Journalistin & Autorin

1. March 2012
Zalle / Portrait

Frau Huber zieht um

Rosmarie Huber zieht nach 23 Jahren in der gleichen Wohnung in ihre letzte Bleibe auf Lebenszeit. Protokoll eines Abschieds.

Es ist Ende Dezember. Der erste Schnee liegt seit zwölf Stunden auf den Strassen von Zürich Oerlikon. Rosmarie Huber, ledig, Jahrgang 1939, aus Mägenwil AG, hat sich Romanesco in Brühe gekocht. Auf dem kleinen Holztisch im Wohnzimmer, nahe beim Fenster, liegt das Tischset, das Lätzchen zusammengerollt daneben, Frotté, die Farben rosa und blau.

Die Sonne wird sich erst in einer Stunde durch die Wolkendecke am Berninaplatz wagen, an die Schaffhauserstrasse 264, ins 2. Obergeschoss der linken Haushälfte. Sie wird sich durch die Fenster in die Wohnung drängen, und Frau Huber wird die Jalousien runterlassen.

23 Jahre lebt Frau Huber jetzt in dieser Zwei-Zimmerwohnung, zwischen Schuhmacher und arabischem Friseur, gegenüber des Asia-Ladens, bei der Tramhaltestelle. Doch in einem Monat ist hier Schluss. Dann ist Züglete, und Frau Huber wird in ihre letzte Wohnung einziehen. 30 Jahre hat Frau Huber in der Stadt Zürich Steuern gezahlt, „da muss die Stadt nun zu mir schauen“. Die 1’500 Franken, die nach der Sanierung ihrer alten Wohnung monatlich fällig würden, kann sich Frau Huber nicht leisten. Also zieht sie um, in die Alterssiedlung Felsenrain. 2,5 Zimmer. Parkett. Wohnküche. 918 Franken inklusive. „Und ein Baum vor dem Haus.“ Vier Jahre hat sie auf diesen Platz gewartet.

Früher fuhr Rosmarie Huber vom Berninaplatz aus zu jeder Tages- und Nachtzeit ins Unispital Zürich, zog die weisse Schürze der Narkoseschwester an, legte den Arm der Patienten fein säuberlich auf die Liege, setzte die Nadel an, kontrollierte den Monitor. „Eine Berufung war das, meine grosse Liebe. Und ich hätte noch mehr an Zeit und Energie gegeben, wenn nötig. Wenn man liebt, dann liebt man einfach. Ob einen Mann oder einen Beruf, das ist doch egal.“

Frau Huber hat eine erste, kleinere Kartonkiste gepackt, an die zwanzig Handtücher. 49 Kisten müssen noch gepackt werden. 

Einen Mann hatte Frau Huber nie. Da war mal einer zwar, kurz, in Amerika, ein Perser. Beide waren sie jung, und beide gingen sie gern spazieren. Doch Rosmarie wollte keine Kinder kriegen, die hätten sie zur Hausfrau gemacht. Ihre Berufung an den Nagel hängen, das kam nicht in Frage. Die Liebe zum Perser? Rein platonisch, sagt sie. Wenn Frau Huber jemanden von früher trifft, sagt sie gerne: „Mein Gott, bin ich froh, habe ich meinen Frieden.“ Ausser, sie hätte einen Mann gefunden, der so gewesen wäre wie ihr Vater. „Dann hätte ich ihn wohl geheiratet.“

Und doch ist da einer in der Wohnung von Frau Huber, in einem Bilderrahmen bei ihrem Bett. Mit geradem Blick posiert er für die Kamera, der Hintergrund des Fotos zitronengelb, wie auch sein Polohemd. Die Lachfalten um den Mund und der Ansatz von Geheimratsecken über der Stirn verraten seine längst vergangene Jugend. „Ein Freund, ein Autoelektriker. Er hat mir ein Radio ins Auto montiert“, sagt Frau Huber. Ein Mann, der ihr nie gehörte, der Ehemann einer Freundin. Und dann redet Frau Huber schnell davon, wie praktisch dieses Radio doch war, und wie gern sie dazu sang.

Rosmaries Mutter Alice wurde nur 32 Jahre alt. Rosmarie erinnert sich nicht an ihr Gesicht. Vater Josef blieb allein zurück, mit Rosmarie, ihrem Bruder Hans und ihrer Schwester Marta. Ein Bierfuhrmann bei Feldschlösschen, das Geld war knapp. Mit dem Pferdekarren fuhr er zu den Kunden, belieferte die Aargauer Restaurants. Wenn im Aargau Abstimmung war, musste Vater Josef besonders tüchtig sein. Denn dann tranken die Leute in der Beiz noch mehr als sonst schon.

Es ist Anfang Januar. Die Frau von der Spitex ist da. Sie putzt die Küche, taut das Eis von den Wänden des Gefrierfachs. Frau Huber hat ihr eine Gratiszeitung beiseite gelegt, zum Mitnehmen. Das ganze Huhn kocht sie später, wenn die Frau weg ist. Das hat ja noch Zeit. Die kleine, rote Uhr auf dem Fernseher im Wohnzimmer ist stehen geblieben, es ist immer zehn Minuten vor Zehn. Frau Huber hat eine erste, kleinere Kartonkiste gepackt, an die zwanzig Handtücher. 49 Kisten müssen noch gepackt werden.

Die Spitex-Hilfe saugt Staub, Frau Huber redet weiter. Unter dem Risiko, dass sie keiner hört. Sie redet vom Dreikönigstag und von der Rheumaliga-Einladung und davon, dass sie immer Leserangebote des Time-Magazins bekommt, die sie gar nicht braucht. Irgendwann soll einer mal die Titanplatte in ihrem rechten Oberarm aus der Asche retten, wenn Frau Huber nicht mehr ist. „Ich bin kostbar, wissen Sie“, sagt sie lachend, und meint: „Das Tierspital könnte die Platte ja vielleicht noch gebrauchen.“

Lebensmittelpunkt Zürich Oerlikon. Hier steigt Frau Huber ins Hallenbad-Wasser, hier isst sie währschaft in der Metzgerhalle, grüsst ihr bekannte Gesichter über die Tische hinweg. Hier stemmt sie die Gewichte, die ihr Rücken noch stemmen mag, hier singt sie ihre Chorlieder.

Auf dem Marktplatz kommt sie mit ihren Schwestern zusammen, mit Schwester Marta und Stiefschwester Gabriela, die von Mägenwil nach Glattbrugg und Höngg gezogen sind. Nicht jede Woche, aber immer samstags. In Zürich Oerlikon, zwischen Döner-Imbiss und in den Himmel ragenden Neubau-Siedlungen, greifen die Lebensbereiche von Frau Huber ineinander.

Hinter dem Haus in Mägenwil hatten die Hubers zwei Pflanzplätze, sie züchteten Chüngel, hielten ihnen irgendwann den Chüngelitöter an die Stirn, nahmen sie aus, spannten ihr Fell auf. War ein Hase alt und zäh, wurde er eine Woche eingelegt. „Die Innereien mochte ich am liebsten“, sagt Frau Huber, „mit Sosse und Kartoffelstock.“ Mit 15 war fertig mit Schule, dann ging Rosmarie aus dem Haus, sie verliess den Vater und die Geschwister und ging ins Haushaltsjahr nach Wettingen, zum Ehepaar Heinrich und Elisabeth Meng, beide Lehrer, vier Kinder. Rosmarie lernte kochen, bügeln, nähen, backen. Wenn ihr ein bisschen freie Zeit blieb, las Rosmarie Gedichte, Romane, Klassiker. Bei Familie Meng erwachte ihre Liebe zur Literatur.

„Vielleicht gibt’s einen neuen Balkonstuhl“, sagt Frau Huber. Aber sonst? Bleibt alles beim Alten. Kein einziges Mal hat sie sich in den vergangenen 50 Jahren ein neues Möbelstück gekauft. Die UHT-Milch kommt auch nach dem Umzug erst in den Kühlschrank, wenn sie angebraucht ist. Rosmarie Huber wird auch weiterhin jeden Sonntag um acht Uhr in der Früh auf star tv den Gottesdienst the hour of power schauen, mit ihrem Fernseher in der Wohnstube. Mit ihrer Fernbedienung, die in einen durchsichtigen Brotbeutel eingepackt ist, wird sie den Kanal einschalten. Mithilfe der Bedienungsanleitung „TV einschalten“. Drei Schritte.

Nach dem Haushaltsjahr fuhr Rosmarie in das Schwesternhaus in Orselina, zwanzig Postauto- Minuten von Locarno entfernt. 98 Franken im Monat, doppelter Lohn, Krankenabteilung, Diätkurse, Kuratorium. Dann drei Jahre Krankenschwesterausbildung in Münsterlingen, Thurgau. Das Pflichtjahr in Meisenberg, Zug. Geistig kranke Frauen, Schizophrene, Elektroschock-Therapie. Es waren die Jahre der Gewalt in der Psychiatrie. Rosmarie musste nur lange genug warten, bis eine wieder in die Stadt wollte, nach Zug, um Kaffee trinken zu gehen. Um dort den Bus zu nehmen, bis zur Lorzentobelbrücke, und sich runterzustürzen. „Keiner hat mich darauf vorbereitet. Aber wir hatten den Kirchenchor.“

Noch eine Woche in der alten Wohnung. Frau Huber ist krank. Ausgerechnet jetzt. „Zufälle gibt es nicht.“ Die Tage im Bett haben Frau Huber ermatten lassen, sie spricht weniger als sonst. Das Telefonkabel hat sie aus der Buchse gezogen, damit das Klingeln ihres Telefons Tritel elm2 von den PTT sie nicht aus dem Schlaf reissen kann. Am letzten Sonntag vor dem Umzug schläft Rosmarie tiefer und länger als sonst. Sie verpasst ihre Sendung the hour of power.

Auf der Krankenstation der psychiatrischen Klinik musste Rosmarie zusehen, wie den Schizophrenen Insulin gespritzt wird, bis sie ins Koma fielen. Und den Patienten dann Traubenzucker in den Magen gepumpt wurde, um sie wieder aufzuwecken. „Was das hätte bringen sollen? Ich weiss es nicht.“ Anästhesieschule Zürich, dann die erste richtige Stelle in Zofingen. Die erste eigene Wohnung, die ersten eigenen Möbel. Doch Rosmarie hielt es nicht lange, sie wollte sich weiterbilden, wollte weg, nach Amerika, nach Pennsylvania. Ein Jahr lang kaufte Rosmarie in Pennsylvania Toblerone-Schöggeli, vermisste die Eisenbahn, das kräftige Grün, die Kirchenglocken. „Pennsylvania war ein bisschen wie der Kanton Aargau. Nur eben grösser.“

Rosmarie musste nur lange genug warten, bis eine wieder in die Stadt wollte, nach Zug, um Kaffee trinken zu gehen. Um dort den Bus zu nehmen, bis zur Lorzentobelbrücke, und sich runterzustürzen.

Zwei Tage noch. Frau Huber lässt einpacken. Christoph Pfister – Ihr Partner für sorgfältig ausgeführte Umzüge. Zwei Zügelmänner betreten die Wohnung, Frau Huber hat Ricola-Zältli parat. Der eine kaut Kaugummi, lehnt ab. „Denn nämet Sie die in Sack, für spöter.“

Kiste 1. Bücher. Der Ältere redet kaum. „Na, wie ist die neue Wohnung, Frau Huber?“, fragt Pasqual, der Jüngere. „Oh, das wird Ihnen gefallen, da können Sie einfach über den Rasen in die Wohnung laufen.“ Kiste 7, vergilbte Fotoalben in der hintersten Ecke des Schranks, eine Kamera in einem schwarzen Lederetui. Währenddessen spricht Frau Huber von der Kirche, ordnet Spitexabrechnungen. Sie hat heute wieder ihr orangefarbenes Gilet an, Merinowolle, sechs Knöpfe. Sie liest die neue Verordnung der Credit Suisse halb durch, schmeisst sie dann weg. „Es ist ein wenig so, als hätte ich Reisefieber“, sagt Frau Huber. Nur, dass Frau Huber nie Reisefieber hatte, wenn sie verreiste.

Kiste 21. Diaprojektor, Blockflöte, Schachbrett. Frau Huber sitzt mit dem Rücken zum Geschehen da, still, in sich gekehrt. Die Kartonschachteln im Schlafzimmer türmen sich. „Wo Berge sich erheben“, sagt Frau Huber. „Ich bin froh, wenn das alles mal vorbei ist. Es ist ermüdend.“ Der Stumme packt nun Bücher in die Kiste „Regal Buffet rechts“. Heinrich Böll, Ansichten eines Clowns. Barack Obama, Ein amerikanischer Traum. Grunert, Das bewährte Essigbuch für ein längeres Leben. Kiste 29 wird zugeklebt, Frau Huber sucht seit einer halben Stunde weisse Kärtchen für die Angabe ihrer neuen Adresse. Einmal, erzählt sie den Männern, hätte sie im Traum so sehr lachen müssen, dass sie davon erwachte.

Kiste 36. Dort, wo mal die Bücher von Frau Huber standen, glänzen die Spanplatten, getarnt als Mahagoniholz, nun im Licht. Frau Huber kann nicht länger sitzen, sie legt sich hin, liegt nun zwischen zwanzig Kartonschachteln auf ihrem 90 Zentimeter breiten Einzelbett, auf ihrem braunen Fixleintuch, der schwere Körper drückt die Matratze in die Latten. Das Telefon klingelt. „Was wollen Sie? Nein, sicher nicht. Kein Interesse. Ich heirate morgen. Dann heiss’ ich eh nicht mehr Huber. Und die Zeit fehlt mir dann auch.“

Mit 27 ging Rosmarie ins Tessin, nach Bellinzona, sah sich stundenlang Ärzteserien im Fernsehen an, um ihr Italienisch zu verbessern. 36-Stunden-Dienste, 400 Franken Lohn. In Bellinzona vermisste sie Pennsylvania nicht mehr so sehr, bei diesen Tessinern, die irgendwie warmherziger waren als die Deutschschweizer, liebevoll, bescheiden. Einmal gab es was zu feiern, der Chef der Chirurgie wurde 65, und so schrieb Rosmarie vier Zeilen. In sechs Minuten, zwischen zwei Operationen. Über ein Leben.

Als Lichtflut bin ich Dir gegeben.
Ich berge Tod, Hass, Liebe – ich bin das Leben. 
Ein Frühlingstraum mit Herbst und Frost, 
Ich bin die Fülle, die Leere, der Zweifel, der Trost.

Und der Chef der Chirurgie sagte: Wenn du so etwas schreiben kannst, wirst du auch dein Leben meistern können.

„Es ist ein wenig so, als hätte ich Reisefieber“, sagt Frau Huber. Nur, dass Frau Huber nie Reisefieber hatte, wenn sie verreiste.

Umzug. Vier Zügelmänner eilen durch die kleine Wohnung. Frau Huber kämmt sich die Haare, steht hinaus ans Geländer, ihre feinen, grauen Haare wehen in der kalten Morgenluft. „Ich weiss, dass es andere alte Menschen gibt, die einen solchen Umzug nicht verkraften. Ich bin da wohl ein Glückspilz. Ich habe immer die richtigen Bücher gelesen.“ Philosophie, Religion, Belletristik. Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch. „Ein anständiger Mensch braucht vier Sprachen.“

Auf der Plattform des Fassadenlifts sinken innert zwei Stunden 50 Kartonkisten vom zweiten Stock ins Erdgeschoss. Frau Huber sitzt die meiste Zeit über an ihrem weissen Tisch beim Eingang. Klein und schwach wirkt sie inmitten dieser kräftigen, jungen Gestalten, die da im Eiltempo Hab und Gut aus der Wohnung tragen. Frau Huber sieht aus dem Fenster. „Ich bewundere den Baum, der sich da draussen im Wind bewegt.“

Rosmarie hatte genug von Nachtdiensten, von 36 Stunden Arbeit am Stück. Also ging sie in die Berge, Souvretta House, St. Moritz. Endlich konnte Rosmarie zwölf Stunden durchschlafen, Luxuskranke behandeln. Doch Rosmarie machte die Saison nicht zu Ende, es zog sie wieder weiter, nach Neuenburg. Schikane, Unterdrückung. Die Chefin mochte es nicht sehen, dass Rosmarie den Patienten gut zuredete, auf Italienisch, Deutsch, Französisch. Dass sie redegewandter war als ihre Vorgesetzte. Rosmarie wurde schikaniert, auf ihr Übergewicht angesprochen, immer wieder. Dennoch machte sie weiter. „Mir war der Mensch, der da vor mir lag, viel zu wertvoll, um mich unterkriegen zu lassen – und ihn seiner Angst zu überlassen.“ Mit 40 musste die Gebärmutter raus, da hatte sie ihren Blinddarm schon nicht mehr. Bald darauf brachen die ersten Rückenwirbel zusammen, die Ärzte nahmen ein Stück Beckenknochen als Ersatz.

Erst kürzlich stand ein Mann vor Frau Hubers Tür, wollte das Sicherheitsschloss montieren, das sie nie bestellt hatte. Doch Frau Huber lässt sich nicht lumpen. Und wenn dann doch mal ein Einbrecher käme? „Soll er doch. Solange meine ID nicht gestohlen wird. Und einen Stuhl und ein Bett soll er hier lassen. Da wäri no froh.“ Eines weiss Frau Huber für sich sowieso schon längst: Man sollte an nichts hängen. Im Alter sowieso nicht.

Die Männer tragen den grossen Holzschrank aus der Wohnung, Frau Huber kommt Dürrenmatt in den Sinn. Das Gemälde „Beerdigung eines Bankiers“, Musée des beaux arts, Neuenburg. „Als würden sie gerade einen Sarg aus dieser Tür tragen.“

Zürich, Universitätsspital, Hauptstation, dann Kieferorthopädie, dann Dienst bei Herz- Operationen. Bis zur Pensionierung. 2003 brach der Fuss, 2006 entrann sie knapp dem Tod, Gallensteine. 2010 das ganze Jahr über eine virale Entzündung, bettlägerig. 2011 brach der rechte Arm. Seither hält ihn die Titanplatte zusammen. Seit einem Jahr war Frau Huber nicht mehr singen. „Da ist man überall dabei, und kann plötzlich nirgends mehr mitmachen.“

Es ist Nachmittag. Frau Huber lebt nur noch pro forma am Berninaplatz, vorne am Eingang steht ihr Name an der Klingel, zwischen Nuredini, Perriard, Valencia und Rinderknecht. Vier Tramstationen weiter tragen die Umzugsmänner 50 Kartonschachteln in Frau Hubers neue Wohnung, die Stühle, das Sofa, den Fernseher. Parkett statt Spannteppich. Parterre, Gartensitzplatz. Und ein neuer Backofen. Frau Huber sitzt in sich zusammengesunken auf einem der Stühle in ihrer neuen Wohnküche und blättert in einer Zeitschrift. Derweil stellt der Stumme Frau Hubers Besitz wieder auf die Anrichte, das Zinnkännchen, die falschen Blumen, den goldenen Vogel aus Porzellan. Ein wenig Staub liegt noch auf ihnen, mitgenommen aus der alten Wohnung.

Vier Tage nach dem Umzug. Frau Huber sitzt in ihrem Sessel am Fenster und sieht zu, wie sich die Tanne vor dem Haus im Wind wiegt. Mit zufriedener Miene spricht sie von der Stille, vom Segen der fehlenden Abgase, die ihr zuvor immer ins Schlafzimmer zogen. Vogelgezwitscher statt Autohupen, sicher verschlossene Türen, 24-Stunden-Notfalldienst. Sämtliche Möbel stehen wieder an ihrem angestammten Platz, einzig die zwei Tische sind vertauscht, der weisse ist nun im Wohnzimmer, der braune in der Küche. Der erste Brief im Briefkasten war von der Stadt, Mietzinsreduktion ab Mai. Nur ihre Schnürsenkel kann sich Frau Huber nicht mehr in ihrer Wohnung binden. „Weil alles so flach ist. Dann binde ich sie mir eben im Treppenhaus.“ Wehmut, nach dem Umzug? „Mir fehlt hier absolut gar nichts. Hier ist es sicher und ruhig. Schauen Sie aus dem Fenster, schauen Sie. Das ist das Paradies.“

Wenn Frau Huber dann mal in den Himmel kommt, wenn’s dann vorbei ist mit diesem Leben hier, und sie sich auf die längere, für sie noch ein wenig schönere Reise macht, wird der Pfarrer in der Messe „Herr, du hast mein Flehen erhört“ spielen, von Schubert. Dann wird ihre Asche irgendwo auf dem Gemeinschaftsfriedhof Schwandenholz verstreut, keine Urne, kein Grabstein. Nur das Gras heben die Männer mit dem Spaten an, schütten die Asche rein, und machen den Deckel wieder drauf. „In Mägenwil wollten sie 1’000 Franken dafür heuschen. So viel ist mir meine Asche nicht wert.“