Journalistin & Autorin

15. January 2016
Bref / Reportage

Die Kirche von morgen

Pfarrerin Carla Maurer muss ihre Swiss Church in London führen wie eine Heilige, ein CEO, eine PR-Beraterin. Besuch in der Schweizer Kirche der Zukunft.

«Ja, ist das denn noch eine Kirche hier», fragt die Dame, «also eine richtige, noch in Betrieb?» Pfarrerin Carla Maurer lächelt und sagt: «Ja, natürlich, ich bin der lebende Beweis.»

Ende November, ein kalter Freitag, Strassenlärm dringt durch das Holztor in den Kirchenraum der Swiss Church in London. Seit 161 Jahren steht das Gotteshaus von Schweizer Einwanderern hier, in Covent Garden, im Zentrum von London.

Sechzig Gäste sind heute abend aus der Schweiz eingeflogen, um sich an mit weissem Leinen überzogenen Klapp­tischen Haute Cuisine servieren zu lassen. Eingeladen hat der City Swiss Club London, dessen früherer Präsident ein Freund von Carla Maurer und Gönner der Kirche ist. Die meisten der Anwesenden kannten bis zu diesem Abend die Swiss Church nicht oder nur vom Hörensagen. Seit bald drei Jahren leitet die Pfarrerin Carla Maurer mit ihrem Team die Kirche. Zu ihren Aufgaben zählt auch, Geld zu sammeln. So wie heute abend.

Das Gala-Diner umfasst drei Gänge für 100 Pfund, Lachs mit Forelle an einer Ingwer-Zitronen-Vinaigrette, englisches Lamm, das Gemüse stammt aus der Nachbarschaft, Buttered Lemon Tart. Zube­reitet von der Brigade des berühmten Schweizer Kochs Anton Mosimann, auch er ein Freund der Kirche, ein Freund von Pfarrerin Maurer. Teile des Menus wurden auch an der royalen Hochzeit von William und Kate serviert.

Entweder die Kirche geht raus, in die Welt, und spielt mit, oder sie ist verloren.

Während man sich in der Schweiz noch beklagt über die schwindenden Gläubigen und die Säkularen, die sich gegen die Kirchensteuer wehren, ist die Situation für Carla Maurer und ihre Swiss Church klar: Entweder die Kirche geht raus, in die Welt, und spielt mit, oder sie ist verloren. Dieser Abend heute, ja, das sei Marketing, das sei Verkauf, sagt sie, aus der Not heraus.

Carla Maurer muss ein grosses Loch in der Kasse stopfen. 240 000 Franken laufende Kosten verursacht die über 250 Jahre alte Kirche jährlich. Ab 2018 fallen 116 000 Franken Unterstützung aus der Schweiz weg, mehr als die Hälfte der Einnahmen. Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund in Bern muss sparen, also streicht er unter anderem Zuwendungen an die Gemeinden im Ausland. Für zusätzlichen Druck sorgt, dass die Kirche nach englischem Recht ein gemeinnütziger Verein und zugleich ein privates Unternehmen ist. Die Folge: «Wir dürfen keinen Gewinn machen. Aber eben auch keinen Verlust.»

«Happy Fundraising», ruft Carla Maurer durch die Kirche, Applaus, der Lachs mit Forelle wird serviert.

Hinter den Gästen schimmert der Abendmahlstisch fast unmerklich im dünnen Licht, der Raum füllt sich mit Stimmen. Schön sei es hier, sagt eine Dame, nur das mit der Akustik, das sei schwierig. Man verstehe kaum, was der andere sage.

Vor ein paar Jahren, vor der Renovation, sah diese Kirche aus wie viele andere alte Kirchen, mit Holzbänken und nicht mehr ganz so weissen Wänden. Jetzt dominieren Glasfronten, Betonkanten, Spiegel. Ein Bau, der zur Fashion Week von jungen Labels gemietet wird, für mehrere Tausend Pfund am Tag. Und der am nächsten Tag gratis für das Treffen von Obdachlosen zur Verfügung gestellt wird. Ein Chorraum, in dem auch mal für ein Hochglanz-Fotoshooting skandinavische Möbel aufgestapelt werden. Ein Ort für Videokunst, für Tanzveranstaltungen und Bibellesung, für Orgelkonzerte und stilles Gebet.

"Das Leben ist nun mal anders als vor zweitausend Jahren. Wir sind an einem komplett anderen Punkt." Carla Maurer

Nächste Woche hat die umstrittene Billig-Modekette Primark die Kirche gemietet. «Ich frage mich oft, wie moralisch das noch ist.» Dieses Dilemma werde sich nicht auflösen. «Das Leben ist nun mal anders als vor zweitausend Jahren. Wir sind an einem komplett anderen Punkt.» Manchmal fälle sie Entscheidungen, mit denen sie sich nicht so ganz wohlfühle. Dazu müsse sie dann stehen.

Hochglanz-Shooting im Chorraum

Carla Maurer ist nicht zimperlich, nicht dogmatisch. Das Kleid für den heutigen Galaabend hat sich die 35jährige am Vortag im Ausverkauf besorgt, ihre Wimpern tuscht sie auf der Behindertentoilette der Kirche, weil dort der Spiegel gross genug ist. Die hohen Schuhe zieht sie erst abends an, damit die Füsse nicht schon früher schmerzen. Und das Kleid trägt sie bereits seit Mittag, damit das Tragen es glättet.

Carla Maurer bricht mit allen kirchlichen Klischees, wie sie Aussenstehende kennen: männlich dominiert, überaltert, verkopft, unnahbar. Sie ist manchmal aufbrausend, sagt sie. Und spricht einer in einem Meeting zu lange und zu ausschweifend, wird sie ungeduldig. Sie trägt ihre Haare offen, schminkt sich kaum.

Die Mutter, Feministin, hätte sie damals, Anfang der 1990er Jahre anlässlich der Nichtwahl von Christiane Brunner mit zur Demonstration nach Bern genommen. Bis zur Konfirmation blieb sie ungetauft.

Warum Pfarrerin, Carla Maurer? Eine geradlinige Geschichte gibt es nicht dazu. Vielmehr Ansätze, Spuren. Jede einzelne davon führt nicht notwendigerweise zu Carla Maurer, Swiss Church of London. Aber alle zusammen dann doch, irgendwie. Da sind etwa der Widerstand und die Fragen.

Ungetauft bis zur Konfirmation

Sie sei schon als Kind rebellisch gewesen, erzählt sie. Damals, in St. Gallen, kippte sie einem Buben mal Tipp-Ex ins Haar, sie war Mitglied der Jungsozialisten, die Kirche war ihr fremd. Oder doch nicht ganz. Beide Eltern, ganz im Geiste der 68er, hatten sich von der Kirche distanziert. Gegen kirchliche Autoritäten also, gegen moralische Strenge, gegen das Patriarchat sowieso. Ihr Grossvater väterlicherseits war Pfarrer und Theologieprofessor, «eher konservativ», das Elternhaus der Mutter pietistisch. Die Mutter, Feministin, hätte sie damals, Anfang der 1990er Jahre anlässlich der Nichtwahl von Christiane Brunner mit zur Demonstration nach Bern genommen. Bis zur Konfirmation blieb sie ungetauft. Sie sollte selber entscheiden. Damals, im Konfirmationsunterricht bei Christoph Sigrist in St. Gallen, heute Pfarrer am Grossmünster in Zürich, hatte sie viele Fragen. Keine Provokation ging ihm zu weit. Das gefiel ihr. «Ich stellte Fragen zu Macht und Ohnmacht, woher kommen wir, wohin gehen wir.» Und: «Gibt es Gott?»

Kein Bekehrungserlebnis

Dann aber wollte sie Schauspielerin werden, bewarb sich erfolglos um einen Platz. Danach kam das Studium der Geschichte, der Philosophie. An der kleinen Uni Tobler in Bern kannte jeder jeden. Mit der Theologie kam sie dort als aufgeklärter, säkularer Mensch in Berührung. «Ich ­hatte kein Bekehrungserlebnis», sagt sie. Nein, sie habe unter den Studentinnen und Studenten der Theologie einfach ­viele gute Menschen getroffen, mit denen sie nächtelang und mit dem Bier in der Hand auf dem Balkon sass und diskutierte. Professoren, die sie förderten und ihre kritische Haltung mochten.

Irgendwann wechselte sie zur Theologie. Das wiederum irritierte ihre Freunde und Eltern. «Warum ausgerechnet Theologie?» fragten sie. Bis sie begriffen, dass Freiheit und Offenheit eben gerade in der Theologie wiederzufinden sind. Und es heute möglich ist, einen Weg zu finden in der Theologie – und trotzdem kritisch zu sein, auch gegenüber der Kirche. Bis zum Ende des Studiums bleiben Carla Maurer aber Zweifel. Könnte sie Pfarrerin sein? Ein erstes Vikariat sagt sie ab. Die damalige Universitätspfarrerin nahm ihre Bedenken ernst, vermittelte ihr ein Praktikum im Journalismus. Sie arbeitete als Videojournalistin, lebte in Strassburg, machte Musik, war hin- und hergerissen. Fünf Jahre nach Studienabschluss, 2012, der Entschluss, die Ausbildung zur Pfarrerin zu absolvieren. Ihr Vikariatspfarrer, in der Befreiungstheologie verankert, sei wichtig gewesen. Er kannte den Zweifel. «Er zeigte mir, dass der Pfarrberuf auch für mich etwas sein kann.»

Carla Maurer führt einen Blog, in dem sie feministische Dinge schreibt. Sie findet, mehr Kirchen sollten auf Facebook sein. Sie versteht Leute nicht, die immer brav in die Kirche kommen, dann aber gegen Flüchtlinge schimpfen.

Heute sagt sie als Pfarrerin Sätze wie: «Als aufgeklärte Menschen müssten wir eigentlich alle Agnostiker sein» oder «Ich zweifle stark an der physischen ­Auferstehung des Gottessohnes». Sie hat ein eigenes Verständnis von Kirche ent­wickelt.

Mit ihrem künftigen Mann, einem Musikproduzenten, ist Carla Maurer Mitglied im The Hospital Club gleich um die Ecke der Kirche. Ein exklusiver Member-Club für Kreative.

Carla Maurer führt einen Blog, in dem sie feministische Dinge schreibt. Sie findet, mehr Kirchen sollten auf Facebook sein. Sie versteht Leute nicht, die immer brav in die Kirche kommen, dann aber gegen Flüchtlinge schimpfen. Und es nervt sie, dass oft Pfarrpersonen mit neuen Ideen im Rechtfertigungszwang sind, und nicht die anderen, die an alten Zöpfen hängen. Carla Maurer weiss, dass nicht alle mit ihr klarkommen. Einige Leute hätten Mühe mit ihrer Art und ihrer ­Denke.

Manchmal fährt sie nach Hause und verkriecht sich. Sie hat sich schon überlegt, alles hinzuschmeissen. Aber das würde nicht gehen. Weil sie diese Kirche so wahnsinnig gern hat, wie sie sagt. Und viele Leute glücklich sind, mit ihr. Sie hat sich einen Coach geholt, um besser mit den Konflikten umgehen zu können. «Konflikte hast du in jeder Kirche, vor allem in Veränderungsphasen. Veränderung geht nicht ohne Konflikt.»

Die Swiss Church lebt zu einem gros- sen Teil davon, dass sie für Schweizer in London eine spirituelle und kulturelle Insel ist, eine Heimat auf fremdem Grund. Sie lebt aber auch davon, dass sie sich nicht danach richtet, was die Schweizer Kirchen in der Schweiz tun. Sondern schaut, welche Bedürfnisse die Menschen vor Ort, in London, an die Kirche haben. Die Briten lieben Bier und Pubs, also kombiniert Carla Maurer Beten und Trinken und organisiert den Abend «Prayer and Pub». Für die Obdachlosen gibt es heisse Suppe, mit 80jährigen Frauen aus der Gemeinde fährt sie nach Paris. Weil diese vielleicht alle noch wollen, alleine aber nicht mehr mögen. Die Leute in London lieben Kunst, also organisiert sie zusammen mit dem Goldsmith College Kunstausstellungen.

Pfarrerin Maurer orientiert sich am Zeitgeist und hat damit Erfolg. «London ist natürlich ein besonderer Ort, aber solche Kirchen gibt es in der Schweiz auch. Wir müssen nicht alle das gleiche anbieten», sagt sie. «Wenn es auf dem Land ­keine Obdachlosen gibt, dann muss man etwas anderes tun.» Wichtig sei, sich konsequent zu fragen: Was brauchen die Menschen um die Kirche herum?

Natürlich fände sie es seltsam, dass sie gerade in einem Kirchenraum zu Abend esse und sich amüsiere, sagt eine Dame aus Zürich. But if it serves the purpose? Der Zweck heiligt die Mittel.

In vielen Kirchen, sagt Carla Maurer, stecke hinter allem Bemühen, hinter allen neuen Angeboten immer die Hoffnung, dass die Leute wieder in den Sonntagsgottesdienst finden. «Das muss aufhören. Die Kirche muss die Leute sich selber sein lassen.» Der Sonntagsgottesdienst sei nach wie vor ein zentraler Punkt des Gemeindelebens, aber letztlich doch ein Angebot unter vielen.

Einzige Chance der Kirche

«Wir haben alle Angst vor Verlust», sagt Carla Maurer. Aber man müsse die Menschen gehen lassen können. Auch die Kirche müsse das lernen. Ihnen Raum geben, nicht sie verurteilen. Dann kämen die Menschen von ganz alleine. Denn alles könne Kirche sein. «Hauptsache, man gibt den Menschen das Gefühl, dass man sie wertfrei aufnimmt und unterstützt.» Das sei doch die einzige, grosse Chance der Kirche, die einzige Zukunft: In einer Welt, die voller Druck ist, voller Erwartungen, einfach da zu sein, den Menschen so zu nehmen, wie er ist. Sicherheit bieten, echte Seelsorge eben.

Das Lamm wird serviert, zart wie Butter. Neben den weiss gedeckten Galatischen flimmern Bilder von weissen In- stallationswänden, ein Videoprojekt der Zürcher Künstlerin Andrea Gohl. Sie hat Portraits von Menschen aus dem Quartier gedreht, die Umgebung dieser Kirche aufgenommen, eine Hommage an das Lokale.

Andy, einer der Protagonisten in der Videoinstallation der Künstlerin Gohl, war dreissig Jahre auf der Strasse. Er war lebensmüde. Bald wird er in dieser Kirche seine erste Kunstvernissage halten, auf der Strasse lebt er nicht mehr. «Diese Kirche kam zum richtigen Zeitpunkt zu mir», sagt er. Er sei keine religiöse Person, aber er möge diesen Raum, diese Kirche. Hier könne er Stille erfahren, dieser Ort habe ihn gerettet. Carla sei in sein Pub gekommen und habe ein Bier mit ihm getrunken, als er es am nötigsten hatte. «Sie hat mich einfach weinen und reden lassen. Das war alles, was ich damals brauchte.» Zum ersten Mal im Leben habe jemand an ihn geglaubt.

Das ist eine der Visionen, die Carla Maurer und ihr vierköpfiges Team – vom Sozialarbeiter bis zum Organisten – umtreibt: Die Türen öffnen, so oft es geht. Für Leute in Anzügen, für Leute in Wollsocken. Der reformierten Tradition entsprechend sei der Kirchenraum nicht sakral, sagt Carla Maurer. «Heilig wird er für mich erst, wenn Menschen darin sind. So wie heute abend.»

«Mit meinen Steuergeldern!»

Natürlich fände sie es seltsam, dass sie gerade in einem Kirchenraum zu Abend esse und sich amüsiere, sagt eine Dame aus Zürich. Dann aber denke sie auch: Die Katholiken hätten wenigstens ihre Skandale. Es sei doch heute abend lustig, sie könne mit Leuten sprechen, gut essen, laut lachen, das pralle Leben halt. Und wenn sie Pfarrerin Maurer so anschaue, wie sie versuche, ihre Kirche zu retten, dann denke sie: «If it serves the purpose.» Der Zweck heiligt die Mittel.

"Das ist auch euer Raum. Und wenn eu no irgend es Nötli locker hockt, sagt sie in ihrem sanktgallischen Akzent, denn hemmer e Kasse vorne ade Tür.

Sie sehe doch, wie die Kirchen in der Schweiz jeden Sonntag leer stünden, wie die Pfarrer an den Leuten vorbeipredigten. «Mit meinen Steuergeldern! Sie würden gschider ein paar Kirchen in der Schweiz schliessen, statt dieser Kirche hier in London die Subventionen zu kürzen.» Man müsse heutzutage eben etwas bieten können, sonst gehe man unter, freie Marktwirtschaft nenne sich das und die Kirche sollte auch danach funktionieren.

Die Lemon Tart wird serviert, die Gäste schwärmen über die Schönheit der Glarner Alpen, monieren, dass der Kuchen viel zu süss sei und dass man heutzutage in London die gleichen Kleider kaufen kann wie in Zürich, die Globalisierung. Die Dame lehnt sich über den Tisch und sagt zu ihrem Partner: «Schatz, wir sollten mal überlegen, wie wir diese Swiss Church unterstützen könnten.» Ihr Partner nickt und sagt, genau das habe er auch gedacht.

«Ich hoffe, ihr habt gut gespiesen, in unserer heiligen Halle», sagt Carla Maurer. «Das ist auch euer Raum. Und wenn eu no irgend es Nötli locker hockt», sagt sie in ihrem sanktgallischen Akzent, «denn hemmer e Kasse vorne ade Tür.» Die Menge lacht. Wenig später entschwinden die Gäste, eingepackt in ihren Mänteln, durch das Holztor in die Winternacht von London. Der gesamte Galaabend hat der Swiss Church rund 3000 Pfund, umgerechnet 4500 Franken, eingebracht.

Eine auswärtige Pfarrerin predigt davon, dass es eher für ein Kamel möglich sei, durch ein Nadelöhr zu gehen, als für einen Reichen, das Königreich Gottes zu erlangen.

Zwei Tage später, der Sonntagsgottesdienst nach dem Diner. Die Tische und die Videoinstallation sind zur Seite gestellt, ein paar Stuhlreihen stehen verloren vor dem Altar. Darüber, an der Wand, das in Weiss getauchte Kreuz. Gleich in gleich mit der Wandfarbe, fast unsichtbar. Wer es nicht sehen mag, sieht es nicht.

Rund ein Dutzend haben sich zum Gottesdienst eingefunden, die meisten Köpfe mit schlohweissem Haar. Es ist ­einer der wenigen Sonntage im Jahr, an denen nicht Carla Maurer den Gottesdienst hält. Eine auswärtige Pfarrerin predigt davon, dass es eher für ein Kamel möglich sei, durch ein Nadelöhr zu gehen, als für einen Reichen, das Königreich Gottes zu erlangen.

Nach dem Gottesdienst wird an einem langen Klapptisch das Mittagessen für die Gemeinde serviert. Zur Vorspeise gibt’s Suppe, Nudeln mit Sauce bolognese, dazu Salat und ein Glas Rotwein; für günstige 4.50 Pfund. «Manchmal denke ich, das ist etwas teuer», sagt eine 83jährige Frau. Sie meint es ernst. Seit 1973 ist sie Mitglied der Swiss Church. Diese Kirche war ihr eine Stütze, ein Stück Heimat. Aber auch eine Kinderkrippe, als ihre Kinder noch klein waren.

Carla sei oft nicht da, es gebe sehr viel zu tun. Auch müsse sie zu vielen Leuten nach Hause. «Die kommen ja alle nicht mehr so hierher wie früher.»

Pfarrerin Carla Maurer sitzt im ersten Stock des Kirchengebäudes, neben ihr die riesige Glasfront, durch die sie in den Altarraum hinuntersieht. An der Betonsäule neben ihrem Schreibtisch hängt ein Bild mit einem Leuchtturm im stürmischen Meer. Daneben handschriftliche Notizen wie «Tagträumen» oder «Spazieren». Sie hängen wie Mahnmale da. Als müssten sie Carla Maurer an die wichtigen, kleinen Dinge im Leben erinnern, die bleiben, wenn der Sturm vorüber ist.

Die Liste ihrer Aufgaben ist schier endlos. Neben ihrem Job als Pfarrerin, Managerin, Personalverantwortliche und Fundraiserin bleibt manchmal gar nicht mehr so viel Zeit. Zwar wusste sie, dass auch die «finanzielle Neuausrichtung» zum Anforderungsprofil zählte, nur: «Geschult bin ich darin nicht. Was dies alles zur Folge hat, das dämmert mir nun langsam. Ich bin manchmal spirituell und emotional am Ende», sagt sie. Sie fühle sich verantwortlich und regelmässig bleibe ihr einfach zu wenig Raum für Gedanken. «Es kommt vor, dass ich gar nicht mehr weiss, wer ich bin und was mir wichtig ist, ich verliere mich.» Sich Sorgen machen um sie müsse man trotzdem nicht: «Ich lerne gerade, meine Prioritäten neu zu setzen.»

Dringlich sei für sie als Pfarrerin einzig dies: «Jeden Menschen zu empfangen, egal woher er kommt, egal ob reich oder arm. Und egal was er glaubt – oder eben nicht.»