Journalistin & Autorin

1. June 2013
Männerzeitung / Interview

"Ich finde meine Ernährerrolle furchtbar!"

Sven Broder, Kolumnist und Buchautor, über den Sinn von Teilzeitarbeit, was seine Kollegen dazu sagen und warum viele Männer lieber im Büro sitzen als zuhause.

Herr Broder, wie kam es dazu, dass Sie Teilzeit arbeiten? 

2003 bekamen meine Frau und ich unser erstes Kind, und plötzlich stand die Frage im Raum: Wie organisieren wir das? Damals arbeiteten wir beide 100 Prozent und mochten unseren Job. Es war klar, dass meine Frau nicht alleine zuhause bleiben wollte, das konnten wir uns auch gar nicht leisten. Ich war damals 27, hatte gerade meine erste Redaktorenstelle bei einer Regionalzeitung angetreten. Wir waren schlicht darauf angewiesen, dass meine Frau mitverdient. Also arbeitete ich fortan 80 Prozent, sie 60 Prozent, und zwei Tage in der Woche ging unser Kind in die Krippe.

Wie haben Ihre Kollegen auf der Arbeit reagiert, als Sie Ihr Pensum runterschraubten?

Das war gar kein Thema. Das haben alle verstanden und goutiert, da kam nie ein blöder Kommentar oder sonstwas. Ich glaube, es hätte für viel mehr Gesprächsstoff gesorgt, wenn meine Frau ganz zuhause geblieben wäre. Sie ist auch Journalistin. Wenn man in unserer Branche einmal weg ist, wird es sehr schwierig, wieder einzusteigen.

Also ist es bei der Frau ein Thema, beim Mann nicht?

Ich habe nicht das Gefühl, dass diese Geschlechterdebatte und das «Darf ich als Mann Teilzeit arbeiten?» in meiner Generation noch ein Thema ist. Ich bin Mitglied eines Männerkreises. 43 Leute treffen sich da einmal im Monat, vom Bauarbeiter bis ABB-Kader ist da alles dabei. Und keiner hat was gesagt, als ich angefangen habe, Teilzeit zu arbeiten.

Arbeiten Ihre Kollegen Teilzeit?

Ja, eigentlich alle. Ich kenne einen einzigen Mann, der nach der Geburt der Kinder noch 100 Prozent arbeitet. Aber diese ganze Prozentdiskussion geht mir sowieso ziemlich auf die Nerven.

"Ich glaube tatsächlich, dass viele Männer gar nicht Teilzeit arbeiten wollen. Ich glaube viel eher, dass sich viele in ihre Arbeit flüchten, weil sie keine Lust auf Frau und Kind zuhause haben, auf das ganze Drama." Sven Broder

Warum?

Das ist doch überflüssig – weil es nichts über die tatsächliche Arbeitszeit und ihre Aufteilung aussagt. Es gibt Leute, die einen Tag in der Woche zuhause sind, aber faktisch zwölf Stunden am Tag arbeiten. Oder Männer, die sechzig oder achtzig Prozent arbeiten, abends aber immer vor ihrem PC hocken oder ins Handy starren. Die sind ja auch nicht präsent. Andere arbeiten 100 Prozent und sind unter dem Strich mehr zuhause als ihre Teilzeitkollegen. Das ist alles eine Frage des Typs und der Organisation.

Wie hat es sich damals angefühlt, die Ernährerrolle abzugeben?

Ich habe sie gar nicht abgegeben! Und das finde ich ganz schrecklich. Ich wünschte, ich hätte diese Rolle nicht mehr. Ich verdiene nach wie vor mehr als meine Frau, also kann ich nicht einfach meinen Job schmeissen und sagen: Jetzt mache ich meine eigenen Projekte. Weil dann ein Grossteil unseres Geldes fehlen würde. Ich bin viel unflexibler als meine Frau. Mein Salär lässt sich nicht einfach streichen. Insofern ist die Freiheit, die uns Teilzeitarbeitenden immer attestiert wird, eine Lüge. Wenn Sie mich fragen: Sind Sie der Ernährer?, dann muss ich sagen: Ja, das bin ich immer noch. Aber ist das per se männlich?

Ja, ist es das?

Das hat eben aus meiner Sicht mit dem Geschlecht absolut nichts zu tun. Aber ich bin in einer Gegend aufgewachsen, wo Teilzeit-Männer Pantoffelhelden waren. Ich kenne dieses Klischee also aus eigener Erfahrung. Auf dem Land gibt es sowas wie Teilzeitarbeit bei Männern nicht. Und wenn, dann wird das als Schwäche ausgelegt.

"Wenn Sie mich fragen: Sind Sie der Ernährer?, dann muss ich sagen: Ja, das bin ich immer noch. Aber ist das per se männlich?" Sven Broder

Im Investment-Banking wird das aber auch nicht goutiert, und das ist mitten in Zürich angesiedelt.

Ich denke, das ist auch eine Frage der Branche. In kreativen Kreisen, unter Journalisten und Grafikern, arbeitet keiner Vollzeit. Es gibt viele kreative Lösungen. Aber ich habe auch noch nie ein Unternehmen mit 300 Leuten geführt. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie präsent man da sein muss. Unter Umständen macht da Teilzeitarbeit auch keinen Sinn.

Liegt es nicht vielleicht auch daran, dass manche Männer einfach nicht zuhause bleiben wollen?

Ich glaube tatsächlich, dass viele Männer gar nicht Teilzeit arbeiten wollen. Ich glaube viel eher, dass sich viele in ihre Arbeit flüchten, weil sie keine Lust auf Frau und Kind zuhause haben, auf das ganze Drama. Da geht es teils ja sehr emotional zu, das Kind verlangt die volle Aufmerksamkeit, es quengelt, es tobt. Das ist eine Berg- und Talfahrt. Das ist anstrengend. Und ganz anders anstrengend als das Berufs- leben, als Stress im Büro.

Sind Sie ein Karrieretyp, Herr Broder?

Man sucht sich sicherlich immer den Platz aus, den man haben will. Ich bin wohl nicht so karriereorientiert, sonst würde ich auf einer Bank arbeiten, wo du entweder rauf musst oder raus. Es gibt sicher Branchen, in denen du jederzeit abrufbereit sein musst. Auch als Frau. Ich wollte Kinder, das wusste ich schon immer. Also habe ich mein Leben danach ausgerichtet.

"Meine Frau hat mich gefordert, sie war immer schon eine moderne Frau, sie hat mir nicht hinterher gewischt. Also musste ich lernen, mit dieser Rolle zurecht zu kommen." Sven Broder

Welche Probleme hat die Teilzeitarbeit mit sich gebracht? 

Ich muss gestehen, dass wir die Lohneinbussen sehr unterschätzt haben. Das ist massiv. Da bleibst du einen halben Tag in der Woche zuhause und hast schon einen Zehntel deines Lohnes weniger. Und natürlich muss man sich stark organisieren, da ist Teamarbeit gefragt. Aber sonst? Sind wir sehr gut damit gefahren.

Hat die Teilzeitarbeit Sie persönlich weitergebracht?

Ich glaube, ich habe die Menschen um mich herum und mich selbst sehr inspiriert, als ich angefangen habe, Teilzeit zu arbeiten. Ich habe dadurch angefangen, Kolumnen zu schreiben, und das hatte die Schweiz ja noch nie gesehen.

Einen Mann, der Kolumnen schreibt? 

Nein, einen Vater, der Kolumnen schreibt. Über sein Vatersein. Damals hat doch kein Mann seine eigene Rolle reflektiert, was das bedeutet, was da alles auf einen zukommt. Und mir hat das sehr geholfen.

Inwiefern?

Ich wurde ja in diese Vaterrolle quasi reingeschmissen, das Kind war nicht geplant gewesen. Ich wusste nicht, ob ich richtig ticke, ob die Gedanken und Gefühle, die in mir drin sind, auch alle anderen Väter in sich tragen. Ich brauchte einen Ort, um mich und die Rolle zu reflektieren. Und die Kolumne im Beobachter war dieser Ort.

Und nun sind Sie der perfekte Mann und Vater?

Ich kann besser bügeln als meine Frau, das darf ich ehrlich zugeben. Meine Frau hat mich gefordert, sie war immer schon eine moderne Frau, sie hat mir nicht hinterher gewischt. Also musste ich lernen, mit dieser Rolle zurecht zu kommen.

Was machen Sie denn nun mit Ihrer freien Zeit?

Weniger zu arbeiten, heisst nicht, mehr Zeit zu haben. Die Zeit geht einfach für andere Dinge drauf. Aber für gute Dinge, für Lebensqualität. Ich geniesse jede Minute mit meinen Kindern, ich habe mehr Zeit für meine Frau und für mich selbst. Natürlich hilft auch ein 60-Prozent-Pensum nichts, wenn du ein Perfektionist bist. Ich denke, es würde den Leuten gut tun, etwas weniger zu arbeiten. Wenn ich könnte, würde ich es tun. Wie gern, glauben Sie, würde ich in der Töffligarage meine Töfflis reparieren, bei Neonlicht und schlechtem Radioempfang?