Journalistin & Autorin

21. December 2014
NZZ am Sonntag / Interview

"Gott macht sowieso, was er will"

Christ sein heisst selber denken. Der ägyptische Investor Samih Sawiris über Sinn und Grenzen des Glaubens.

NZZ am Sonntag: Herr Sawiris, wann haben Sie das letzte Mal gebetet?

Samih Sawiris: Ich bin wohl eher ein unklassischer Beter, ich habe keine konkrete Form, die sich immer wiederholen würde, und ich bete auch nicht täglich. Aber ich bete vor dem Autofahren und immer, wenn ich eine Kirche sehe. Ich bete, wenn ich Probleme habe und wenn mir etwas Tolles widerfahren ist. Ich kann aber nicht behaupten, dass ich ein Sonntags-Kirchgänger wäre. Früher war ich einer, aber dieser Drang, eine Gewohnheit aus dem Beten zu machen, ist mir über die Jahre abhandengekommen. Obwohl es sicher gesund wäre.

Sie haben also auch keinen konkreten Ort, wo Sie regelmässig beten?

Nein, ich bete überall, und ich glaube überall – vor einem Auto oder in der Wüste. Das spielt eigentlich keine Rolle. Das ist nicht bezogen auf einen Platz oder Ort.

Wofür haben Sie das letzte Mal gebetet?

Ich habe Gott darum gebeten, sich in dieses Chaos da unten im Nahen Osten und im Irak und in Ägypten einzumischen. Es leiden und sterben zu viele Menschen, da wäre es gut, wenn er sich einmischt.

Und, wird es nützen?

Ich glaube, Gott macht sowieso, was er will. Aber es schadet und kostet nichts, ihn anzubeten. Man kann nicht glauben, dass er alles mitmacht, was wir wollen. So stark ist mein Glaube nun auch wieder nicht, dass ich behaupte, dass etwas passiert, nur weil ich es will, nur weil ich dafür bete. Meine Mutter ist so, sie hat diesen Glauben, und das bewundere ich an ihr. Aber ich selbst bin nicht so.

"Man darf nie vergessen, dass diese Leute Fanatiker sind. Nur weil sie es in die Schlagzeilen schaffen, sind sie aber keine Mehrheit." Samih Sawiris

Wie stehen Sie zu den gegenwärtigen Entwicklungen im Irak und zur Christenverfolgung?

Dort unten verbreitet sich eine unglaubliche Primitivität, und der Schaden für die Religionen ist gross. Der Islam ist eigentlich sehr tolerant, die Christen in Spanien und in Griechenland mussten vor 500 Jahren nicht konvertieren, die Muslime haben niemandem etwas befohlen zu einer Zeit, als die Katholiken die Protestanten nicht akzeptierten.

Der Islam ist also nicht das, was sich dort unten gerade zeigt.

Nein. Der richtige Islam akzeptiert das Christentum und das Judentum. Das, was gerade da unten passiert, hat mit dem echten Islam nichts zu tun. Aber leider sieht die Welt den Islam heute nur noch unter diesem Gesichtspunkt. Und wir als christliche Minderheit leiden darunter.

Worunter leiden Sie genau?

Wir leiden nicht unter der Intoleranz der Masse, sondern unter der Intoleranz der Minderheit, die radikal geworden ist. Es ist ja nicht so, dass der halbe Irak die Christen verfolgt, der Islamische Staat macht vielleicht zwei Prozent der Bevölkerung aus. Aber Sie sehen, welchen Schaden diese Leute den Minderheiten zugefügt haben. Man darf nie vergessen, dass diese Leute Fanatiker sind. Nur weil sie es in die Schlagzeilen schaffen, sind sie aber keine Mehrheit.

Nützt Glaube denn überhaupt etwas?

Mir nützt er, er erfüllt mich. Und er diktiert mir, wie ich mich benehme. Wenn ich keinen Glauben hätte, gäbe es kein Angleichen zwischen der Realität und dem, was der Glaube vorschreibt. Deshalb ist Glaube wichtig. Weil er dem Menschen eine Chance gibt, zu beurteilen, wo er steht.

Wie und wo drückt er sich im Alltag aus?

Überall und jederzeit. Man hat ja immer ein schlechtes Gewissen, wenn man hart verhandelt oder wenn man sich mehr oder weniger holt, als einem zusteht. Mein Glaube gibt mir die Chance, mich zu fragen: Was habe ich für die Gesellschaft getan? Und was habe ich nur getan, um mich selbst zu bereichern? Wenn ich Letzteres feststellemuss, dann fühle ich mich unwohl, weil mein Glaube stark ist.

Sie haben also ein schlechtes Gewissen?

Es ist zumindest wichtig, sich wohl zu fühlen mit sich und seinem Schöpfer. Das fängt ja damit an, dass man glaubt, dass überhaupt eine Kraft existiert, die stärker ist als man selbst. Wie auch immer man diese nennen mag, das spielt keine Rolle.

"Dass ich im Beruf erfolgreich bin, hat nichts mit meiner Religiosität zu tun." Samih Sawiris

Was tun Sie, wenn das schlechte Gewissen Sie überkommt?

Ich bete um Vergebung. Unter Menschen macht man Fehler und bittet dann um Verzeihung, warum sollte es Gott gegenüber anders sein? Ich glaube, Gott ist grosszügig. Zumindest hoffe ich es, sonst hätte ich keine Chance. Die Leute kommen allein sowieso fast nie wirklich weiter.

Wie drückt sich Ihr Glaube in Ihren Geschäftstätigkeiten aus?

Leider, das muss ich zugeben, durchdringt mein Glaube mein Geschäftsleben nur wenig. Dass ich im Beruf erfolgreich bin, hat nichts mit meiner Religiosität zu tun. Ich arbeite nicht so hart, weil ich denke, dass Gott mich dafür belohnen wird, wie die Calvinisten das tun. Diese These vertrete ich nicht, und daran glaube ich auch nicht. Ich glaube auch nicht, dass viele Menschen wegen Gott so viel arbeiten.

"Mein Glaube hilft mir, mich zu schämen. Das ist gesund." Samih Sawiris

Wie lebt es sich denn so als Glaubender in der Wirtschaftswelt?

Ich war erstaunt, zu sehen, dass in der Wirtschaftswelt mehr Leute gläubig sind als gedacht. Es gibt in diesem Bereich nicht mehr oder weniger Gläubige als sonst in der Gesellschaft. Erfolg und Geld haben die Leute nicht so sehr von Gott entfernt, wie man meinen könnte. Ich kenne aber auch viele erfolgreiche Leute, die zu wenig mit Religion zu tun haben.

Glaube und Erfolg hängen also nicht zusammen?

Hätte der Erfolg dieser Menschen mit Glaube zu tun, wären sie wohl schon längst pleite, weil sie nicht fair handeln. Es ist naiv, zu glauben, man würde erfolgreich, wenn man nur lange genug dafür betet! Auch ein Atheist kann sehr erfolgreich sein. Manchmal sogar auf einfacherem Weg, weil ein Mensch, der nicht glaubt, weniger Hemmungen hat. Man kann hart und schlimm sein und trotzdem reich und gesellschaftlich anerkannt.

Also hat Gott im Geschäftsleben nichts verloren?

Für Gott, so denke ich, ist es wichtiger, wie wir grundsätzlich mit den Menschen umgehen. Religion ist für mich ein Bestandteil des täglichen Lebens. Die Religion kann man nicht einfach irgendwo reinbringen und raushalten, wie man will. Ich bedaure überhaupt nicht, dass Gott in meinem Geschäftsleben nicht wirklich vorkommt. Man kann auch nicht vermeiden, dass man geschäftlich etwas tut, was gegen den eigenen Glauben ist. Aber meine Religiosität hilft mir, das zu merken und mich zu schämen, und das ist gesund.

"Ich spende natürlich, täglich, jährlich. Auch nach diesem Leben hier." Samih Sawiris

Wann haben Sie sich denn das letzte Mal geschämt?

Da gebe ich Ihnen natürlich kein Beispiel, aber ich gebe es immerhin zu. Wenn man jedoch beispielsweise Rache empfindet oder aus Rache handelt, ist das so ein typischer Moment, wo man merkt, dass man gerade etwas gegen den eigenen Glauben tut. Das ist ganz eindeutig eine Schwäche.

Tun Sie auch finanziell Busse?

Wir Gläubigen sind dazu aufgefordert, einen Teil des Vermögens zu spenden. Wie viel, ist jedem selbst überlassen, das ist eigene Interpretation. Ich spende natürlich, täglich, jährlich. Auch nach diesem Leben hier. Mein Vermögen wird nicht vollumfänglich an meine Kinder gehen, sondern zu grossen Teilen in caritative Institutionen fliessen. Für Menschen, die nicht die Chance hatten, von allein den gleichen Lebensstandard zu erreichen wie wir im Westen, weil sie die Chance zur Gleichheit nicht bekommen. Aber ich diktiere keine Prozente.

Woher rührt dieser Eifer zu spenden?

Die Idee, dass man das, was man hat, nicht für sich allein besitzt, ist ja eine christliche Grundhaltung. Die, die sagen, sie glaubten an Gott, aber ignorieren, dass sie eine Verantwortung gegenüber anderen haben, lügen. Wenn Sie gläubig sind, dann glauben Sie auch, dass ein grosser Teil des eigenen Reichtums geschenkt wurde. Ich sehe das als Glück an, als ein Geschenk Gottes. Folglich schulde ich ihm etwas.