Journalistin & Autorin

8. March 2015
Ostschweiz am Sonntag / Portrait

Doris ist jetzt Laila

Die Schweizerin Doris Keller konvertierte vor 16 Jahren zum Islam. Ein Entscheid gegen ihre Familie, für einen neuen Gott - und für ein neues Leben als Laila Abdallah.

Vater Keller hat seine Tochter an den falschen Gott verloren. Mit dickem Bauch und roten Wangen sitzt der pensionierte Buschauffeur an diesem kalten, trüben Tag auf seinem Stuhl, nimmt einen Schluck Kaffee und meint: «Du könntest ja wieder zurück. Ich habe gelesen, dass das jetzt geht, zurückzukonvertieren», sagt Vater Keller. «Wir haben nicht den gleichen Gott. Es gibt nur einen. Und das ist meiner. Der Koran ist doch denäbet.»

Vater Keller will nicht begreifen, dass seine Tochter nichts trinkt, weder Kaffee noch Wasser. Dass sie Kuchen mitbringt, von dem sie nun kein Stück für sich abschneidet, weil sie jeweils montags und donnerstags fastet. Dass sie nicht mehr an den Heiligen Geist glaubt, ihre Haare nicht mehr offen trägt, im Sommer ihre Beine nicht zeigt.

Stattdessen hat sie sich vor 15 Jahren ein Kopftuch gebunden und es in der Öffentlichkeit nie wieder abgelegt. Sie hat ihren Taufnamen Doris gegen den Namen Laila getauscht. Sie isst kein Schweinefleisch, feiert Ramadan und hat vergangene Woche einen Mann geheiratet, den sie über Facebook kennengelernt hat. Einen Mann, von dem Vater Keller noch gar nichts weiss.

Als Doris seinem Bruder, ihrem Angestellten, sagte, das Huhn sei nicht durch, schlug ihr Mann ihr ins Gesicht und sagte: Was wagst du es, meinen Bruder zu beleidigen.

Als junge Wirtin im Tessin

Laila Doris Abdallah Keller sitzt an der Wand, einen Meter vom runden Holztisch mit dem weissen Platzdeckchen entfernt. 44 Jahre ist sie alt, hat grosse, rehbraune Augen, von der Sonne gebräunte Haut. Ein hellblaues Kopftuch umrahmt ihr Gesicht mit den tiefen Lach- und Denkfalten, mit den vollen Lippen, der markanten Nase.

Mit 21 Jahren war Doris das erste Mal verheiratet, mit einem moslemischen Türken aus dem Tessin. Sie interessierte sich schon damals für den Islam. Doch ihr Mann konnte ihr keine Fragen beantworten, er wusste selbst nichts über seine Religion. Drei Jahre später machte Doris das Wirtepatent, eröffnete bald darauf ihr eigenes Restaurant, mit ihrem Mann, seinem Bruder und dessen Frau.

Doris gebar ihr erstes Kind. Ihr Mann schlug seine drei Kinder aus erster Ehe, machte Schulden. «Wir hatten nie Geld. Die Hälfte des Lohns behielt mein Mann für sich, für sein Auto, seine Zigaretten, das Ausgehen. Mit der anderen Hälfte musste ich mich und vier Kinder ernähren.» Als Doris seinem Bruder, ihrem Angestellten, sagte, das Huhn sei nicht durch, schlug ihr Mann ihr ins Gesicht und sagte: Was wagst du es, meinen Bruder zu beleidigen. Irgendwann hatte Doris die Kraft, ihn zu verlassen.

Praktizieren, nicht nur reden

Vater Keller beisst in den Kuchen, die Kaffeemaschine rattert im Hintergrund. «Schmeckt er dir?», fragt Laila. Vater Keller nickt stumm. Vor 15 Jahren wählte er noch die SP. Heute meint er, Christoph Blocher und die Minarett-Initiative hätten das Land gerettet.

Mit ihrem acht Monate alten Buben ging Doris zurück in die Deutschschweiz. In der Tagesstätte lernte sie eine Schweizer Konvertitin kennen, die ein Kopftuch trug. «Ich war schon immer auf der Suche. Mein Vater hat mir den evangelischen Glauben kaputtgemacht. Ich wollte meinen Glauben praktizieren, nicht bloss darüber reden. Und meine Freundin hat mir dabei geholfen, den Islam zu verstehen.»

Vor 16 Jahren, mit 28, konvertierte Doris zum Islam. Ein Jahr lang trug sie ihre Haare noch offen. Bis zu einer Reise in die Arabischen Emirate. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz würde keiner, der männlich ist und nicht zur Familie gehört, je wieder ihre Haare sehen. Mit 29 Jahren heiratete Laila ein zweites Mal. Ibrahim, einen gläubigen Moslem aus Sudan. Sie nahm den Namen Abdallah an. «Ich hatte schon ein kleines Kind, und mir war immer klar, dass ich baldmöglichst ein Geschwisterchen für meinen Sohn wollte.» Sie hatte ihn bis dahin nur in der Öffentlichkeit getroffen, alles andere wäre sittenwidrig gewesen. «Alle kannten ihn, und sie sprachen nur gut über ihn. Also dachte ich: Er kann kein schlechter Mensch sein.» Ein paar Jahre lief alles gut, Laila bekam zwei weitere Kinder.

"Du weisst, wie sehr deine Mutter unter dem Kopftuch gelitten hat", sagt Vater Keller nun leise. "Der Krebs, das hatte doch einen Zusammenhang." Vater Keller

«Der Islam ist logisch»

«Warum ich an den Islam glaube? Weil er logisch ist. Kein Dogma. Kein blindes Glauben. Im Koran steht: Geh, und prüfe selbst, wenn du nicht glaubst. Denke nach.» Laila gehört keiner bestimmten Gruppierung an. Wenn denn mal Moschee, dann die arabische oder türkische. «Ich will für meine Kinder da sein. Also bete ich überwiegend zu Hause.» Laila hat sich für den Islam entschieden, weil er eine Gebrauchsanweisung für ihr Leben ist. Weil er in ihr Leben eingebettet ist. Und ihr Leben in ihm. «Der Islam sagt mir, wo es im Leben lang geht. Er ist mein Wegweiser. In jeder Situation.»

«Du weisst, wie sehr deine Mutter unter dem Kopftuch gelitten hat», sagt Vater Keller nun leise. «Der Krebs, das hatte doch einen Zusammenhang.» Als Lailas Mutter noch lebte, und Laila mit ihr durch die Stadt lief, hielt diese ungefähr zwei Meter Abstand, gerade so viel, dass man als Aussenstehender nicht genau sagen konnte, ob die beiden Menschen zueinander gehörten. Im Bus sass sie ganz vorne, Laila mit dem Kind ganz hinten.

Scheidung in Arabien

Bis zu jenem Tag, als sie zusammen die Schule des Sohnes besuchten. Und die anderen Mütter sich freuten, Laila zu sehen. Da begriff ihre Mutter: Hier war sie nicht in ihrem Quartier. Hier war sie plötzlich die Einzige, die sich für ihre Tochter schämte. Seit Laila ein Kopftuch trägt, hat sie keinen Kontakt mehr zu ihren beiden Schwestern. Sie schämten sich für sie, sagt Laila. «Aus heutiger Sicht sind alle Widerstände im Leben gewollt, ist alles eine Probe. Allahs Probe.»

2008 bekam Ibrahim eine Stelle in den Arabischen Emiraten, die Familie wanderte aus. Doch schon bald entpuppte sich auch dieser Mann als unberechenbar, plötzlich fehlte es an Geld, er war selten zu Hause, er belog und vernachlässigte sie. Nach drei Jahren in Arabien reichte Laila die Scheidung ein und flog zurück in die Schweiz. Ohne Krise kein Glauben? «Ich bin derart an meine Grenzen gekommen, dass ich mich zu Allah hingewendet habe. Und Allah hat geholfen. Ja, vielleicht habe ich mich unterdrücken lassen. Ein bisschen. Ich war jung und naiv. Heute weiss ich es besser.»

Die Heirat fand übers Telefon statt, er hatte zwei männliche Zeugen dabei, es wurde auf Konferenzschaltung gedrückt.

Neue Heirat übers Telefon

Es ist später Nachmittag, Laila sitzt in der Küche ihrer 4-Zimmer-Wohnung und schält Rüebli für das Abendessen. Ihre Henna-Bemalungen, die sich über beide Hände erstrecken, zeugen von der islamischen Hochzeit, die sie vor einigen Tagen erst vollzog. Mit einem konvertierten Amerikaner, Tausende Kilometer weit weg. Sie lag ihm noch nie in den Armen. Für Laila steht fest: Ihr neuer Mann ist ein besserer Moslem als ihre bisherigen Männer. Gerade, weil er nicht als solcher geboren wurde. «Die Konvertiten vermischen die Religion nicht mit ihrer Kultur.»

Die Heirat fand übers Telefon statt, er hatte zwei männliche Zeugen dabei, es wurde auf Konferenzschaltung gedrückt. Sie haben beide einen islamischen Ehevertrag unterschrieben, in dem es heisst: Er hat für sie zu sorgen, sie zu ernähren. «Das ist im Moment nicht möglich. Aber das ist auch nicht weiter schlimm.» Die rituelle Henna-Bemalung liess sich Laila an der türkischen Chilbi machen.

Das Wichtigste ist ihr an ihrem dritten Mann, dass er Allah mehr liebt als sie. «Ich will keinen Mann, dem ich das Wichtigste im Leben bin. Was nützt mir das? Ich bin sterblich. Der Glaube ist mir das Wichtigste im Leben. Er ist mir wichtiger als mein Mann, als meine Kinder, als ich selbst.» Deshalb habe Laila vor nichts und niemandem Angst. Weil Allah da ist.

Arabische Gebete übers Handy

Laila steht neben dem Herd und rührt im Topf. Der beige Wollpulli mit dem Zopfmuster an der Seite reicht ihr im Stehen bis zu den Knien. Dunkelblaue Jeans trägt sie darunter, ihre grossen Füsse stecken samt Socken in Plastik-Flip-Flops. Noch eine halbe Stunde, dann darf sie mit dem Fasten brechen. Die App «prayer time» sagt ihr jeden Tag genau voraus, wann die Sonne in der Schweiz für sie untergeht. «Natürlich habe ich gerade Durst. Aber das Fasten macht auch stark. Es lehrt dich, an dich und deine Fähigkeiten zu glauben.»

Exakt um 20.08 Uhr beisst sie in die erste von drei Datteln hinein, nimmt dann einen Schluck Wasser, einen Schluck Kaffee. Das letzte Mal gegessen und getrunken hat Laila heute um 4.15 Uhr, vor der Dämmerung.

Laila und ihre drei Kinder leben von der Sozialhilfe. Seit ein paar Wochen hilft Laila in einer Bäckerei aus. Auf dem Weg zur Arbeit hört sie sich über ihr Handy arabische Gebete an, auch wenn sie kaum Arabisch versteht. Sie hat nicht gefragt, wie viel sie in der Bäckerei verdient. Diese weltlichen Dinge interessierten sie nicht, sagt sie. «Ich würde auch nie irgendwo arbeiten wollen, wo ich mein Kopftuch abziehen müsste.» Ihr Kopftuch ist Lailas Schutz. Vor Regen, vor Sonne, vor Blicken. Auch wenn sie diese damit auf sich zieht. «Es hat mich noch niemand wegen meines Kopftuchs beleidigt. Ich erfahre keine Erniedrigung. Ich erfahre Respekt.»

Für die Kinder Galileo am TV

Es ist 20.30 Uhr. Laila steht in ihrem Schlafzimmer, mit Kopftuch, ohne Schuhe. Fünf Mal am Tag betet sie zu Allah. Während sie mit feiner, leiser Stimme arabische Verse rezitiert, schauen ihre drei Kinder im Wohnzimmer fern. Galileo, verblüffende Fakten zu unserem Leben. Kein Licht brennt, nur die Umrisse der Kinder und ihrer Schlafstätten sind zu sehen, die Displays ihrer Handys in der Dunkelheit. Laila kniet auf ihrem kleinen beige-blauen Gebetsteppich nieder, der nach Mekka ausgerichtet daliegt, und drückt ihre Stirn in das Gewebte, während ein Flugzeug vom Flughafen Kloten über ihr Haus fliegt.

Laila ruft zum Essen. Einzig die Tochter kommt, isst eine kleine Schüssel voll Suppe, und geht wieder aus der Küche. «Sie mögen das Essen nicht. Sie essen etwas anderes als ich. Und ich lasse sie. Und wenn sie an etwas anderes glauben wollen, dann sollen sie.» Lailas Handy surrt. Eine SMS von ihrem Mann. Sie lächelt. «Er hat sich schon Sorgen gemacht, weil ich mich so lange nicht gemeldet habe.» Irgendwann wollen sie zusammenleben. Wenn die Zeit gekommen ist. Den Namen Abdallah wird Laila behalten. «Weil die Bedeutung mir so sehr gefällt.» Laila Abdallah: Dienerin Gottes.