Journalistin & Autorin

8. November 2013
Südostschweiz / Interview

"Die Zeit ist reif"

Ein niederländischer Unternehmer bringt das erste fair produzierte Smartphone der Welt auf den Markt. Im Gespräch sagt Bas van Abel, warum ausgerechnet ein Handy die Welt verbessern soll.

Herr van Abel, warum wollen Sie die Welt gerade mit einem Handy verändern?

Bas van Abel: Weil ein Handy sehr persönlich ist. Wir lieben es, wir tragen es ständig mit uns herum. Es ist das technische Produkt, das uns am nächsten ist. Weil es uns mit der Welt verbindet. Und gleichzeitig wissen wir nichts über dieses Ding. Es ist paradox. So vieles, was auf dieser Welt abläuft, ist an das Smartphone gebunden. Nehmen Sie die NSA-Affäre: Es dreht sich alles ums Handy. Auch trägt es eine ganze Industrie in sich: Die Komplexität der Produktion, die verschiedensten Mineralien, die aus den verschiedensten Teilen der Welt stammen, Globalisierung, Spezialisierung. Es ist nicht einfach eine Banane oder Kaffee. In einem Handy spiegelt sich eine ganze Weltordnung wider.

Hätte es denn nicht gereicht, eine Sensibilisierungskampagne zu starten?

Das wollten wir sogar tun, anfangs. Das Problem aber ist: Es gibt keinerlei Alternativen zu den grossen Händlern. Du kannst die Leute noch so sehr für Menschenrechte und Nachhaltigkeit sensibilisieren – wenn du ihnen keine Alternativen bieten kannst, um die Erkenntnis umzusetzen, ist das Zeitverschwendung. Also haben wir beim Produkt angefangen. Um die ganze Produktionskette aufzubrechen. Deshalb haben wir ein Smartphone entwickelt. Um das System dahinter ans Licht zu bringen, und nicht an der Oberfläche einer Marke haften zu bleiben.

"Ein Produkt steht immer für einen Status Quo eines gesellschaftlichen Prozesses, die Veränderung wird daran sichtbar und greifbar." Bas van Abel

Das klingt nach einem Aktivisten.

Ein Design-Aktivist, ja. Ich als Designer glaube: Die komplexesten Probleme der Welt können durch Design-Prozesse gelöst werden. Ein Produkt steht immer für einen Status Quo eines gesellschaftlichen Prozesses, die Veränderung wird daran sichtbar und greifbar. An ihm kann man Veränderung bewirken. Änderst du das Produkt, änderst du vielleicht auch die Gesellschaft.

Welchen Teil der Gesellschaft wollen Sie denn mit diesem Handy verändern?

Es geht um die Frage, wie wir Wirtschaft definieren – und wozu das Wirtschaftssystem dienen soll. Darum, was fair ist, und für wen. Dieses industrielle Modell, das wir alle geschaffen haben, ist wunderschön und sehr effizient. Aber es hat uns vom Schaffensprozess entfernt. Die Dinge entstehen irgendwie und irgendwo, und wir als Konsument haben damit nichts mehr zu tun. Dabei sollte der Konsument merken: Ich bin auch involviert, ich forme das System mit. Die Frage ist: Nach welchen Werten sollte das System funktionieren?

Ist es denn nicht so, dass es vielen Menschen recht ist, dass sie von all diesen Prozessen nichts mitbekommen?

Ja, da haben Sie recht. Auf der anderen Seite sehe ich, dass Menschen soziale Wesen sind. Aber bei all dieser Intransparenz können die Leute auch keine Verantwortung für etwas übernehmen, das sie nicht sehen.

Also ist das Smartphone die Konkretisierung des gesamten Systems, das es zu ändern gilt?

Ja, so ist es. Ein Artefakt für einen Wandel.

Sind die Leute denn überhaupt bereit für einen Wandel? Apple macht Spass, das ist doch genug?

Vor fünf Jahren wären wir gescheitert. Doch nun haben die Leute die riesigen, unkontrollierbaren Systeme satt, die die Märkte dominieren. Die Finanzkrise hat uns skeptisch gemacht. Jetzt kommen kleine, neue Firmen wie wir, die etwas ändern wollen, und die Leute sympathisieren mit uns. Es geht nicht nur um faire Arbeitsbedingungen. Die Leute wollen Transparenz. Und die geben wir ihnen.

Sie haben also eine Philosophie.

Ja. Wer ein Fairphone kauft, gibt ein Statement ab. Er will diskutieren. Er ist Teil einer Bewegung, und nicht einfach ein Konsument.

"Apple war am Anfang auch idealistisch. Auch Apple wollte vieles verändern. Doch die Marke ist zu gross geworden, sie muss Investoren zufrieden stellen." Bas van Abel

Apple hat auch eine Philosophie. Die hat sich gar nicht so sehr davon unterschieden, wovon Sie gerade sprechen. Auch Steve Jobs wollte die Welt verändern.

Wir wollen Dinge verändern. Das heisst aber noch lange nicht, dass wir dadurch die gleiche Mission haben wie alle anderen Firmen, die auch etwas verändern wollen. Unser Leitgedanke ist es, etwas zu bewirken. Es zu schaffen, die grossen Firmen dazu zu bringen, soziale Kriterien in ihr Denken zu integrieren. Wenn du an so etwas glaubst, wirst du unser Handy kaufen. Wenn du an Design und unendliche App-Möglichkeiten glaubst, dann kaufst du Apple. Oder, was noch besser wäre: Apple entscheidet sich irgendwann, unsere Standards für faire Produktion zu übernehmen. Dann wären wir genauso glücklich. Weil es um die Mission geht.

Also doch ein Aktivist.

Nein, eher ein Idealist. Weil ich versuche, die Wurzeln des Systems zu ändern, anstatt das System per se zu bekämpfen. Wir verfolgen ein kommerzielles Modell. Das Ganze ist also nicht angelegt als reine Aktion der Nächstenliebe. Zu einem gewissen Teil musst du dich als Firma in das System hineinbegeben, und dich ihm anpassen, um es zu verändern. Sämtliche Fair-Trade-Modelle sind kommerziell. Die Frage sollte nicht sein, welches System du wählst, sondern, was du damit machst.

Ist das nicht ein bisschen naiv, zu denken, dass Sie ein ganzes System verändern können?

Wie gesagt, ich glaube, die Zeit ist reif. Und wir sind nicht die Einzigen. Das ist eine Bewegung, die Leute wollen hinter die Produkte sehen, bei den Kleidern, bei den Lebensmitteln. Die Konzerne haben dort bereits angefangen, zu reagieren. Warum sollten sie es nicht auch bei einem Smartphone tun? Apple war am Anfang auch idealistisch. Auch Apple wollte vieles verändern. Doch die Marke ist zu gross geworden, sie muss Investoren zufrieden stellen. Das Unternehmen ist so gross geworden, dass man keine Berührungspunkte mehr damit hat. Aber am Anfang waren es auch bloss ein paar Typen in einer Garage, die an etwas glaubten. Sobald du Investoren hast, wird es schwierig.

"Wir haben nie behauptet, dass wir ein 100 Prozent fair produziertes Smartphone entwickeln. Wir haben bloss gesagt: Wir setzen als einziges Unternehmen die sozialen Werte vor die ökonomischen." Bas van Abel

Sie haben also keine?

Wir haben zumindest aktuell keine. Weil wir uns nicht reinreden lassen wollen. Wir achten sehr darauf, unabhängig zu bleiben. Auch vom Staat.

Wissen die Leute denn überhaupt, dass ein Smartphone unter unfairen Bedingungen hergestellt wurde?

Ich glaube, dass es immer mehr Menschen wissen. Die Leute sehen, was in Bangladesch passiert, bei den Kleidern. Du denkst nicht automatisch daran, wenn du einkaufen gehst. Aber wenn du nur kurz darüber nachdenkst, ist es eigentlich logisch, dass solche Prozesse auch bei einem Handy greifen.

Kritiker des Fairphones monieren, das Smartphone sei gar nicht zu 100 Prozent fair produziert.

Das ist es auch nicht. Das wird es auch nie sein. Weil das schlicht nicht geht. Diese ganzen Lieferketten sind zu intransparent und zu komplex, als dass man sie kontrollieren oder dominieren könnte. Wir haben nie behauptet, dass wir ein 100 Prozent fair produziertes Smartphone entwickeln. Wir haben bloss gesagt: Wir setzen als einziges Unternehmen die sozialen Werte vor die ökonomischen. Wir setzen alles daran, nachhaltige Produktion zu garantieren, wir gehen in die Minen, wir kontrollieren die Fabriken, wir setzen faire Arbeitsverträge auf.

Aber?

Ich muss ehrlich sein: In China zum Beispiel wird es ziemlich lange dauern, einen gewissen Standard an Fairness zu erlangen. Manchmal zweifle ich. Ich denke dann: Du tust zu wenig, du versprichst zu viel. Die Erwartungen der Leute sind sehr hoch, sie sehen in uns vieles, was wir nicht sind. Wir versuchen, hohe Standards zu erreichen. Aber wir sind klein und am Anfang. Wir werden Zeit brauchen, um uns zu entwickeln. Genau, wie die Konsumenten Zeit brauchen werden, das Label «fair» auch bei einem Handy zu verlangen.