Journalistin & Autorin

29. March 2015
Sonntagsblick Magazin / Portrait

Im Reich der toten Tiere

Tierpräparator Christian Schneiter hat in 30 Jahren über 2500 ausgestopfte Tiere gesammelt - und sie zu den Stars des skurrilsten Museums der Schweiz gemacht.

Wir stehen auf einem Vorplatz ausserhalb des Dorfes Vicques im Kanton Jura unter dem wolkenverhangenen Himmel und machen uns auf etwas gefasst, was in ein paar Stunden so gar nicht in einen Kopf passt: 2500 präpariere Tiere auf 1600 m2 und zwei Etagen, in Vitrinen und Schaukästen fein säuberlich arrangiert, im Sägemehl liegend oder durch die Luft schwebend. Steht man im Museum Arche de Noé in den engen Gängen und schaut der Wildkatze zu, wie sie einen Vogel fängt, fühlt es sich an, als schaue man dem Leben zu, wie es sich entfaltet, nur eben als Stillleben. Als eingefrorener Moment.

Christian Schneiter hat seinen Tieren die Haut abgezogen und diese auf einen vormodellierten Körper aus Isoliermaterial gespannt – in seinem Atelier über dem Museum, möglichst wenn das Fell noch glänzt und bevor die Zersetzung des Kadavers beginnt. Für einen Tierpräparator, wie er einer ist, ist ausstopfen, wie die Leute es nennen, das falsche Wort. Denn ausgestopft wird hier gar nichts, und sowieso sei seine Arbeit weit mehr als das, sagt Schneiter. Dem toten Tier wieder etwas Leben einhauchen, entspräche ihr weit mehr. «Das wohl Anspruchsvollste an meiner Arbeit ist es, dem Tier seinen Charakter wiederzugeben», sagt er, so viel Würde, dass ein Mensch vor seinem Werk steht und denkt, es schaue ihn an oder es schlafe. Wie ein lebendiges Gegenüber.

Alle Tiere seien eines natürlichen Todes gestorben, alters- oder krankheitsbedingt, «aber erschossen wurde hier gar nichts», das ist Schneiter wichtig.

Eine der grössten und jüngsten Sammlungen der Schweiz

Die Tiere holt Schneiter in Zoos oder bei Veterinären in der Schweiz ab, bevor sie im Krematorium zu Asche zerfallen. Er habe seine Kontakte, sagt er. Leoparden, Mäusebussarde, Paviane, Marder, Polarbären: Schneiter hat eine der grössten und jüngsten Sammlungen an präparierten Tieren der Schweiz. Alle Tiere seien eines natürlichen Todes gestorben, alters- oder krankheitsbedingt, «aber erschossen wurde hier gar nichts», das ist Schneiter wichtig.

Die präparierten Tiere waren krank oder alt

Stirbt ein seltenes Tier in einem Zoo, gebe es drei Möglichkeiten. Entweder wirft man es den Löwen zum Frass vor – möglichst ohne Aufsehen darum zu machen, weil Zoobesucher das gar nicht wissen wollen. Oder man verbrennt den Kadaver – oder präpariert ihn für die Nachwelt. «Der letzte Weg ist der respektvollste.»

Bis zu 16 Stunden täglich sitzt er im Atelier und lässt seine Hände formen, da bleibe eben kein Raum für Kinder. Seine Partnerin hat sich damit abgefunden, «obwohl sie denkt, ich spinne».

Es gehe ihm um eine grössere Idee, sagt der 47-Jährige, und setzt sich auf eine seiner Fensterwerkbänke, «ich schaffe hier etwas, was mich überlebt». Sein Beruf ist seine Bestimmung, bei Präsentationen vor Besuchergruppen scherzt er immer und sagt, er habe vor lauter Präparieren vergessen, Nachkommen zu zeugen. Bis zu 16 Stunden täglich sitzt er im Atelier und lässt seine Hände formen, da bleibe eben kein Raum für Kinder. Seine Partnerin hat sich damit abgefunden, «obwohl sie denkt, ich spinne». Und ja, er spinne tatsächlich, das sei ihm völlig klar. Er sei der Sache nun mal verfallen, ein Besessener.

In den vergangenen 30 Jahren sammelte sich was an, irgendwann füllten die Tiere sein ganzes Haus, starrten seine Gäste an. Es waren zu viele, also dachte er sich: Bauen wir eine Arche Noah und packen sie alle da rein, so wie es in der Bibel steht, ein Holzschiff, 60 Meter lang, 20 Meter breit, 18 Meter hoch.

Auf einen Berg im Jura wollte er das Schiff stellen, mit seinen Tieren drin, doch der Kanton mochte keine finanzielle Unterstützung gewähren. «Schreiben Sie, dass ich das noch immer machen will, wenn mir das jemand finanziert», sagt er und redet schneller, «bis dahin habe ich hier mein Museum.»

Seit 2010 ist das Museum Arche de Noé offen, zwei Jahre hat alleine die Bauzeit gedauert, fast zwei Millionen Franken hat der Bau gekostet, alles Geld aus privater Hand. «Ich habe mein ganzes Geld und meine ganze Kraft in dieses Projekt gesteckt.» Rund 10 000 Besucher zählt das Museum pro Jahr, in das Gästebuch am Eingang schreiben die Besucher begeisterte Worte hinein, schwärmen von wundersamen Welten und dem Vergessen des Alltags. Sogar alt Bundesrat Hans-Rudolf Merz war schon da, «der Mund stand ihm weit offen», sagt Schneiter, «drei Wochen später kam er wieder, mit seiner Frau».

Ein Schimpanse liegt gerade in seinem Tiefkühler

Schneiter präpariert täglich, gerade liegt ein Schimpanse bei ihm im Tiefkühler. Er leiht seine Exponate Messen aus, Firmen für ihre Anlässe und Läden für ihr Schaufenster. Derzeit steht ein Zebra im Schaufenster eines Zürcher Restaurants.

Zur Tour de France hat Schneiter vor ein paar Jahren kurzerhand ein Fohlen auf ein Rennvelo montiert und es ins nahegelegene Dorf gestellt, die Leute hätten sich amüsiert.

Schneiter ist in seiner Disziplin Preisträger, er hat sich einen Namen gemacht. Das Handwerk sei eine Sache – selber kreativ sein eine andere. Christian Schneiter hat in seiner Ausstellung für Letzteres kuriose Ecken eingerichtet: mit Tieren, die die Natur nicht selber erschaffen hat. Kudobeine mit Löwenkopf, ein Wesen aus Murmeltier, Gams und Mäusebussard, zusammengetragen aus Fell- und Federresten. Sein nächstes grosses Projekt sind Tiere aus der Mythologie.

Auch Menschen verarbeitet Schneiter in seinem Schaffen, vielmehr sind es Schaufensterpuppen. 108 solcher Hybride hat er schon geschaffen. Leopardenköpfe auf angezogenen Puppen. Er nennt sie Manimales, menschliche Tiere, da er in jedem Menschen auch ein Tier sieht, in dessen Wesen, in der Stimme, der Haltung. Er selbst sei ein Wolf, «ein netter aber», und wenn man ihn sich anschaut, dann sieht man zumindest die grauen Haare, die silbrig- blauen Augen.

Schneiter liebt die Philosophie und Poesie, zum 300. Todestag des französischen Dichters La Fontaine hat er mit Exponaten 14 seiner Fabeln nachgestellt – der Fuchs und die Ameise, der Löwe und die Maus. Man müsse den Beruf weiterdenken, sagt er, diesem eine eigene Handschrift geben. Zur Tour de France hat Schneiter vor ein paar Jahren kurzerhand ein Fohlen auf ein Rennvelo montiert und es ins Dorf Vicques JU gestellt, die Leute hätten sich amüsiert.

Schneiters Jagdhund Sony aber wird niemals Fahrrad fahren, er wird eingeäschert, wenn er denn einmal nicht mehr ist. Nie, sagt Schneiter, würde er seinen Hund präparieren. Dafür sei ihre Beziehung viel zu lang, viel zu tief. «Ich habe Fotos von ihm, das reicht.»