Journalistin & Autorin

1. May 2016
Sonntagszeitung / Essay

Frau, unsicher, versucht

Weil Frauen offenbar anders E-Mails schreiben als Männer, können sie jetzt Coachings dafür buchen. Ein Kursbesuch.

«Was willst du sagen», fragt die Kursleiterin in den Raum, «mit deinem E-Mail?» Es geht um die ganz basalen Dinge, um die Grundregeln der Kommunikation. Wir sitzen in einem Sitzungsraum ohne Fenster in Zürich und gehen der Frage nach, wie man als Frau professionell E-Mails schreibt. Geht es nach der Kursleiterin, schreiben Frauen tatsächlich anders E-Mails als Männer. Und das, findet sie, ist ein Problem. Weil Frauen in Unternehmen gerne mal ignoriert werden. Weil zwischenmenschliche Probleme entstehen. Weil nicht klar wird, was man eigentlich vom anderen will. Kurz: Frauen sind anders, schreiben anders, und wenns schlecht läuft, machen Frauen deshalb keine Karriere.

Die Teilnehmerin rechts nickt eifrig. Sie kennt dieses Gefühl von Unsicherheit gut. Manchmal, sagt sie, brauche sie 15 Minuten, um ein Mail zu schreiben. Zu viele Gedanken gingen ihr durch den Kopf, viel zu viel wolle sie schreiben. Nach gefühlten zwei Seiten Text dämmere ihr dann: So kann ich das niemals abschicken. Dann verwende sie viel Zeit auf das Kürzen, Streichen und Umstellen des Satzes. Eveline Lonoce, 44, Business-Coach und Kursleiterin für heute Abend, lächelt wissend. Genau das habe sie manchmal auch gemacht. Wie gross die Dunkelziffer wohl ist in den Unternehmen?

Frauen hinterfragen sich, Männer schreiben einfach

Fragerunde. Wie lange darf ein E-Mail sein? Soll ich zurückschreiben, wenn mir jemand etwas schickt, damit dieser weiss, dass ich gelesen habe, was ich machen muss? Oder mache ich ihm damit mehr Arbeit? Welche Erwartungen werden an mich gestellt? Wann nehme ich jemanden ins cc? Ist eine Person beleidigt, wenn ich sie nicht ins cc nehme? Was tun, wenn meine Anweisungen in E-Mails ignoriert werden? Schreibe ich «sonnige Grüsse» oder doch lieber «freundliche Grüsse»? Geduldig beantwortet die Kursleiterin alle Fragen, gibt Tipps und Anleitungen. «Schreib lieber weniger zurück, ausser, die Person freut sich über jedes Danke.» «Stimme dich auf das Gegenüber ein, das ist eine Frage der Qualität der Beziehung.» «Strukturiere dich. Frage dich: Ist bei Unklarheiten ein Telefonat besser?»

Männer haben das Arbeitssystem erfunden, sie haben die Unternehmenskommunikation erfunden, sie haben die gesamte Wirtschaft erfunden. Warum sollte also irgendetwas an ihrem Kommunikationsstil falsch sein?

Das heute Abend ist wieder mal eine Art Psychotherapiestunde für den Selbstwert der Frau, getarnt als Workshop, wie man professionell E-Mails schreibt. Diese Unsicherheit darüber, wann man etwas sagt, ob man okay sei, wie man ist, ob man richtig kommuniziere, ob man zu forsch sei, zu gut aussehe oder zu eitel rüberkomme. Ob es ein Versehen gewesen sei, dass man nicht im cc erschienen ist, oder eine persönliche Kränkung.

Natürlich sind nicht alle Frauen so. Doch Lonoce sagt: Diese Unsicherheiten sind in Unternehmen – und unter Frauen – häufig. Ein Teil davon ist sicherlich der mangelnden Erfahrung im Umgang mit einem Medium geschuldet, das nicht allen gleich vertraut ist und in das einen auch niemand einführt. Unternehmen setzen Mitarbeitende einfach vor einen PC und schulen sie keine Sekunde lang, welche Regeln in der Unternehmenskommunikation jeweils gelten.

Kaum ein Mann würde auf die Idee kommen, deshalb einen Kurs zu besuchen. Und kein Mann würde auf die Idee kommen, unter dem Titel «Männlich, professionell E-Mails schreiben» einen Kurs anzubieten. Weil sie ja bereits professionell schreiben – sie sind ja Männer. Sie haben das Arbeitssystem erfunden, sie haben die Unternehmenskommunikation erfunden, sie haben die gesamte Wirtschaft erfunden. Warum sollte also irgendetwas an ihrem Kommunikationsstil falsch sein?

Frauen machen sich beim Schreiben von E-Mails offenbar die gleichen Gedanken wie in allen anderen Lebensbereichen auch. Vor allem treibt sie die Frage um: Mach ich es richtig?

Männer schreiben einfach. Frauen schreiben, überlegen es sich anders, schreiben neue E-Mails, schreiben Entschuldigungen, Geburtstagseinladungen und «Danke, dass du mal eben einfach so Zeit hattest»-E-Mails. Sie schreiben «sonnige Grüsse aus dem schönen Chur» und haben danach Gewissensbisse, weil sie nicht wissen, ob diese Floskel nun authentisch genug rüberkam. Frauen machen sich beim Schreiben von E-Mails offenbar die gleichen Gedanken wie in allen anderen Lebensbereichen auch. Vor allem treibt sie die eine grosse Frage um: Mache ich es richtig?

Ist der Kurs nun feministisch oder frauenfeindlich?

Eveline Lonoce versucht, das E-Mail-Wesen der Frauen zusammenzufassen. «Sie kommunizieren indirekter, vielschichtiger und vor allem persönlicher.» «Liebe Chantal, könntest du vielleicht, wenn es dir denn möglich wäre, aber nur, wenn es dich nicht stört, mal kurz...?» Sie sind ausufernd, sie deuten doppelt, interpretieren, wiegeln ab. Frauen sind beziehungsfokussiert – auch im Job.

Sie wollen sich gut stellen, sympathisch rüberkommen, sie wollen sich keine Kritik einfangen, keine Feinde. Frauen interpretieren manchmal die Grenzen zwischen Kollegin und Freundin falsch, verwischen eher die Grenzen zwischen Beruf und Privat. Sie schreiben wütende E-Mails, dabei sollten sie eine Nacht darüber schlafen. Sie haben Angst, die Kommunikation abzubrechen. Und, der Klassiker: Frauen entschuldigen sich ständig. Oft für Dinge, die gar keine Fehler sind. Emotionales Gewusel.

Äussere deine Meinung! Du musst sie vertreten können! Nimm die Dinge nicht persönlich! Bleib deinem Stil treu! Du musst es nicht allen recht machen! Trenne Fakten von Gefühlen!

Die Frauen, so das Fazit von Lonoce, stünden sich oft selbst im Weg. Statt in der Opferrolle zu verharren, könne man beginnen, seine Kommunikation gezielt zu verbessern. Ob dieser Kurs eigentlich feministisch oder frauenfeindlich sei, weiss Lonoce selbst nicht. Sie weiss nur: Ursprünglich wollte sie diesen Kurs nicht nur für Frauen anbieten, sondern auch für Männer. Doch die hatten leider keinen Bedarf.

Zum Ende hin gibts noch ein paar Motivationssätze, damit den Frauen klar ist, worauf sie fokussieren sollen: Äussere deine Meinung! Du musst sie vertreten können! Nimm die Dinge nicht persönlich! Bleib deinem Stil treu! Du musst es nicht allen recht machen! Trenne Fakten von Gefühlen! Zweifle nicht an, entschuldige dich nicht! Hol dir Hilfe, wenn es schwierig wird! Steh zu dir selbst! Aber: Hör auf, emotional zu sein! Sätze, die eins zu eins übertragbar sind auf sämtliche weiblichen Themen im Beruf, an denen sich Fachpersonen und Frauengruppen seit Jahren die Zähne ausbeissen: sicheres Auftreten vor Publikum, geschickte Konversation an Meetings, Small Talk in Gruppen. Die Kernbotschaft ist immer die gleiche: Frauen, glaubt an euer Potenzial!

Meine Kursnachbarin ist sichtlich gelöst. Sie sagt, sie wisse jetzt, was sie immer falsch gemacht habe. Sie will nun kürzere E-Mails schreiben. Sich im Vorfeld überlegen, was sie eigentlich sagen will. Und sonst ihre Gedanken zuerst in einem Word-Dokument runterschreiben, um die Gefühle zu ordnen.