Journalistin & Autorin

18. October 2015
NZZ am Sonntag / Portrait

Ins Bett nur mit Fischer

Wie ein biederer Bettwarenfabrikant einen der legendärsten TV-Spots der Schweiz kreierte.

Er solle sich hinstellen und Bettfedern auf sich regnen lassen, das gebe ein schönes Bild, sagte der Werber. Und Herr Fischer entgegnete ihm: «Uf Wiederluege, danke villmal, das bruch ich nöd.» Er lasse doch keine Federn auf sich regnen, sagt Ernst Fischer, und seine grossväterliche Stimme, die wir alle aus dem Fernsehen kennen, wird lauter. Er lehnt sich in seinem weissen Kittel übers Pult in seinem Büro, hinter ihm ein grosses Fenster mit Sicht auf den Zürichsee, aus welchem er eigentlich nie schaut. «Wo bleibt denn da meine Glaubwürdigkeit? Die Federn und Daunen sind hygienisch», sagt er. Sie sind gereinigt, entstaubt und sortiert. Das ist eine ernste Angelegenheit.

An einem grauen Tag wie diesem liegt die Fabrikhalle der Fischer Bettwarenfabrik müde im Regen, vor dem Eingang hat es noch freie Parkplätze. Doch die Leere täuscht. Zwischen 30 und 60 Kunden fahren jeden Tag vor die heiligen Daunen-Tore von Herrn Fischer und «chönd direkt zueluege», wie ihre Daunenfedern in den Trocknungs- und Entstaubungstrommeln ihre Runden drehen. Wie sie durch die Luft fliegen wie Schneeflocken in einer hellen Winternacht.

59 Sekunden dauert der Werbespot über die Fischer Bettwarenfabrik in Au bei Wädenswil. Keine Sekunde länger, ab einer Minute Werbefilm rechnet das Fernsehen mit anderen Preisspannen. 59 Sekunden lang läuft Herr Fischer in seinem immergleichen weissen Kittel durch die Spannteppichhalle und richtet seine Daumen in stoischer Ruhe auf seine Maschinen, die die Daunen der Schweizer reinigen.

"Herr Fischer ist die Quadratur der Biederkeit. Er ist genau so, wie man sich die alten Leute in ihren Coiffeur-Kitteln früher vorgestellt hat. Aber er ist authentisch. Er lügt nicht, er beschönigt nicht." Frank Baumann

Der Werbefilm ist eine Erfindung von Herrn Fischer, ein paar am Schreibtisch skizzierte Szenen, von einem Kameramann innert eines Tages abgedreht. Drei renommierten Werbeagenturen hatte Fischer zuvor einen Korb gegeben. Und er sollte recht behalten: Der Spot ist mittlerweile legendär und Herr Fischer zu einer Ikone geworden. Kaum einer, der diesen Spot nicht gesehen hätte. Kaum einer, der sich nicht ein Lachen verkneift und denkt: Der spinnt. Doch in der Werbebranche wissen alle: Was dem Fischer gelungen ist, davon träumen sie alle.

Der Zürcher Werber Frank Baumann sagt, Ernst Fischer und sein Spot seien Unikate, etwas, das der heutige Werbemarkt gar nicht mehr erfinden könnte. «Herr Fischer ist die Quadratur der Biederkeit. Er ist genau so, wie man sich die alten Leute in ihren Coiffeur-Kitteln früher vorgestellt hat. Aber er ist authentisch. Er lügt nicht, er beschönigt nicht.» Fischer sei seiner Zeit weit voraus, findet Baumann, er stehe als Unternehmer für das ein, was er tue. «Gute Werbung ist anachronistisch. Sie tut das, was andere nicht tun. Und in Zeiten, in denen alle nackte Frauen ins Fernsehen stellen und Millionen für einen Spot ausgeben, ist Herr Fischer eine Oase der Ruhe.»

Angefangen hat das Daunen-Märchen von Ernst Fischer 1962; zusammen mit einem Sattlermeister aus Horgen beginnt er, Federn zu reinigen, in einem kleinen Schuppen. Der Kollege lässt ihn fallen, reisst das Geschäft an sich, also fährt Fischer allein von Haus zu Haus und fragt die Hausfrauen aus Horgen an, ob sie Federn zu reinigen hätten. «Die Frauen suchten das, niemand aus der Gegend reinigte Bettwaren, Duvets und Kissen. Aber sie waren misstrauisch. Immer fragten sie: ‹Bekomme ich meine Ware auch wieder?›» Nach ein paar Jahren wurde es Fischer zu blöd, er sagte sich: Sollen sie doch selber kommen und zuschauen, was mit ihren Daunen passiert. Dann haben wir alle endlich unseren Frieden.

Ein paar tausend Franken hat ihn die Produktion seines Filmchens gekostet, das 2002 zum ersten Mal auf Tele Züri lief.

Die Frauen kamen in Scharen. Fischer stellte einen Chauffeur an, der die Kissen und Decken abholte, machte in Wädenswil eine kleine Bude auf, an der Zugerstrasse. Seine Frau und er schufteten von morgens um halb sechs bis zehn Uhr abends, jeden Tag. Eines Tages kam der Inhaber und sagte: Fischer, ich baue eine Fabrik, gleich hier um die Ecke. Und ich glaube, die wäre was für dich. 1976 mietet Fischer die heutige Fabrik. Er muss immer mehr Leute einstellen. Zuerst zwei, dann drei, dann fünf. Heute ist er bei zehn Angestellten, zwei Steppmaschinen und rund einem Dutzend Reinigungstrommeln.

Die Summe der Investition in dieses Imperium war, zumindest aus Werbesicht, denkbar klein: Ein paar tausend Franken hat ihn die Produktion seines Filmchens gekostet, das 2002 zum ersten Mal auf Tele Züri lief. 13 Jahre ist das nun her, und seit zwei Jahren läuft der Spot nun auch im Schweizer Fernsehen.

Wie viel 59 Sekunden Werbung im Schweizer Fernsehen kosten, will Herr Fischer nicht sagen. Wann der Spot gesendet wird und wie oft, weiss er nicht. «Ich habe da einen Deal. Die Leute vom Fernsehen streuen meinen Spot immer dann ein, wenn da eine Lücke ist. So wird’s billiger», sagt er und nickt zufrieden.

Schweizer und ihre Bettwaren sind ein heikles, ein sensibles Unterfangen. Es geht dabei um Grundwerte, Grundängste. Um Vertrauen und Loyalität.

Vor ein paar Monaten wurde Fischer in der Satire-Sendung «Giaccobo/Müller» des Schweizer Fernsehens persifliert, «per Zufall lief bei uns daheim grade der Fernseher», sagt Fischer. «Han müesse lache.» Gestört habe ihn das nicht. «Das git au Werbig, wüsset Sie. Da chan vo mier us jede Tag eine cho und en Gag über mich mache.»

Vor ein paar Wochen waren hier vier Frauen vom Bodensee zu Besuch, eine Geburtstagsreise, mit dem Car kamen sie angefahren, zuerst gab’s Cüpli für alle, danach einen Besuch in der Fischer Bettwarenfabrik in Au bei Wädenswil, und Herr Fischer musste herunterkommen und sich zwischen sie stellen, für eine Erinnerungsfoto. «Das kommt fast täglich vor, dass da einer mit mir eine Foto machen will, das ist nichts Besonderes mehr», sagt Fischer. 70 Prozent der Kunden seien Stammkunden, harte Arbeit sei das gewesen und viel Sachverstand, 50 Jahre lang.

«Sie müssen nicht verkaufen, Sie müssen beraten. Fühlt sich der Kunde gut beraten, kauft er von allein.» Schweizer und ihre Bettwaren sind ein heikles, ein sensibles Unterfangen. Es geht dabei um Grundwerte, Grundängste. Um Vertrauen und Loyalität. Fischers Erfolg gründet im Grunde auf dieser Erkenntnis. Die Menschen vertrauen Fischer, und sie vertrauen seinem Handwerk. Dafür sind sie bereit, einiges an Weg unter die Füsse zu nehmen. «Wir sind die Einzigen in ganz Europa, die industriell Daunen reinigen, unsere Dienstleistungen aber direkt an den Kunden verkaufen.» Fischer hat Kunden aus Italien, aus Deutschland. Allergiker, Junge, Alte, Stammkunden, Neue. «Viele Frauen sagen mir: Einkaufen gehen will mein Mann nie. Aber hierher kommt er mit.»

Die Angestellten führen weiche, fliessende Bewegungen aus, schütteln Daunendecken und streichen sie aus. Als hätten sie in ihrem Leben noch nie etwas anderes getan.

Fischers Bettwarenfabrik ist das Disneyland der Bettwarenfreudigen, eine 200 Quadratmeter grosse Halle mit einem Boden aus Spannteppich, einer grossen Wanduhr und einem weissen Empfangspult und blauen Boxen, wo der Kunde seine Hand in Anhäufungen von verschiedenen Daunen und Federn eintauchen kann. Wo Flaum sich um die eigene Hand legt wie das Fell eines kleinen Kätzchens. Die Füllmenge darf jeder Kunde natürlich selbst bestimmen. Die Angestellten lächeln alle im Akkord, beraten in ihren weissen Kitteln und mit warmer, weicher Stimme Kunden, wandeln mit ihnen durch die Gänge und führen dabei weiche, fliessende Bewegungen aus, schütteln Daunendecken und streichen sie aus. Als hätten sie in ihrem Leben noch nie etwas anderes getan.

Derweil steht eine ältere Frau vor dem ausgestellten Decken-Modell «1A1A extra grossflockige reine europäische Gänsedaunen weiss 90%» und sagt: «Wissen Sie, diese Federn von toten Tieren, das ist mir halt schon cheibe wichtig.» Da wisse man, dass die Tiere nicht leiden würden, das sei schon ein Kaufargument, ja, definitiv.

Herr Fischer ist ein Frauenversteher: Er sagt, dass Frauen die Spezialdecke mit Band nicht mögen, ohne Steppnaht. «Sie müssen die Decken dann immer schütteln und die Daunen verteilen, das ist mühsam.» Jede Decke und jedes Kissen ist mit einem Etikett versehen, darauf stehen die Adresse der Fabrik, die Telefonnummer, die Webadresse. Und auch, wann die Decke gefüllt wurde. Nächste Reinigung 2019: Ernst Fischer näht die Kundentreue gleich mit ins Kissen ein. Jeder, der neu auf die Welt komme, sagt Herr Fischer, brauche eine Decke. «Und der Herr Fischer ist immer da und macht neue.»