sie ihren ersten Aufstand, David gegen Goliath, sie druckten Flugblätter, eine eigene Bananenzeitung, und fragten offen: «Warum ist eine Banane billiger als ein Apfel?» Zuerst dachten sie noch, es sei eine Verrücktheit, ein Windstoss. «Bis wir unten im Keller der Migros standen, mit all den Bananen auf den Wägen, und meine Freundin in die Runde sagte: <Lasst uns beten.> Und wir beteten. Und ich wusste: Das ist keine Bagatelle mehr. Diese Idee wurde geboren. Und nun hat sie ein Ziel.»

Sie hatte sich für ihren Mann und ihre Kinder aufgeopfert, sie war eine liebende und tüchtige Hausfrau und Mutter gewesen, ihr Mann wollte nicht, dass sie einer Arbeit nachgeht. Bis die Bananen-Revolution losging.

Angst habe sie in diesem Moment nicht gehabt, sagt Brunner, sie hatte damals schon sieben Kinder in die Welt gesetzt, «ich war nicht mehr blutjung», und sie habe gewusst, wie es in der Welt aussieht. Sie wollte schon mit zehn Jahren Ärztin werden und nach China gehen. Doch daraus war nichts geworden. Sie hatte sich für ihren Mann und ihre Kinder aufgeopfert, sie war eine liebende und tüchtige Hausfrau und Mutter gewesen, ihr Mann wollte nicht, dass sie einer Arbeit nachgeht. Bis die Bananen-Revolution losging. Und aus der Mutter und Hausfrau Ursula Brunner eine Pionierin der Schweizer Fairtrade-Bewegung wurde. Eine Frau mit einer klaren Haltung, mit einer klaren, lauten Stimme. Eine Frau, die sich in riesige Stapel Papiere einlas, Dutzende Male nach Zentralamerika flog, sich Plantagen ansah, mit Regierungsvertretern redete.

«Ich habe mir am Anfang gar nicht überlegt, was mein Mann dazu sagen würde», sagt Ursula Brunner. «Ich habe mit der Zeit aber nicht mehr viel erzählt, von dem, was ich tat. Ich wollte ihn nicht provozieren.» Ihr Mann, der vor zwei Jahren starb, habe immer zu ihr gehalten, in der Öffentlichkeit habe er ihr den Rücken gestärkt und ihre Arbeit gelobt. «Aber natürlich war er ein Mann aus einer Generation, die eine Frau als Gehilfin des Mannes sah.» Einmal habe er ihr im Affekt gesagt, er habe ihr zu viele Freiheiten gelassen. Und sie sagte: «Wer bist du, um über meine Freiheit zu entscheiden?»

Brunner versuchte sich auch als FDP-Mitglied im Kantonsrat, sprach sich an einer Delegiertenversammlung gegen den Ausbau der Armee aus. Schnell wurde sie von den Männern wieder abgesägt. «Der damalige FDP-Präsident fragte mich einmal: <Warum, Ursula, machst du immer Sachen mit Leuten, die anders denken?> Und ich fragte ihn: <Warum findest du das so schlimm?>» Bald ging das Gerücht um, es handle sich bei den Bananenfrauen um Hexen. Die Gruppe erhielt Morddrohungen.

"Der so genannte faire Handel ist zu einer Institution verkommen, zu einer Bürokratie, zu einem zementierten System." Ursula Brunner

Doch kein Gegner brachte die Bananenfrauen zum Verstummen. Mit den Jahren wuchs die Bewegung an, überall in der Schweiz bildeten sich regionale Frauengruppen, die sich für die Fairtrade-Bewegung einsetzten. Ein fünfminütiger Fernsehbeitrag des Schweizer Fernsehens im Anschluss an ihren Marsch machte die Gruppe schweizweit bekannt. Zwei Jahre später entstanden die ersten Dritte-Welt-Läden. «Das war aber nicht wegen uns», sagt Brunner. «Die Zeit war einfach reif.»

Zuerst verkauften die Bananenfrauen konventionelle Bananen mit einem Solidaritätsaufpreis, der in soziale Projekte in den Produktionsländern floss. Dann arbeiteten sie mit unabhängigen Plantagenbesitzern in Nicaragua und Costa Rica. Die Bananenfrauen importierten kurzerhand selbst die erste Fairtrade-Banane in die Schweiz, und bewegten verschiedene kleinere Läden und später auch den Volg dazu, mitzumachen. 1986 gründeten sie die «Arbeitsgemeinschaft für gerechten Bananenhandel». 1994 wurde die Gebana AG gegründet, die bis heute besteht.

Aber deshalb stolz sein? Nicht Frau Brunner. Dankbar sei sie, ja, aber weder stolz noch zufrieden. «Der so genannte faire Handel ist zu einer Institution verkommen, zu einer Bürokratie, zu einem zementierten System.» Dabei könne gerechter Handel kein System sein, sondern nur ein Prozess, eine Denkweise in den Köpfen der Menschen, keine überladene Handlungsanleitung, die keiner mehr verstehe. «Nur Preis und Lohn, das macht noch keinen fairen Handel aus», sagt die kleine, zierliche Frau Brunner.

Sie redet ganz klar, ganz gewieft, ganz ruhig, aber lang, kaum je holt sie Luft. Energisch wird sie, wenn die Ungerechtigkeit zur Sprache kommt, dieses Ungleichgewicht, das unsere Welt unterteilt und strukturiert.

90 Jahre ist sie alt, und ihre klaren, blauen Augen leuchten noch immer aus ihrem faltigen, braungebrannten Gesicht. Sie redet ganz klar, ganz gewieft, ganz ruhig, aber lang, kaum je holt sie Luft. Energisch wird sie, wenn die Ungerechtigkeit zur Sprache kommt, dieses Ungleichgewicht, das unsere Welt unterteilt und strukturiert. Es sei ein Kampf gegen Windmühlen gewesen, und das sei er noch immer. Es werde nicht besser, es werde schlimmer, sagt sie, «die Gier der Leute wird immer grösser». Heute werde man nicht mehr mit Arbeit reich, sondern dadurch, dass man sein Geld für sich arbeiten lasse. Diese Wut, diese klare Haltung war es, welche die zierliche Frau Brunner angetrieben hat. Die ihr das nötige Rückgrat gab, um sich vor grosse Männer und elegante Frauen zu stellen, in Jeans und Bluse, und mit bebender, lauter Stimme Rechte einzufordern. «Ich bin keine Dame von Welt, wissen Sie», sagt Ursula Brunner nun leise, und senkt den Blick. «Ich hatte auch nie Röcke dabei, auch bei Einladungen nicht.» Einfach ausgesehen habe sie zwischen all den eleganten Damen und Herren von Welt. Sie sei eigentlich keine selbstbewusste, grosse Person, die viel von sich halte. «Aber ich glaube, diese Aufgabe, dieser Kampf für mehr Gerechtigkeit, hat mir Kraft und Halt gegeben.»

Ursula Brunner steht auf, läuft zum alten, schweren Holzschrank im Gang ihrer Wohnung und öffnet eine kleine Schublade. «Schauen Sie, wie schön», sagt sie und zieht eine filigrane Halskette aus Roségold aus der Schatulle, «die habe ich geschenkt bekommen zur Preisverleihung des Women's Business Award», 2014 war das, der vorerst letzte Preis in einer langen Reihe von Anerkennungen. Eine Berufung sei dieser Kampf für Fairtrade gewesen, etwas, das sie nicht gesucht habe, sagt Frau Brunner.

Diese Bananen-Revolution habe sie aufstehen lassen. «Ich habe an Selbstvertrauen gewonnen, an Selbstbewusstsein. Dinge, die wir damals nicht hatten, wir Frauen.»