Journalistin & Autorin

1. December 2012
St. Galler Tagblatt / Interview

Kasperli stirbt zuerst

Das "Splätterlitheater" kommt in die Ostschweiz. Patric Gehrig über den frühen Tod von Kasperli, Kotze im Publikum und Plakatverbote.

Patric Gehrig, Sie machen seit 2005 makabres Puppentheater. Wie viele Figuren sterben diesmal?

Patric Gehrig: Im aktuellen Stück «Schlachthuus Südpol» sterben so wenige wie noch nie! Aber die wichtigste Regel bleibt: Kasperli stirbt immer als Erstes.

Darf man den Kasperli zur Strecke bringen? Jörg Schneider hätte sicher keine Freude.

Gehrig: In der Schweiz gibt es viele, die mit der Jörg-Schneider-Kassette aufgewachsen sind. Aber dann wird man erwachsen, und der Kasperli ist kein Thema mehr. Wir haben einen Weg gefunden, den Kasperli einem erwachsenen Publikum wieder nahezubringen. In einer ursprünglichen Form, nicht pädagogisch wertvoll, sondern derb und makaber.

Ist Puppentheater denn nicht etwas für Kinder?

Gehrig: Nein. Bei vielen Leuten ist die Reaktion auf Figurentheater: Ah, Kindertheater. Das ist schade. Das herzige Kasperli-Theater für Kinder existiert erst seit den 50er-Jahren. Davor war das was für Erwachsene. Früher war das Kasperli-Theater für die gemeinen Leute ein Ventil, sich über ihre Herrscher lustig zu machen, ohne bestraft werden zu können.

Sie amputieren den Figuren Arme und Beine, lassen sie verbluten, kotzen und kiffen.

Gehrig: «Splätterlitheater» ist ja eine Namensschöpfung aus Kasperli-Theater und «Splatter»-Filmen, einem Untergenre von Horrorfilmen. Darin wird explizit gezeigt, wie Körperteile abgetrennt werden. Da muss also Blut fliessen. Und da wir im aktuellen Stück eine Expedition zum Südpol machen und ziemlich lange auf See sind, kotzt der eine oder andere automatisch irgendwann.

"Wenn eine Puppe das Wort Neger sagt, lachen die Leute. Machen Sie so einen Witz mal als Mensch aus Fleisch und Blut." Patric Gehrig

Was erwartet die Zuschauer in Frauenfeld und St. Gallen?

Gehrig: Lustigerweise zwei verschiedene Stücke: Erst kürzlich haben wir gemerkt, dass das Kaff in Frauenfeld für das neue Stück zu klein ist. Also führen wir «Prinzessin Fu im Zombiewahn» auf, das war unser allererstes Stück. In St. Gallen zeigen wir wie geplant «Schlachthuus Südpol».

In St. Gallen hatten Sie 2011 Ärger mit der Polizei. Sie verbot das Plakat für Ihr Schauspiel «Em Schnäuzli sine letschti Kampf», eine Parodie auf Hitler. Was ist passiert?

Gehrig: Die Polizei war der Ansicht, das Plakat verletze religiöse und sittliche Gefühle der Bevölkerung. Das war das Beste, was uns passieren konnte.

Wieso das denn?

Gehrig: Sobald die Leute erfahren haben, dass die Plakate verboten wurden, haben sie sie massenhaft geklaut. Das kam in der Zeitung, und es war die beste Werbung, die wir je hatten. Wir sind in der Regel ausverkauft. Wir wollten ja noch Plakate für unser Archiv, aber es gab schlicht keine mehr. Ich weiss nicht, wie viele St. Galler ein Schnäuzliplakat zu Hause haben.

Wie weit darf denn Satire gehen?

Gehrig: Satire darf für mich sehr weit gehen, das muss sie sogar. Ich finde, man darf sich über sehr vieles lustig machen, wenn eine Beschäftigung mit dem Thema daran gekoppelt ist. Ohne Reflexion bleibt Humor relativ stumpf.

Sie sind zu dritt und spielen mit den Puppen auf der Bühne. Was ist das Besondere am Puppentheater im Gegensatz zum Schauspiel mit Menschen?

Gehrig: Mit Figuren kann man andere Geschichten erzählen, weil sie per se unschuldig sind. Eine Puppe ist ja bloss ein bisschen Stoff und ein wenig Holz. Wenn sie etwas erzählt, hat das ein anderes Gewicht, als wenn ein Schauspieler das sagt. Wenn eine Puppe das Wort Neger sagt, lachen die Leute. Machen Sie so einen Witz mal als Mensch aus Fleisch und Blut.