Journalistin & Autorin

6. September 2015
Zentralschweiz am Sonntag / Interview

"Die Strahlen machen mich krank"

Graziella Maiano ist elektrosensibel. Mit ihrer Krankheit hat sie alles verloren, was ihr lieb war. Heilung gibt es bisher keine - und viele Leute denken, sie spinne.

Graziella Maiano, wir sitzen auf einer Parkbank, um uns herum surfen Menschen per Handy im Internet. Wie geht es Ihnen?

Graziella Maiano: Es geht mir einigermassen gut. Ich spüre die Strahlung, aber ich versuche, sie vorübergehend zu ertragen. Ich weiss, dass wir nicht lange hier sitzen werden und dass ich mich danach wieder zurückziehen kann. Aber ich spüre, ob jemand nur SMS schreibt oder im Internet surft. Das sind ganz andere Intensitäten.

Was spüren Sie genau?

Maiano: Wenn jemand auf der Parkbank neben mir im Internet surft, dann wird mir heiss, die Muskeln verkrampfen, der Rücken beginnt zu schmerzen. Mir ist schwindlig, übel. Es ist, als würde Strom durch meinen Körper fliessen. Ein ständiges Kribbeln.

Viele Menschen glauben, Elektro­sensible seien Hypochonder, weil sie selber diese Strahlungen nicht spüren. Spinnen Sie?

Maiano: Ich weiss, dass viele Leute so denken. Vielleicht würde ich selbst so denken, wäre ich nicht betroffen. Ich weiss aber, dass ich mir das Unwohlsein und die Schmerzen nicht einbilde. Ich war immer ein fröhlicher, gesunder Mensch. Ich habe täglich Sport gemacht, war psychisch stabil. Und plötzlich war ich nur noch müde, erschöpft. Und das innert ein paar Wochen. Das Unwohlsein war nur da, wenn ich Strahlung ausgesetzt war. Nur wusste ich das damals noch nicht.

"Meine Freunde sagten: Vielleicht hast du ein Burn-out, Graziella. Sie dachten, es habe vielleicht mit dem Jobwechsel zu tun – oder mit meiner Beziehung. Graziella Maiano

Bis vor sieben Jahren führten Sie ein ganz normales Leben wie jeder andere auch. Wann wurden Sie krank?

Maiano: 2008 wechselte ich den Job, ich wollte mich neu orientieren. Ich fing in der Informatikabteilung der SBB in ­Worblaufen an. Davor war ich Direktionsassistentin bei der Swisscom gewesen. Schon nach ein paar Wochen im neuen Büro hatte ich immer Husten, Gliederschmerzen, war erschöpft und immer müde. Ich dachte, eine Grippe ist im Anflug. Oder ich hätte eine Allergie. Ich war in einem Grossraumbüro mit Dutzenden Laptops, Handys und WLAN um mich herum.

Und allen war klar: Daran liegts?

Maiano: Nein, natürlich nicht. Meine Freunde sagten: Vielleicht hast du ein Burn-out, Graziella. Sie dachten, es habe vielleicht mit dem Jobwechsel zu tun – oder mit meiner Beziehung. Ich lief von einem Arzt zum anderen. Ich wusste ja auch nicht, was ich plötzlich hatte. Ich ging zum Allergologen. Er überwies mich zum Lungenspezialisten, zum Neurologen, Rheumatologen. Keiner wusste, was ich hatte, alle waren ratlos.

Wann wurde alles klarer?

Maiano: An einem Morgen im Frühling vor sechs Jahren. Ich war davor längere Zeit ohne Internet und Handy gewesen, ohne WLAN, ich war damals krank geschrieben von der Arbeit. Ich hatte wieder einmal einen Kontrolltermin im Zieglerspital. Ich trat also in die Eingangshalle des Spitals, lief ins Wartezimmer. Da fing das Kribbeln im Körper wieder an. Und ich sagte dem Professor: Hören Sie, jetzt ist es wieder da, dieses unangenehme Gefühl. Und er sagte: Frau Maiano, vielleicht sind Sie elektrosensibel.

"Es gibt Tage, an denen ich aus dem Haus gehe und nicht weiss, wohin ich als Nächstes gehen soll. Vom Leben, das ich einmal kannte, ist fast nichts mehr übrig." Graziella Maiano

Und Sie?

Maiano: Ich sagte: Was ist das? Ich konnte mir damals nichts darunter vorstellen. Ich dachte einfach: Was auch immer. Ich war froh, dass jemand eine Diagnose aussprach, nach all den Monaten. Ich hatte bis dahin noch nie im Leben von dieser Krankheit gehört. Danach wurden Abklärungen beim Institut für Komplementärmedizin des Inselspitals gemacht, diese bestätigten die Diagnose.

Wie hat sich Ihr Leben seit der Diagnose verändert?

Maiano: Es gibt Tage, an denen ich aus dem Haus gehe und nicht weiss, wohin ich als Nächstes gehen soll. Weil ich nicht weiss, wo ich es noch aushalte, wo die Spannung meinen Körper und meine Nerven nicht ermüdet. Vom Leben, das ich einmal kannte, ist fast nichts mehr übrig. Das macht mich sehr traurig und auch wütend.

Was haben Sie verloren?

Maiano: Fast alles. Meine Gesundheit, sicher. Die meisten meiner Freunde von damals. Meine Beziehung. Die Arbeit. ­Meine Hobbys. Ich kann mich nicht mehr frei bewegen. Die ­alltäglichsten Dinge sind für mich schwierig und anstrengend. Sie erfordern gezielte Planung.

Zum Beispiel?

Maiano: Wenn ich einkaufen gehe, eile ich an den Kühlschränken und Tiefkühltruhen vorbei und versuche, die kürzeste Schlange vor der Kasse zu erwischen. Es gibt kaum etwas Schlimmeres, als wenn die Menschen aus Langeweile im Akkord zu ihren Handys greifen. Ich kann nicht mehr mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, ich fahre ein altes Auto mit wenig Elek­tronik. Wenn ich es in die Garage bringe, rufe ich davor aus einer Telefonkabine den Garagisten an und sage ihm, dass ich es vorne abstelle, damit ich nicht zu ihm ins Büro muss. Man ist immer auf der Hut.

"Wenn ich konsequent wäre, müsste ich mich irgendwo in einem Funkloch in ein Haus verkriechen und es nie wieder verlassen. Aber wer will so leben?" Graziella Maiano

Das klingt anstrengend.

Maiano: Das ist es. Sehr. Ein grosser Teil meiner Energie geht dafür verloren, einfachste Dinge zu erledigen. Danach ­fühle ich mich meistens schlecht und müsste mich irgendwo erholen können, weil mein Nervensystem so überlastet ist. Aber das geht nicht.

Warum nicht?

Maiano: Schon alleine deshalb nicht, weil es in der Schweiz kaum mehr Orte gibt, die ohne Strahlung sind. Ich reagiere nicht nur sensibel auf WLAN-Netze, die ja an immer mehr Orten in Betrieb sind. Sondern ich spüre auch Strom, Magnetfelder, Funktelefone, Smartphones, Handy­antennen, Elektrozäune, Wasseradern. Es gibt also praktisch keinen Ort mehr für mich, wo ich wirklich leben könnte.

Wo leben Sie denn zurzeit?

Maiano: Im Moment in einem Ferienzimmer. Davor schlief ich manchmal im Auto oder in einem Kellerzimmer. Ich habe seit Jahren keinen festen Wohnsitz mehr, meine Sachen sind in einem Container gelagert. Wenn ich konsequent wäre, müsste ich mich irgendwo in einem Funkloch in ein Haus verkriechen und es nie wieder verlassen. Aber wer will so leben? Da nehme ich halt Schmerzen in Kauf. Wenn es gar nicht mehr geht, nehme ich Beruhigungsmittel.

Und wie geht Ihr Umfeld mit Ihrem Leiden um?

Maiano: Zu meinen Eltern und Geschwistern nach Hause gehe ich seit Jahren nicht mehr, auch zu Freunden, Bekannten kann ich nicht heim. Oft wegen den Nachbargeräten. Ich treffe die Leute unten an der Aare oder kurz in der Stadt. Ich habe so gut wie alle alten Beziehungen aufgeben müssen.

"Ich kann nicht mehr arbeiten, nicht mehr in Hotels übernachten, ich kann nicht Kaffee trinken gehen oder ins Kino, nicht in die Ferien fliegen, nicht ins Fitnessstudio. Das belastet Beziehungen. Ich bin sehr einsam, seit ich elektrosensibel bin." Graziella Maiano

Woran scheitert es?

Maiano: Natürlich in erster Linie daran, dass ich nicht mehr so einfach am normalen Leben teilnehmen kann. Ich kann nicht mehr arbeiten, nicht mehr in Hotels übernachten, ich kann nicht Kaffee trinken gehen oder ins Kino, nicht in die Ferien fliegen, nicht ins Fitnessstudio. Das belastet Beziehungen. Ich bin sehr einsam, seit ich elektrosensibel bin. Meine Werte haben sich geändert, ich lebe heute bewusster, muss auf meine Gesundheit achten. Ich bin sehr wenig im Internet, vor allem zur Wohnungssuche und zum Austausch. Ich kommuniziere nicht über Facebook. Ich habe die ganze Entwicklung der Gesellschaft der letzten Jahre nicht mitgemacht.

Was aber auch sehr schön sein kann.

Maiano: Ja, tatsächlich hat das alles auch eine gute Seite, wenn auch eine, die mich sehr viel kostet. Ich lebe bewusster, langsamer. Ich bin aus dem Hamsterrad ausgestiegen, in welchem viele unglücklich sind. Und die Freundschaften, die ich heute habe, sind tiefer, ehrlicher. Ich habe notgedrungen eine E-Mail-Adresse, ein altes Handy. Damit ich irgendwie erreichbar bleibe. Aber ich telefoniere nicht damit. Meinen Freunden sage ich: Eine SMS schreiben. Ich rufe, wenn nötig, aus einer Telefonkabine zurück. Und sie akzeptieren das.

Warum ist es so schwierig, als elektro­sensible Person einen Partner zu finden?

Maiano: Man muss jemanden finden, der das alles mitmacht. Ich kann keine normale Beziehung zu einem Mann führen. Wer will denn schon ohne Strom leben, ohne Internet, ohne Heizung? Die Leute denken immer: Ach, nur mal schnell zwei Minuten das Netz anmachen, mal schnell im Internet surfen, das macht doch nichts. Aber mir macht das etwas. Mir fügt das Schmerzen zu.

Wie müssten Sie denn leben, dass Ihnen wohl wäre?

Maiano: In einem Funkloch ohne Quellen elektromagnetischer Strahlung. In einem Haus, das eine externe Heizung hat oder nur mit einem Schwedenofen beheizt wird. Gleichstrom statt Wechselstrom. Oder abgeschirmte Elektrokabel. Und ohne Elektrozäune in der Nähe. Aber das Wichtigste wäre für mich: keine Nachbarn, die mich mitbestrahlen.

"Es wäre existenziell wichtig, dass für Elektrosensible endlich Orte geschaffen werden, wo kaum Strahlung existiert. Haben wir im Grunde nicht alle das Recht, ab und an nicht auf Empfang zu sein?" Graziella Maiano

Gibt es so etwas überhaupt?

Maiano: So etwas könnte es geben. Es gibt zum Beispiel spezielle Wandfarbe, die Strahlung abblockt. Ein Haus kann mit dieser Farbe angestrichen werden, das würde sehr viel nützen. In Bern gibt es bereits ein solches Haus. Am einfachsten wäre, wenn ich in meinem eigenen Haus leben würde. Aber ein Haus für mich alleine, das kann ich mir nicht leisten.

Was tun?

Maiano: Es wäre existenziell wichtig, dass für Elektrosensible endlich Orte geschaffen werden, wo kaum Strahlung existiert. Und vor allem keine Dauerbestrahlung von Nachbarn erfolgt. Das wäre dann so ähnlich wie ein Nichtraucherabteil in einem Zug. Haben wir im Grunde nicht alle das Recht, ab und an nicht auf Empfang zu sein? Deshalb würde ich mir wünschen, dass die Gesellschaft und der Staat Elektrosensibilität ernster nehmen würden. Dass die Sensibilität für das Thema steigt und man zum Beispiel Wohn- und Arbeitszonen einrichten könnte, die strahlenvermindert sind. Dann könnten wir Elektrosensible wieder ein menschwürdiges Leben führen, ohne andauernd flüchten zu müssen.

Einige Elektrosensible im Ausland wohnen in Kommunen zusammen, in abgelegenen Wäldern beispielsweise. Nichts für Sie?

Maiano: Eine Möglichkeit, vielleicht. Ich muss meinen Lebensunterhalt jedoch selber bestreiten und möchte arbeiten. Ich würde lieber in einem kleinen Haus ohne Komfort wohnen, für mich, und das Leben ein wenig geniessen. Und natürlich würde ich gerne wieder reisen können. Auch arbeiten würde ich wahnsinnig gern. Ich lebe seit zwei Jahren von Erspartem und dem Zustupf meines Vaters, weil ich nirgends arbeiten kann, weil die Strahlung überall ist. Dabei bin ich arbeitsfähig, leistungsfähig, gesund. Solange ich keiner Strahlung ausgesetzt bin. Eigentlich ist dieser Zustand pervers.

"In einem Kloster kann die Strahlung stärker sein als in der Stadt. Man weiss im Vorfeld nie, wo ein Mast steht, wo eine Antenne sendet. Selbst das entlegenste Kloster hat heutzutage Netz." Graziella Maiano

Ist ein Leben wie das Ihrige überhaupt noch lebenswert?

Maiano: Ich habe lange sehr damit gehadert. Ich habe mir auch ein paar Mal überlegt, dieses Leben zu beenden. Ich bin wegen meiner Eltern geblieben und weil ich die Hoffnung habe, dass die Krankheit irgendwann anerkannt wird und ich wieder mehr Raum erhalte, um mich ohne Schmerzen zu bewegen. Ich habe eine Ausbildung zur Elektrobiologin gemacht. Damit kann ich nun Menschen beraten, die selbst unter dem Elektrosmog leiden.

Dann sind Sie aber auch Strahlung ausgesetzt. Bei den Leuten zu Hause.

Maiano: Ja, das ist richtig. Aber dadurch kann ich selber steuern, wie lange und wie oft ich mich aussetze. Geräte kann man ja ausschalten, und gegen die Belastungen durch Nachbarwohnungen schütze ich mich mit Abschirmkleidern, wenn nötig.

Und in ein Kloster gehen? Oder in eine einsame Hütte irgendwo auf einem Hügel?

Maiano: Ich weiss, die Leute können sich das gar nicht vorstellen. Sie denken ­immer: Da sind doch so viele Wälder, Flüsse, unbewohnte Gebiete. Es gibt doch haufenweise Platz, haufenweise strahlungsfreie Zonen. Doch glauben Sie mir: In einem Kloster kann die Strahlung stärker sein als in der Stadt. Man weiss im Vorfeld nie, wo ein Mast steht, wo eine Antenne sendet. Selbst das entlegenste Kloster hat heutzutage Netz.