Journalistin & Autorin

27. February 2014
Thurgauer Zeitung / Reportage

Fräulein Ruckstuhl fährt Bus

Das gelbe Postauto gehört zur Heimat Schweiz. Es ist auch durch den Thurgau unterwegs. Eine Fahrt von Frauenfeld über Weinfelden und Kreuzlingen nach Bischofszell.

Frauenfeld Bühl, weite Äcker und Felder unter grauem Himmel, eine Werbung von Securitas flimmert auf dem Bildschirm über den Köpfen der Fahrgäste, Bus 838 Richtung Weinfelden legt sich in seine erste Landkurve. Ein Morgen im Februar, es riecht nach Benzin und eingesessenen Stoffbezügen, die Nachrichtenagenturen melden ein schweres Erdbeben in Griechenland. 

Thundorf, alte Bauernhäuser neben neuen Reihenbauten, im Volg stehen Frauen mit kurzen Haaren an der Kasse, Pferde auf den umzäunten Weiden vor den Stallungen. Die mit Efeu bewachsenen Apfelbäume ragen blätterlos ins Leere, Lustdorf, der Bus hält, eine Frau steigt ein, Personenzahl: zwei.

Wolfikon, die letzten Schneereste liegen auf den Feldern, der Bus fährt die Waldgrenze entlang, im Ohr klingt das ewig gleiche, monotone Rattern des Billettkastens nach, das Zittern der Scheiben, das Brummen im Kopf, wenn man ihn gegen die Scheibe lehnt und mitzittert. Der Bus steht plötzlich, wartet, auf den richtigen Zeitpunkt, das Ablaufen der Uhr, auch wenn keiner einsteigt. Gefahren wird nach Plan, die Anzeige beim Chauffeur vorne rechts zählt die Sekunden, bei Grün ist der Bus zu früh dran, bei Rot zu spät. Weiterfahrt, einige Dutzend Zentimeter an einem Haufen Hühner vorbei, an Misthaufen, keine Menschenseele auf der Strasse. Griesenberg, Solarzellen auf einem Neubaudach, die Bank Julius Bär in Zürich legt 15 Millionen Franken für einen Steuerstreit beiseite. Aufgescheuchte Krähen verlassen die Felder gen Himmel, die Strassen werden schmäler, kaum mehr ein Durchkommen für die Gegenseite – wenn denn da mal einer wäre.

Neue Sitze, grau mit gelben Posthörnern bedruckt, Sicherheitsgurte, die keiner anlegt, noch immer zittert alles, der Motor läuft etwas leiser, gerade laut genug, dass man sein eigenes Wort kaum mehr hört, wenn Fräulein Ruckstuhl beschleunigt.

Nach Konstanz noch 18 Kilometer, Bissegg, Post, neben dem Speise-Country-Tanzlokal Bonanza, der Mann mit dem Dreitagebart und den müden Augen steigt aus, Personen im Bus: eine. Weiter vorbei an Plakaten der SVP, dem Gasthaus Ochsen, noch verschlafen und dunkel steht es da. Noch drei Stationen bis Weinfelden Bahnhof, keiner spricht, die vertrauten Worte sind verstummt, hier kennt sich scheinbar kaum mehr einer, der Buschauffeur lenkt das gelbe Ungetüm auf seinen Busparkplatz, «so, uf Widersehe mitenand», alle raus, alle weg.

Weinfelden, 10 Uhr, verlassen wirken die paar Seelen, die in der nasskalten Luft hinter dem Bahnhof stehen und auf ihren Bus warten, während im Bahnhof auf Gleis 3 der Zug nach Zürich einfährt, Weiterfahrt Richtung Bern, Thun, Brig. 50 Leute steigen in den Intercity ein. Bus 924 Richtung Kreuzlingen fährt auf den Parkplatz, eine junge Frau mit blonden Strähnen und hoher Stimme sagt hinter dem Steuer «Grüezi», neben ihr ein älterer Kollege mit dem Handy am Ohr, der Lotse für Fräulein Ruckstuhl, sie fährt die erste Kurve.

«Postauto Ostschweiz begrüsst Sie…», spricht es aus den Lautsprechern, Fräulein Ruckstuhl fährt zögerlich in den ersten Kreisel, das Geräusch des gesetzten Blinkers hallt durch den Bus, heisse Luft bläst aus der Heizröhre zum Fenster hinauf ins Gesicht, Fräulein Ruckstuhl erzählt, ihr Onkel sei grade an ihr vorbeigefahren, im Volg Weinfelden steht niemand an der Kasse. Die Werbung für das Steakhouse Al Capone in St. Gallen flimmert über den Schirm, auch hier eine digitalisierte Werbefläche, dazu mehr Platz, neue Sitze, grau mit gelben Posthörnern bedruckt, Sicherheitsgurte, die keiner anlegt, noch immer zittert alles, der Motor läuft etwas leiser, gerade laut genug, dass man sein eigenes Wort kaum mehr hört, wenn Fräulein Ruckstuhl beschleunigt.

Opfershofen, ein Schild mit dem Schriftzug «Bauern brauchen einen fairen Milchpreis» lehnt an einem Apfelbaum, drüben liegen Schafe im Gras, nächster Halt: Leimbach, Kreuzung. Fräulein Ruckstuhl muss einen Milchtanker überholen, Donzhausen, zwei Männer in Leuchtkleidung fahren mit Pferden und Kutsche über den Acker.

Lengwil, neben den Apfelbäumen taucht eine Bootswerft auf, danach Grabsteinverkauf, es ist bald Metzgete im Dorf, und noch immer Racletteplausch «tuute und bloose».

Nächstes Dorf, Fräulein Ruckstuhl sagt, hier wohne sie, der Volg ist leer. Die Dorfkerne sind so klein, dass die Richtungsschilder vor den Gärten der Leute stehen, der Bus muss mit 20 Kilometern pro Stunde in die Kurve, Happerswil, Werbung für die Olympischen Winterspiele in Sotschi flimmert über den Schirm, Illighausen, Fräulein Ruckstuhl sagt, es sei fast ein wenig komisch, wenn sie so still sei, dann bremst sie für einen Traktor runter. Lengwil, neben den Apfelbäumen taucht eine Bootswerft auf, danach Grabsteinverkauf, es ist bald Metzgete im Dorf, und noch immer Racletteplausch «tuute und bloose». Kreuzlingen, Einkaufsstrasse, Papierkonfetti zieren die Bäume, «härzig», sagt Fräulein Ruckstuhl, «nur Aufhängen, das wär nichts für mich». Kreuzlingen, Bahnhof, Endstation, Passagiere auf den letzten Metern: null.

Bahnhof Kreuzlingen, Bus 923 Richtung Güttingen, «wa hesch gmacht?», fragt der Buschauffeur, er sei mit der Hand im Bierglas stecken geblieben, sagt der andere, vergangene Woche, in einer Bar. Eine tote Fliege hätte er rausholen wollen, und da hätte ihn einer geschubst. Der Fahrer lässt den Motor an, Passagiere: einer. Kreuzlingen Bärenplatz, der alte Mann mit den heruntergezogenen Mundwinkeln und dem Goldohrring steigt aus, «noch 50 Minuten, dann kann ich heim», ruft der Fahrer seinem Kollegen in seinen Bus hinein, «denk an mich, dann». «Diesen Sommer kommst du mal zu mir in den Garten», sagt der andere, sie winken, dann: weiter.

Kreuzlingen, Zihlstrasse, zwei Personen steigen ein, das betreute Wohnen habe nicht geklappt, sagt sie zu ihm, «am Arsch lecken können die mich», psychisch krank sei sie geworden, deshalb. Scherzingen, links hinter dem Feld ist kurz der See zu sehen, «Ade, Messi», sagt der Chauffeur, 11.20 Uhr, Münsterlingen, Nonnenpförtli.

Im Minibus weiter nach Amriswil, eine Frau zeigt dem Chauffeur ihr Billett, abgelaufen seit einem halben Jahr, die andere, die fährt, kenne sie, das sei sonst kein Problem. Zu Hause läge das echte Billett, ob das denn nicht gelte? Der Bus ist fast voll, nur Frauen, der gelbe Hinweiskleber sagt, man solle sich anschnallen, das tut keiner, die Frau vorne beim Chauffeur sagt, «denn zahl ich halt, wenn Sie so frech sind», hockt sich in die erste Reihe und telefoniert.

Alle raus, alle weg. Nur er bleibt sitzen.

Der Fahrer lenkt den Kleinbus vorbei an einem Schild mit der Aufschrift «Zubringerdienst gestattet», weiter durch ein Waldstück, vorbei am Banner «www.pouletflügeli.ch», Neuhof Langrickenbach, eine weitere Frau steigt ein, «Hälfti zum Bahnhof», sagt sie, der Fahrer meint, «händ Sie sie debi, d'Hälfti?», «nei, die isch am Schaffe», sie lachen, sie setzt sich, ein «Grüezi» in die Runde noch, dann weiter, vorbei an «Öpfel, Birnen, Kartoffeln, Verkauf ab Hof», Radmühlestrasse, Neumühlestrasse, Kirchstrasse, Ankunft Amriswil, zehn Personen steigen aus.

11.50 Uhr, Bus 943 nach Bischofszell, wieder das laute Geräusch des Motors und ein Radio in der Fahrerkabine, daneben der Klingelton von Handys, einmal, zweimal, viele hören stumm Musik, in Trainerhosen, mit Gelnägeln, in Wintermänteln mit Kunstpelz. Eine Frau trägt Kopftuch, eine hat ihr Baby dabei, ein Jugendlicher mit rasierten Stellen an der Kopfseite sagt «Ade» beim Aussteigen.

Schocherswil, Kinder laufen zum Zmittag nach Hause, Riegelhäuser, Spanien-Flagge. Zihlschlacht, neben dem Wahllokal steht das Plakat mit dem erhobenen Finger, «dieses Wochenende Abstimmung», der Bus fährt weiter, vorbei am Restaurant Frohsinn, vorbei an «Gut und günstig»-Tafeln, beim Bahnhof Sitterdorf über die Gleise.

Bischofszell, Endstation, alle steigen aus. Nicht aber ein Mann mit Sporttasche, zweitletzte Reihe, am Fenster rechts. Zugestiegen vor ein paar Haltestellen. Alle raus, alle weg. Nur er bleibt sitzen.