Journalistin & Autorin

20. July 2013
Das Magazin / Interview

"Es wurde gegessen, was auf den Tisch kam"

Kindheit damals und heute: Urgrosseltern und ihre Urenkel erzählen.

Willi Fischbacher wurde 1925 in dem kleinen Weiler Ebersol im Kanton Sankt Gallen geboren, sein Urenkel Ian Fischbacher 2006 in Kilchberg. Willi Fischbachers Mutter starb kurz nach seiner Geburt. Er wuchs allein mit seinem Vater auf, einem Alpknecht und Tagelöhner, und wurde später Bankmetzger in diversen Grossmetzgereien. Ians Vater ist Informatiker, die Mutter Verkaufsberaterin Papeterie. Ian kommt nach den Sommerferien in die zweite Primarklasse in Bachenbülach.

Glaubst du an den Weihnachtsmann?

Ian: Natürlich glaube ich an den Weihnachtsmann. Weil ich ihn gesehen habe, als wir in Finnland waren.

Haben Sie an den Weihnachtsmann geglaubt?

Willi Fischbacher: In der Sonntagsschule haben sie erzählt, dass es ihn gebe. Ich fragte den Pfarrer, ob er es beweisen kann. Da hat er mich geohrfeigt.

Glaubten Sie an Gott?

Willi Fischbacher: Damals ja. Ich habe ihn mir vorgestellt als einen Geist, irgendwo da oben. Aber fromm war ich nicht, ich war schon immer ein Skeptiker.

Glaubst du an Gott?

Ian: Ich glaube nicht an Gott, er ist ja gestorben, also kann er keine Wünsche mehr erfüllen.

Was isst du am liebsten?

Ian: Spaghetti Carbonara, so, wie sie mein Mami kocht. Ich esse sie immer nur zu Hause und in diesem einen Restaurant in Finnland.

Was haben Sie als Kind am liebsten gegessen?

Willi Fischbacher: So etwas wie ein Lieblingsessen kannte ich nicht. Mein Vater war mit mir allein, ich bin zehn Jahre jünger als die anderen fünf Geschwister, meistens kochte er. Es gab gekochte Kastanien oder Holderzunge, das ist Holundermus mit Butter, das habe ich direkt aus der Schüssel gegessen. Es wurde gegessen, was auf den Tisch kam.

Was nervte Sie an Ihrem Vater?

Willi Fischbacher: Er arbeitete nicht gern, das fand ich nicht in Ordnung.

Was nervt dich an deinem Vater?

Ian: Dass er mir manchmal verbietet, Videospiele zu spielen.

Wie sieht dein Zimmer aus?

Ian: Ich habe ein Zimmer für mich allein, im oberen Stock der Wohnung. Ich habe ein Hochbett, das habe ich mir so gewünscht. Ich habe zwei Schrägfenster im Dach und ein ganz grosses. Es ist immer hell und warm. Das Bad muss ich aber mit der Schwester teilen.

Wie sah Ihr Zimmer aus?

Willi Fischbacher: Ich hatte ein Bett mit Laubsäcken als Matratze, es war stockdunkel abends, wir hatten weder Strom noch fliessend Wasser. Wasser gab es draussen im Brunnen, im Winter musstenwir erst das Eis zerschlagen, ehe wir uns waschen konnten. Es war nicht geheizt im Winter, ich wohnte in einem alten Bauernhaus auf der Alp. Ich habe das Zimmer für mich allein gehabt, weil die anderen alle schon aus dem Haus waren.

Hatten Sie ein Ritual vor dem Schlafengehen?

Willi Fischbacher: Im Sommer haben wir uns manchmal die Füsse gewaschen vor dem Zubettgehen, draussen, im Brunnen vor dem Haus.

Hast du ein Ritual vor dem Schlafengehen?

Ian: Ich schaue immer fern, manchmal allein, manchmal mit meiner Schwester oder der Familie. Wir schauen dann Super RTL bis um acht, dann muss ich ins Bett.


"Ich glaube nicht an Gott, er ist ja gestorben, also kann er keine Wünsche mehr erfüllen." Ian Fischbacher


Bekommst du Sackgeld?

Ian: Ja, einen Franken in der Woche. Wenn ich dann in die zweite Klasse komme, bekomme ich zwei Franken in der Woche. Ich gebe nie etwas davon aus, ich spare alles für ein Eishockey-Libli. Ich will mir zehn davon kaufen.

Bekamen Sie Sackgeld?

Willi Fischbacher: Von meinem Vater gab es kein Geld. Aber an einigen Sonntagnachmittagen konnte ich bei der Holzkegelbahn in der Gegend Kegel aufstellen, das brachte mir zwanzig Rappen ein. Damit ging ich in die Bäckerei und kaufte mir eine Cremeschnitte. Ich habe immer alles sofort verbraucht.

Ihre schönsten Ferien als Kind?

Willi Fischbacher: Wir sind nie in die Ferien gefahren. So etwas gab es früher nicht.

Deine bisher schönsten Ferien?

Ian: Als wir vor zwei Jahren in Dubai waren, mit der ganzen Familie. Dort konnten wir mit dem Gummiboot durch die Wasserkanäle fahren, das war total cool.

Willst du mal heiraten?

Ian: Ja, sicher. Warum, weiss ich nicht. Aber ich will auch mal Kinder haben. Zwei. So wie wir.

Wollten Sie heiraten?

Willi Fischbacher: Davon wusste ich damals noch nichts. Auch von Mädchen nicht. Ich bin erst nach der Lehre so richtig aufgewacht.

Was haben Sie am liebsten gelesen?

Willi Fischbacher: Wir hatten einen Appenzeller Kalender, für jeden Tag im Jahr. Sonst hatten wir keine Bücher, und Kinderbücher kannte man sowieso nicht.
Was liest du am liebsten?

Ian: Mein Lieblingsbuch ist «Globi und die Pirateninsel», das habe ich zusammen mit der CD geschenkt bekommen. Ich weiss aber nicht mehr, von wem.


"Wir sind nie in die Ferien gefahren. So etwas gab es früher nicht." Willi Fischbacher


Das beste Geburtstagsgeschenk, das du je bekommen hast?

Ian: Mein Eishockey-Goal, das ist über einen Meter hoch. Das steht in meinem Zimmer, so kann ich immer Hockey spielen. Das beste Geburtstagsgeschenk, das Sie als Kind bekamen?

Willi Fischbacher: Ich habe nie eines bekommen. An Weihnachten kamen meine Brüder heim, die schon ausgezogen waren, dann gabs ein Fest. Sie brachten meinem Vater wohl Geld mit, aber für mich blieb nichts mehr übrig.

An welchen Ort wollten Sie als Kind reisen?

Willi Fischbacher: Ich wusste nichts vom Reisen, ich kannte nur den Ort, an dem ich war. Ich sah nur auf der Landkarte in der Schule, dass es ausserhalb noch etwas gab. Unser Weiler war mir genug.

An welchen Ort auf der Welt möchtest du reisen?

Ian: Ich will nach Spanien, da war ich bisher nur einmal, und ich war zu klein, um mich heute noch zu erinnern. Ich will in Spanien einen Fussballmatch schauen, wo Real Madrid spielt.

Hast du einen besten Freund?

Ian: Ich habe vier beste Freunde. Mit denen spioniere ich die Mädchen aus, wir schauen dann, was sie machen auf dem Pausenplatz oder in der Schule. Und manchmal rennen wir dann vor ihnen weg, wenn sie uns fangen wollen.

Hatten Sie einen besten Freund?

Willi Fischbacher: Ich war oft mit dem Buben des Lehrers zusammen, der hatte ein Velo, darauf habe ich gelernt zu fahren, in der dritten Klasse. Selbst hatte ich nie eines. Wir haben auch Fische gefangen, im Bächli, obwohl das verboten war.

Wie lange war Ihr Schulweg?

Willi Fischbacher: Eine Stunde zu Fuss, im Winter sind wir den Weg mit den Skiern gefahren, den steilen Hang runter.

Wie lange ist dein Schulweg?

Ian: Acht Minuten zu Fuss. Ich habe ein Fahrrad, aber wir dürfen damit nicht zur Schule fahren, weil es zu wenig Veloplätze gibt, das hat die Schulleitung verboten.

Was ist dein Lieblingsfach?

Ian: Sport, weil ich mich da austoben kann. Basteln mag ich nicht, da muss man immer stundenlang dran rummachen, bis man etwas fertig hat.

Was war Ihr Lieblingsfach?

Willi Fischbacher: Am liebsten mochte ich die Pause. Und sonst Turnen und Lesen, im Rechnen war ich nicht gut. Ich war sowieso kein guter Schüler.

Ihr Traumberuf, damals?

Willi Fischbacher: Ich hatte keinen Berufswunsch, man hat einfach gebauert. Man hat gearbeitet, was man halt grad musste.

Dein Traumberuf?

Ian: Ich will Eishockeyprofi werden, bei den Vancouver Canucks. Ich war schon oft in Kanada, jetzt im Sommer gehen wir wieder dahin in die Ferien. Das finde ich cool.

Gehst du in die Kirche?

Ian: Nein, nie, auch nicht in die Sonntagsschule.

Gingen Sie in die Kirche?

Willi Fischbacher: Ich ging nur, wenn ich musste. Ich bin in die Sonntagsschule gegangen. Es war ein anstrengender Weg hinab zur Kirche, zwei Stunden Fussmarsch waren das. Und als ich dann ankam, wurde mir vom Weihrauchgeruch immer schlecht.

Was sind Ihre Stärken?

Willi Fischbacher: Ich habe eigentlich alles an mir gemocht. Ich würde sagen, ich konnte gut Ski fahren. Und ich war ein mutiger Bub.

Was sind deine Stärken?

Ian: Eishockey und Fussball. Und dass ich mutig bin.

Warst du mal traurig?

Ian: Ich habe einmal geweint, weil meine Schwester mich geschlagen hat. Aber sonst bin ich nie traurig.

Waren Sie mal traurig?

Willi Fischbacher: Traurig war ich nie. Ich hatte keinen Grund, traurig zu sein. Ich habe überhaupt nichts vermisst. Und meine Brüder kannte ich kaum, das waren Fremde, die ab und an zu Besuch kamen.

Welcher Ort im Haus war Ihr Lieblingsplatz?

Willi Fischbacher: Ich war gern bei der Scheune, im Heuboden. Im Winter sass ich allein dort oben und habe Schiitli geschlagen, obwohl ich nicht durfte. Das hat mich gereizt.

Welcher Ort in der Wohnung ist dein Lieblingsplatz?

Ian: Mein Zimmer. Dort kann ich Unihockey spielen. Obwohl ich nicht oft allein sein will. Ich bin am liebsten bei meiner Familie.