Journalistin & Autorin

20. January 2013
Sonntagszeitung / Reportage

Die verdammte Stadt

Die Gräuelstätte Auschwitz boomt. Während das Museum den Ansturm kaum mehr bewältigen kann, versinkt das Städtchen Auschwitz in der Bedeutungslosigkeit.

Kein Mensch, der in der Stadt Auschwitz lebt, spricht ihren Namen aus. Wer das tut, von dem wissen alle: Der ist nicht von hier. Er ist keiner von uns. Auf Polnisch heisst die Stadt Oswiecim. Das klingt nicht nach Hitler, nicht nach KZ. Mit dem berühmten Namen kommt der Fluch. Und Flüche spricht man nicht aus.

27. Januar 1945. Die Rote Armee hat über Nacht Oswiecim erreicht. Die Brücken, die über den Fluss Sola vom Städtchen zum Konzentrationslager Auschwitz führen, sind gesprengt, die Deutschen geflohen. 7000 Gefangene sind noch übrig, um befreit zu werden. Die Krematorien sind noch warm.

Seit 2005 gedenkt die Welt am 27. Januar den Opfern des Holocaust. Das befreite Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau wird zum Mahnmal, zum Symbol für die umfassendste Vernichtungsmaschinerie unserer Zeit.

1947 wird aus dem KZ ein Museum, 25 Millionen Menschen haben den Ort des Grauens seither besucht. 2002 besuchten 500 000 Menschen das Museum Auschwitz-Birkenau. 2012, zehn Jahre später, waren es rund 1,5 Millionen – ein Anstieg um 200 Prozent. 6,1 Millionen Franken hat das Museum Auschwitz-Birkenau im Jahr 2011 umgesetzt. Massentourismus am Ort der Massenvernichtung.

Im Häuschen neben dem Todestrakt gibt es Coca-Cola, Wasser und Snacks zu kaufen. Den Todestrakt empfiehlt der Pressesprecher besonders. Block 11, ganz hinten, letztes Haus rechts, wo die meisten Menschen anstehen. Wartezeit zehn Minuten, die Schlange ist etwa 50 Meter lang. «Dieses Museum steht hier, um den Leuten auf der Welt begreiflich zu machen, dass sie eine Verantwortung haben. Dafür, welchen Lauf unser Leben nimmt, welche Entscheidungen getroffen werden», sagt Pawel Sawicki, Pressesprecher des Museums Auschwitz-Birkenau.

Jugendliche sitzen auf der Treppe vor dem Eingang zum Museum Auschwitz, mit Chips-Tüten in ihrer Hand, und lecken sich ihre salzigen Finger. In der Eingangshalle des Museums steht ein Postschalter, wo die Besucher Postkarten direkt ab Ort des Grauens verschicken können.

"Da ist dieses beklemmende Gefühl und gleichzeitig der Stolz darüber, dass man sich dem Grauen ausgesetzt hat. Auschwitz ist Nervenkitzel." Zsolt Keller

Die meisten Menschen, die nach Auschwitz kommen, bleiben nicht in Auschwitz. Für die meisten Menschen ist Auschwitz kein wirklicher Ort, nichts, was Leben verspricht. Hier wartet bloss ein grosses Gelände im Feld, mit einer Gaskammer, Stacheldrähten, einer mittelmässigen Museums-Cafeteria und einem grossen Bus-Parkplatz. Die meisten Menschen sehen das, was sie unter Auschwitz verstehen, zwei Stunden lang.

Danach kehren die Touristen zurück nach Krakau, in die grosse, pulsierende Stadt, die mehr ist als ein blosses Mahnmal. «Krakau vermarktet sich gut, und Auschwitz gehört zum Touristen-Package mit dazu», sagt Zsolt Keller, Historiker am Seminar für Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie der Universität Basel. Geschichts-Tourismus boome. «Die Leute wollen die Kriegsschau- plätze live sehen.» Das Fernsehen würde mit Wissenssendungen en masse dazu beitragen. Ohnehin sei der Holocaust primär Populärkultur. «Die ersten Bilder von Auschwitz waren Bilder des Schreckens, dann kam Anne Frank, kamen Theaterstücke, Filme. Die wissenschaftliche Aufarbeitung kam erst viel später.»

Am Eingang des Museums erhält jeder Besucher graue Kopfhörer. So können 250 Dolmetscher, die an 365 Tagen im Jahr für das Museum im Einsatz sind, live in 20 Sprachen übersetzen – der Besucher hat so jederzeit jemanden im Ohr, der ihm von Grausamkeiten erzählt, die sein eigenes Fassungsvermögen überschreiten. «Dieses Grauen, das hier einmal war, können wir gar nicht mehr empfinden», sagt Keller. «Die Krematorien sind alle sauber und steril, die Insassen verschwunden. Auschwitz, so, wie es wirklich war, übersteigt unsere Vorstellungskraft. Auschwitz kommt verdammt normal daher.»

Im Januar 2012 hat das Museum Auschwitz-Birkenau einen neuen Besucherrekord vermeldet. Im April 2012 hat es den Zugang für Einzelbesucher beschränkt. Bis Ende Oktober mussten sich Individualreisende bei einem Besuch des Stammlagers Auschwitz I in der Zeit von 10 bis 15 Uhr geführten Gruppen anschliessen. Zu viele Menschen wollten ins KZ.

Es ist das Böse, das uns Menschen in seinen Bann zieht. Durch Auschwitz wollen wir alle durch. Das Leiden ruft, und wir wollen mitleiden. «Wir sind vom Grauen angewidert, schauen aber trotzdem hin», sagt Keller. Der Besuch des Konzentrationslagers habe etwas Voyeuristisches. «Da ist dieses beklemmende Gefühl und gleichzeitig der Stolz darüber, dass man sich dem Grauen ausgesetzt hat. Auschwitz ist Nervenkitzel.»

In Oswiecim steht eine der wenigen Universitäten der Welt, an der man das Fach Holocaust studieren kann. An den Wochenenden feiern die Studenten im Nightclub Uklad wilde Partys, manche fahren davor mit ihren tiefergelegten Autos ein paar Runden durch die Altstadt. In der Nähe von Auschwitz werden Autos für die italienische Marke Fiat hergestellt, unweit davon Möbel für Ikea. Aus den von KZ-Häftlingen aufgebauten Buna-Werken wurde die Chemiefirma Synthos S.A. Sie ist der wichtigste Arbeitgeber der Stadt. Der zweitwichtigste ist das Museum Auschwitz-Birkenau.

Der Tourismus-Beauftragte von Auschwitz, Marek Tarnowski, sagt, am Fluss Soła könne man schön spazieren gehen. Vergangenen Sommer hat die Stadt ein Musikfestival organisiert, 15 000 Menschen kamen, Countrysänger Gunther Gabriel war der Star-Act.

40 000 Menschen leben in Oswiecim. 30,3 Quadratkilometer Fläche. Es gibt zwei Tattoo-Studios, ein Schwimmbad, in dem ein polnischer Olympia-Schwimmer trainiert, und eine Hockey-Mannschaft, die zu den besten in ganz Polen gehört. Auschwitz hat eine neue Bibliothek gebaut, mit gläsernen Fronten hinter Gitterstäben, darauf ist der Tourismus-Verantwortliche sehr stolz. «Die Menschen hier stört es, dass dieser riesige Schatten über ihnen hängt, den sie nicht loswerden», sagt Pressesprecher Sawicki. «Es war ja nicht ihre Idee, hier ein Konzentrationslager zu bauen. Ich für meinen Teil finde, dass das Konzentrationslager zu uns dazugehört. Es ist nun mal passiert, und damit müssen wir uns auseinandersetzen.»

Im Hotel Galicja Wellness & Spa, dem bekanntesten Hotel in Oswiecim, übernachteten schon der niederländische Prinz Willem-Alexander und seine Máxima, der Zwillingsbruder des verstorbenen polnischen Präsidenten Lech Kaczynski und Jacques Chirac. Das Hotel liegt weit weg vom Konzentrationslager, auf der gegenüberliegenden Seite der Stadt. Wenn schon in Auschwitz schlafen, dann lieber in der Nähe des grossen Synthos-Areals als neben einem ehemaligen Krematorium für Juden. «Man schläft nicht gern an einem Ort wie Auschwitz», sagt Keller. «Nicht nur, weil die Infrastruktur fehlt. Oswiecim ist untrennbar verbunden mit dem Bösen. Selbst die Polen leben nicht gerne dort.»