Journalistin & Autorin

24. September 2013
Die Tageswoche / Portrait

Ein Konzept für den Zufall

Nach dem Welterfolg mit seiner Band Yello findet Dieter Meier nun wieder auf die Bühne der Performance-Kunst zurück – als Wiederentdeckter. Das Aargauer Kunsthaus widmet dem Mann mit den tausend Nicht-Talenten die erste Retrospektive in der Schweiz.

Bentley Turbo, Automatikschaltung, glänzende Armatur, elektronisch verstellbare Sitze. Im hinteren Teil schaukelt der weinrote Samtblazer von Dieter Meier hin und her, das obligate Seidenfoulard hängt mit am Bügel, der kaputte Kofferraum scheppert, als Meiers Garagist den Wagen auf 80 beschleunigt. Montagabend, 18 Uhr, A1 Richtung Zürich, Ziel ist eine Garage in der Stadt, bis morgen früh muss dieses Auto wieder ganz sein, Dieter Meier hat Pläne, heute Abend noch nach Frankfurt, morgen wieder nach Zürich, ein Getriebener. «Das ist doch eine Ausstellung über Dieter Meier», sagt der Garagist, «Eigentlich», sagt das Gegenüber, «ist es eine Ausstellung über Dieter Meiers Kunst», die Worte verhallen in der Luft, ja, irgendwie ist das ja auch schwierig auseinanderzuhalten.

Dieter Meier ist eben auf den Bildern doch immer Dieter Meier, zumindest visuell, auch wenn er immerzu betont, dass er eben nicht Dieter Meier ist, zumindest nicht auf den Bildern. Das Kunstwerk «48 Personen» (1974/1975), das seien 48 verschiedene Menschen, steht doch da. 48 ausgedachte Biografien, 48 Mal kein Selbstportrait. Und ja, er hätte auch jemand anderen vor die Kamera zerren können, aber irgendwie sei das damals eben das Naheliegendste gewesen, das Billigste, das Unmittelbarste.

Die Kunst, von der Dieter Meier sagt, sie sei aus «irgendeinem Unsinn heraus entstanden», ohne tieferen Sinn und ohne Bedeutung, hat nun in der Ausstellung «Dieter Meier. In Conversation» einen festen Rahmen erhalten. Nach zwei grossen Retrospektiven in den Deichtorhallen in Hamburg 2011 und im Zentrum für Kunst und Medientechnologie ZKM in Karlsruhe zeigt nun auch das Aargauer Kunsthaus den 68-Jährigen als Konzept- und Performance-Künstler, der er vor seinem Weltruhm mit der Band Yello war und heute noch ist – als solcher aber etwas in Vergessenheit geraten war.

Kunst, von der Dieter Meier sagt, sie sei aus «irgendeinem Unsinn heraus entstanden», ohne tieferen Sinn und ohne Bedeutung.

«Nach der documenta 5 in Kassel und anderen grossen Ausstellungen in Zürich und Luzern bemühte ich mich, im Kunstmarkt stattzufinden. Ich musste aber bald feststellen, dass mir die Beurteilung über mich und meine Arbeit ungelegen war. Also zog ich mich aus dem Kunstrennen zurück», sagt Meier. Die documenta, das war 1972, Meier stand damals zusammen mit Kunstgrössen wie John Baldessari, Yoko Ono und Edward Ruscha auf einer Bühne. Also hat er eben versucht, Musik zu machen. Was daraus geworden ist, wissen wir.

Der erste Plattenvertrag seiner Band Yello war bereits millionenschwer, die Radiostationen in Amerika spielten ihn und Boris Blank rauf und runter. «Wir haben dabei nicht an einer Karriere gearbeitet, sondern im Sinn des Werden-wie-die-Kinder an der Findung und Erfindung unserer selbst in unserem Tun. Dass daraus ein Welterfolg entstand, war definitiv nicht geplant.» Als Meiers Vater, ein bekannter Schweizer Bankier, den Plattenvertrag sah, sagte er bloss: «Die Welt muss verrückt sein, dir ausgerechnet für deine nicht vorhandenen Gesangskünste so viel Geld zu zahlen.»

Meiers konzeptuelle Performances zeigen sinnloses Tun, wohin man blickt: 60 Sekunden lang starrt Meier als junger Mann in die Kamera, regungslos. Im nächsten Raum zeigen grosse dokumentarische Abzüge seiner Performance «5 Tage» (1969) den jungen Meier, wie er mit Schnauz und eiserner Mine fünf Tage lang 100'000 Metallteile in Säcke zu je 1000 Stück abfüllt, werktags, von 8 bis 16 Uhr, sitzend und schweigend, innerhalb eines abgemessenen Holzrahmens vor dem Zürcher Kunsthaus. «Diese Nägel abfüllen, das war eine einfältige, langweilige Aufgabe, leer und unnötig. Es gab keine Rechtfertigung für diese Performance ausser der, dass ich sie wollte. Ich entzog mich den utilitaristischen Sinnstiftungen, die unsere Welt bestimmen», sagt Meier.

"Diese Nägel abfüllen, das war eine einfältige, langweilige Aufgabe, leer und unnötig. Es gab keine Rechtfertigung für diese Performance ausser der, dass ich sie wollte." Dieter Meier

In der Performance «Two Words» (1971) kaufte Meier Passanten in New York für einen Dollar ein «Yes» oder ein «No» ab. Jeder, der antwortete, erhielt ein Zertifikat. In «Jumps» (1974) springt Meier in die Luft, in «Der falsche Magier» (1982) wirft er Gegenstände. Das Alltägliche und er: eine untrennbare Konstante. Dabei klammert die Ausstellung, von Direktorin Madeleine Schuppli kuratiert, die Yello-Zeit und Meyers aktuelles Schaffen nicht aus: Zehn Yello-Videos – darunter das Video «Oh Yeah» (1987) – ist innerhalb der Ausstellung ein eigener Raum gewidmet, und bis im November finden in den Ausstellungsräumen Konzerte mit Dieter Meier und Diskussionsabende statt.

Dieter Meier sei immer «In Conversation», immer im Gespräch, sagt Marc Munter, Mitkurator der Ausstellung. Meier hätte in diesen Gesprächen das Fachwissen über all diese Dinge erlangt, die er betreibt: den Weinbau, die Rinderzucht in Argentinien, das Schreiben, den Gesang. «Er betreibt Konversation im weiteren Sinn, Konversation mit der Situation», sagt Munter. Das, was Meier mache, sei keine Selbstdarstellung, kein Narzissmus, der Künstler sehe sich als das Material, nicht als das Subjekt, und nun, das sei «sicher nicht l'art pour l'art». Was es denn konkret sei, nun, Marc Munter schweigt lange, dann lacht er kurz verlegen, das wisse er auch nicht recht zu sagen, es gehe wohl um Aufmerksamkeit, darum, die Leute zum Nachdenken anzuregen. «Er versucht, den Zufall mit Sinn zu füllen.»

Man solle bitte keinen tieferen Sinn darin suchen, sagt Meier, alles, nur keinen tieferen Sinn.

Es sei nicht sinnlos, das Ganze, Meier hätte zu seinen Arbeiten immer Konzepte geschrieben, sagt der Mitkurator, nach dem Chaos die Struktur. Dieter Meier nennt das, was er tut, nicht mal Kunst, zumindest nicht, wenn er interviewt wird, er nennt es «Sachen machen». Eines seiner Lieblingswerke ist eine Fotografie einer kleinen Plastilinfigur, aufgenommen mit einem Makroobjektiv, «Accidental Birth» (2013). Er knetete Masse, bis aus ihr ein Gesicht wurde, das eine Geschichte erzählte, um ihm dann einen Satz zuzuordnen, einen nur, der das Gesicht und alles, was in ihm ist, zusammenfasst – «Hello my friend I am back and well», steht da nun unter diesem Abbild eines zusammengeschlagenen Etwas, Hallo mein Freund, ich bin zurück, es geht mir gut.

Die Kommunikation durch Tun oder Nichttun zieht sich durch die Ausstellung, eingefangene Banalität, zumeist wortlos wiedergegeben, in Bild und stummem Ton. Die Beschriftung der Werke sind meist zu Makulatur verkommen, durchgestrichen und handschriftlich ergänzt, wie bei «In the Picture» (1999). Auch hier kleine Köpfe aus Knetmasse, in einen Filmstill gesetzt. «Ich habe diese Texte immer wieder korrigiert, bis sie mir zu den entsprechenden Bildern zu passen schienen», sagt Meier. «Diese Korrekturen haben ebenso wenig eine ästhetische Bedeutung wie die Korrekturen im Manuskript eines Schriftstellers.» Man solle bitte keinen tieferen Sinn darin suchen, alles, nur keinen tieferen Sinn. «Ich bin nunmal gerne Schauspieler, als eine Personenbeschreibung ohne Stimme, nur mit der Visage und dem Körper»,sagt Meier, als wir an seinem Werk «As Time Goes by» (2005/2012) vorbeilaufen, fiktive Biografien im Laufe der Zeit, Meier hat sich auf der Basis seiner «48 Personen» nochmals abgebildet und die Lebensgeschichte seiner Protagonisten fortgeschrieben.

Der Termin ist zu Ende, Dieter Meier lehnt vor dem Ausstellungsraum ans Geländer, wie immer mit Schnauz, wie immer mit Sonnenbrille, auch drinnen, wie immer mit Seidenfoulard und Anzug, und kann nicht verstehen, warum die Leute meinen, es gehe ihm um ihn selbst. «Dass ich in verschiedenen Fotoserien mich selbst als Material verwende, mit dem ich Dritte darstelle, wird immer wieder in die Kategorie Selbstdarstellung oder Dandytum eingereiht. Obwohl es, wie schon gesagt, damit überhaupt nichts zu tun hat. Ein Dandy stellt sich selber dar und wird zu einem ‹gelebten Gedicht› am eigenen Körper. Ich stelle erfundene Charaktere dar oder Figuren in einer erfundenen Szene und bespiele mich wie ein Puppenspieler seine Marionette.»

Der Fahrer lenkt den Bentley routiniert durch den Abendverkehr Richtung Garage, dort steht ein blauer Sessel im Büro, alt und ein wenig schäbig, zwei Designersessel daneben, «aber irgendwie setzen sie sich alle in den blauen und bleiben da sitzen», ein, zwei Kaffeepausen lang. «Was mir der Meier schon alles erzählt hat», sagt der Garagist und lacht, er könne sich das eigentlich nicht erklären, ausser vielleicht, dass die Leute sich wohl fühlten, unbeobachtet, bei ihm in der Garage, in diesem Sessel, und Dieter Meier mal sich selbst sein könne, wer auch immer er sei, Dieter Meier als Dieter Meier eben.