Journalistin & Autorin

21. May 2016
Neue Zürcher Zeitung / Reportage

Die gute Hirtin

Der Hirte ist nicht mehr länger ein Mann: Immer mehr Frauen lassen sich zu Schäferinnen ausbilden. Was als Traum beginnt, endet oft in Schweiss und Freiheit.

Pierina Faoro war 25, als sie ihren ersten Sommer in den Alpen verbrachte, als Hirtin auf sich allein gestellt. Angelernt, doch ohne Erfahrung. Er war viel schwieriger, viel härter, viel einsamer, als sie sich hätte vorstellen können. 100 Tage war sie allein dort oben, mit Hunderten von Schafen. Ein Sieben-Tage-Job, lange Stunden auf den Beinen, feuchte Füsse, Verletzungen, Müdigkeit, Kälte. Im Sommer wird es in der Höhe selten wärmer als 16 Grad, die Nächte sind kalt. Hat man Pech, sieht man über Wochen nur Nebel, die Kleider trocknen nicht, es gibt keinen Strom, teilweise nicht einmal fliessendes Wasser.

Heute bildet die junge Frau Menschen aus, die das werden wollen, was einst ihr eigener Traum war: Schäferinnen und Schäfer. Ausbildungstag am Plantahof in Landquart, letzter Programmpunkt des Tages: Demonstration mit Hütehunden. Die Frühlingssonne scheint auf die abgekafelte Wiesenfläche hinter dem Ausbildungsbetrieb. Schäferin Pierina Faoro läuft mit der Herde im Slalom um die Apfelbäume, ihre beiden Border Collies hinterher, wie ferngesteuerte Katzen schleichen sie sich durch das dünne Gras, halten an, biegen ab, links, rechts. Die Schafe folgen der Hirtin in einem Guss, getrieben von den Hunden und ihrem eigenen Herdeninstinkt. Ein paar Meter weiter haben sich zwei alte Herren mit Béret und Bart zwei Plasticstühle geschnappt und sich an den Zaun gesetzt. Mit der Fotokamera halten sie das sonderbare Treiben vor ihrer Haustür fest. So viele Schafe, unten im Tal, das sieht man nicht alle Tage.

16 Uhr 30, Finale des Ausbildungsmoduls Herdenschutz der Schweizerischen Schafhirtenausbildung. Das hiess für die Kursteilnehmer: zwei Tage theoretische und praktische Arbeit an Hunden und Schafen, sie lesen und navigieren lernen. Für einige ist es die letzte Station vor dem Alp- und Stallpraktikum. Die Übungen sind geglückt. Das Klatschen der Ausbildungsgruppe übertönt kurz das Rauschen der Autobahn.

Gegenentwurf zum Urbanen

Josefa Lippert sitzt neben der Show-Wiese im Gras und sieht der Herde nach, wie sie sich fortbewegt wie eine Wolke aus Wolle. Sie hat sich die Ausbildung zu ihrem 50. Geburtstag geschenkt, eine Auszeit in der Natur, weg von ihrem Alltag als medizinisch-technische Assistentin. Sie wollte auf eine Alp, seit sie Kind war. Und dann, mit fünfzig, da frage man sich doch, was gewesen sei und was noch komme, sagt sie. Und ob das schon alles war? «Meine Tochter ist erwachsen, ich bin geschieden, ich war noch nie so frei wie jetzt», sagt Josefa. Der richtige Zeitpunkt, um Hirtin zu werden.

Aline will abends nicht mehr einfach nach Hause kommen und sich fragen, was sie jetzt tun soll, mit ihrer Freizeit, mit ihrer Arbeit. Auf dem Berg ergebe sich das Leben einfach, die Aufgaben hätten einen unmittelbaren Bezug zur Realität.

Die Gründe, warum Menschen den Beruf, der auch eine Lebensweise ist, ergreifen, sind vielfältig. Die einen sind schon seit Jahrzehnten im tiermedizinischen Bereich tätig, hüten bereits Kühe oder arbeiten vorwiegend in der Natur. Andere treibt die Sehnsucht nach Abenteuer an, nach dem Ausbrechen aus dem Büroalltag. «Nicht selten kommt nach der anfänglichen Begeisterung auf dem Übungsfeld der Schock auf der Alp», sagt Jan Boner, Ausbildner am Plantahof in Landquart. Viele unterschätzten die Einsamkeit auf dem Berg. Die Erwartungen der Leute seien heterogen. Die einen hofften auf Alpromantik, andere seien hier, um ihren Wissensdurst zu stillen, wieder andere wollen aus ökonomischen Gründen diese Ausbildung machen, wieder andere aus Luxus, weil sie es sich leisten können. Von Professoren über Handwerker, Studenten und Hebammen sei alles dabei.

Vor allem Frauen zieht es vermehrt in die Kurse. Waren 2013 in Sitten (VS) noch 75 Prozent der Studenten Männer, waren zwei Jahre später 80 Prozent der Studenten weiblich. Doch abgesehen von kurzfristigen statistischen Ausreissern erklärt sich die landwirtschaftliche Organisation Agridea die Tendenz damit, dass sich im Zuge des allgemeinen gesellschaftlichen Wandels für Frauen mehr Freiräume geöffnet hätten. Diese gestalteten ihre Biografie heutzutage unabhängiger und seien auch mutiger geworden, «Männerberufe» zu erobern oder aus dem Alltagstrott auszubrechen. Verbunden sind die beiden Geschlechter jedoch in der Suche nach etwas anderem als Gegenentwurf zum urban geprägten Alltag, in der Sehnsucht nach Freiheit und Natur sowie der Erwartung, eine Erfahrung mit Bodenhaftung und Sinnhaftigkeit zu machen.

Das Leben auf dem Berg

Die 28-jährige Primarlehrerin Aline sagt, es reiche oft nicht mehr, wenn ein Kind einfach Freude am Lernen habe, die Eltern erwarteten ausserordentliche Leistungen. Das mag sie nicht mehr sehen. Sie will auch abends nicht mehr einfach nach Hause kommen und sich fragen, was sie jetzt tun soll, mit ihrer Freizeit, mit ihrer Arbeit. Auf dem Berg ergebe sich das Leben einfach, die Aufgaben hätten einen unmittelbaren Bezug zur Realität. Die Idee zu dieser Ausbildung kam ihr bei einem Spaziergang in den Langen Erlen bei Basel, ein warmer Frühlingstag vor einem Jahr. Da standen sie plötzlich, ein paar verzottelte Schafe und ein Hund auf einem Feld. Und Aline erinnerte sich wieder an die zwei Schafe bei ihren Eltern im Garten, an die Stunden in der Natur, an das Fell, den Geruch, das Blöken der Tiere am Morgen. Nun sieht Aline dem professionellen Treiben von Pierina und ihren Hunden zu und versucht zu verstehen, wie man die Vierbeiner dazu bringt, dass sie einem aufs Wort gehorchen, millimetergenau stoppen, rückwärtslaufen, sich ducken, die Richtung wechseln; wie ferngesteuert. Damit sie ihr eine Hilfe sind, bei der Knochenarbeit auf dem Berg.

Ein guter Hirte muss beobachten können. Er muss seine Schafe und seine Alp kennen, sehen, wenn eines verletzt ist, wenn eines sich absondert. Doch ein Hirte muss auch Tourismus-Botschafter, Veterinär, Kommunikationsexperte und Buchhalter sein. Die Liste der Aufgaben ist lang.

Die Arbeit auf der Alp erfordere nicht übermässig viel Kraft, eher Ausdauer, sagt Ausbildner Boner. Man laufe nicht kilometerweit, aber man stehe über Stunden, man brauche Geduld, mentale Stärke. Innere Widerstandskraft auch, Durchhaltewillen, innere Ruhe und Ausgeglichenheit. Und man müsse robust sein, mit der Realität klarkommen, die man auf der Alp eben antreffe. Und ein guter Hirte muss beobachten können. Er muss seine Schafe und seine Alp kennen, sehen, wenn eines verletzt ist, wenn eines sich absondert. Doch ein Hirte muss auch Tourismus-Botschafter, Veterinär, Kommunikationsexperte und Buchhalter sein. Die Liste der Aufgaben ist lang: Kontrolle und Führung der Herde – je nach Grösse zwischen 400 und 1200 Schafe –, gezielte Weideführung, Pflege kranker Tiere, gezielte Nutzung der Futterressourcen, Führen eines Weidejournals, Umsetzung der Herdeschutzmassnahmen, Umgang mit Hütehunden. Hirten müssen allein sein können, müssen Verantwortung für Hunderte Tiere tragen. Und sie müssen auch nett und hilfsbereit sein, wenn Touristen bei Wanderungen durch ihre Herden laufen. Dafür braucht es Sozialkompetenz. Nichts mit Heidi-Romantik.

Ein Leben wie vor 100 Jahren

Aline hat ihren ersten Einsatz auf der Alp schon hinter sich, in der Val Lumnezia im Kanton Graubünden, letzten Frühling, ein Monat bei einem Alphirten. Aline sah, auf der Toilette sitzend, die Berge, keine Wände um sie herum, ein Plumpsklo neben dem Haus, sonst nichts. Sie wusch sich nackt an einem Bach, sie hatte einen Monat lang keine Dusche, dort oben ist die Luft so kühl, man schwitzt sowieso selten. Meist gab es Nudeln mit Pesto zu essen, keine grossen Sachen, ab und zu ein bisschen Gemüse, Wurst, Apfel für den Rucksack, für das Essen draussen, bei den Schafen. Wenn Zeit für den Einkauf war, ging der Alphirt mit dem Esel ins Dorf. Aline wusch ihre Kleider von Hand vor der Hütte, in einem Kübel. Ein Leben wie vor hundert Jahren.

Wenn ein Schaf Pause machen will, dann ruht es, und der Hirte ruht mit ihm. Du kannst noch so sehr erzwingen wollen, noch so sehr weiter drängen. Wenn ein Schaf nicht will, dann will es nicht.

Aline mag diese Art von Leben. «Auf der Alp ist Ruhe, ist Natur. All die sozialen Ängste, Stress und Druck, sie sind auf der Alp einfach nicht existent», sagt sie. Sie weiss noch, wie still sie es nach der Rückkehr aus dem Tal in der Stadt fand. Weil die Geräusche des Bachs fehlten, der Glocken, der Vögel. Aline hat genug Geld angespart, um ihren Job zu kündigen und diese Ausbildung zu beenden. Bald wird sie ihr nächstes Praktikum auf der Alp machen, zwei Monate, allein. Die Chancen, dass sie nach dem Sommer wieder einen Job als Lehrerin bekomme, stünden gut.

Loslassen lernen

Der Ausbildungstag ist zu Ende, Pierina setzt sich mit ihren beiden Hunden ins Gras und geniesst die letzten Sonnenstrahlen. Die 36-Jährige hat sich gegen ein Leben auf der Alp entschieden – sie wollte einen Ganzjahresjob, gesicherte Verhältnisse, weniger Einsamkeit. Heute ist sie Tierpflegerin in Davos. Eine Bereicherung war die Zeit auf der Alp trotzdem. Sie habe sich in dieser Einsamkeit sehr gut kennengelernt, sei stärker geworden, geduldiger, ruhiger. Sie habe gelernt, dass nicht alles in ihrer Hand liegt. Wenn ein Schaf Pause machen will, dann ruht es, und der Hirte ruht mit ihm. Du kannst noch so sehr erzwingen wollen, noch so sehr weiter drängen. Wenn ein Schaf nicht will, dann will es nicht. Vielleicht sei der Beruf deshalb für viele Menschen ein Traum, vor allem in der heutigen Zeit, wo alles schnell und vergänglich sei. Schafe sind und bleiben das Uhrwerk der Alp. Das Leben ordnet sich ihnen unter. Und die Hirtin gibt ihnen nach.