Journalistin & Autorin

4. January 2013
St. Galler Tagblatt / Interview

Lust vor der Linse

Der 28-jährige Fotograf Mirko Ries fotografiert Prostituierte beim Sex. Seine Bilder sind an der diesjährigen Photo 13 in Zürich ausgestellt.

Eine Domina während einer Session mit einem Gast zu fotografieren: Kommen Ihnen solche Ideen spontan über Nacht?

Mirko Ries: Nein. Ich trage diese Idee schon ewig mit mir herum, sieben Jahre, um genau zu sein. Ich habe in der Nähe der Langstrasse gearbeitet und bin jeden Tag an den Prostituierten vorbeigelaufen. Diese Frauen und ihre Arbeit haben mich schon immer sehr fasziniert.

Andere Menschen gehen dort auch täglich vorbei, ohne auf die Idee zu kommen, Fotos zu machen. Worin besteht Ihre Faszination?

Ries: Ich kann nicht genau erklären, warum. Mich interessiert nicht nur das, was man auf den ersten Blick sieht oder öffentlich passiert. Eine Session findet ja hinter verschlossenen Türen statt, aber darüber wird nicht gesprochen. Es ist ein Tabuthema.

"Nur weil wir etwas nicht kennen, ist es nicht grundsätzlich schlecht. Es gibt sehr viele Dominas und Prostituierte in der Schweiz. Warum soll man also nicht auch darüber reden?" Mirko Ries

Sollte es kein Tabuthema bleiben?

Ries: Aus meiner Sicht nicht. Nur weil wir etwas nicht kennen, ist es nicht grundsätzlich schlecht. Es gibt sehr viele Dominas und Prostituierte in der Schweiz. Warum soll man also nicht auch darüber reden?

Ihre Bilder sind sehr intim. Wie haben Sie es geschafft, das Vertrauen der beiden zu gewinnen?

Ries: Das war ein langer Prozess. Ich kann ja nicht einfach dahin gehen und hoffen, dass ich auf gut Glück eine Chance kriege, jemanden zu fotografieren. Ich habe die Domina im Internet kontaktiert und sie gefragt, ob sie Interesse an einer Zusammenarbeit hat. Daraufhin haben wir viel Zeit miteinander verbracht, bevor ich zu fotografieren begann. Wir haben einfach miteinander geredet, teilweise hatte ich die Kamera gar nicht dabei. Das heisst auch, dass ich viel von mir selbst preisgegeben habe. Das Vertrauen beruht auf Gegenseitigkeit, das ist eine Beziehung, die man aufbaut.

Und dann standen Sie plötzlich inmitten einer Session.

Ries: Es war eine sehr intime Situation. Ich hatte dort ja eigentlich nicht wirklich etwas verloren. Aber mit der Zeit haben die beiden vergessen, dass ich auch dort war. Es war ganz natürlich. Ich arbeitete sehr nach Gefühl, hatte keine fixe Vorstellung im Kopf, wie das Bild sein soll. In dieser Situation fotografierte ich, was ich empfand oder fühlte.

Hatten Sie denn kein Problem damit, dass dabei ein Mensch erniedrigt wird?

Ries: Nein, warum auch? Dieser Mensch sucht ja aus genau diesem Grund eine Domina auf. Von Erniedrigung zu sprechen scheint mir hier nicht angebracht, da dies in gegenseitigem Einverständnis geschieht.

Wo liegt die Grenze beim Betrachter Ihrer Bilder?

Ries: In diesem Fall zeige ich keine expliziten Bilder, sondern solche, bei denen man sich eigene Gedanken zur Situation machen kann. Ich möchte die Menschen, die meine Bilder betrachten, zu nichts zwingen. Jeder soll selbst entscheiden können, wie weit er sich darauf einlassen möchte.