Journalistin & Autorin

22. April 2015
Annabelle / Portrait

Nie etwas zu Ende bringen

Wie ist es eigentlich... nie etwas zu Ende zu bringen?

Ich stand heute zu spät auf, weil ich gestern zu spät ins Bett bin. Ich konnte nicht einschlafen, weil ich über all die Dinge nachdenken musste, die ich noch nicht erledigt habe. Wie jeden Tag. Irgendetwas bleibt immer liegen, meistens sind es kleine Dinge, Alltägliches. Ich räume den Geschirrspüler nicht leer, ­beantworte meine Mails nicht, lasse Briefe monatelang ungeöffnet. Man könnte meinen: Der ist wie alle anderen. Ist halt bequem, ein bisschen faul. Ja, vielleicht – wenn nur die Albträume nicht wären. Die ­Schuldgefühle, die Scham. Und all die Therapiesitzungen.

"Von der Serie "Walking Dead" habe ich innerhalb einer Woche drei Staffeln geschaut. Das sind 30 mal 45 Minuten." Sven Hugler*

Ich schiebe auf, seit ich denken kann. Nur habe ich das lange nicht wirklich als Problem gesehen. Es ging ja auch alles, irgendwie. Ich schloss mein Studium ab – wenn auch mit Ach und Krach, obwohl ich die Dinge ­eigentlich schnell begreife –, fand einen Job als Devisenhändler in einer Grossbank. Kaufen, verkaufen, 50 Stunden die Woche, da muss man schnell handeln. Das ­konnte ich. Aber hinter der Fassade sah es eben anders aus. ­Jedenfalls ist mir das ständige Aufschieben und Hinauszögern irgendwann aus dem Ruder gelaufen. 

Ein Beispiel: Mit dreissig habe ich meine erste Firma gegründet. Weil ich nie einen Jahresabschluss machte, schätzte die Steuerbehörde mein Einkommen auf 35 000 Franken ein. Dabei war die Firma zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr aktiv. Ich wollte die Schulden erst mit meinem Privatvermögen begleichen, meldete dann aber Konkurs an. Ein anderer Fall: Weil ich eine Rechnung fünf Jahre zu spät einreichte, hat mir die Krankenkasse 2000 Franken an Rückzahlungen verweigert. 

Ich falle schnell ins Nichtstun, lenke mich stundenlang mit Unsinn ab. Von der Serie «Walking Dead» habe ich innerhalb einer Woche drei Staffeln geschaut, 30 mal 45 Minuten. Auf Facebook und Computerspiele reagiere ich wie ein Drogensüchtiger – ein Klick, eine Episode, ein Spiel mehr geht immer. 

"Es gab Momente, da verlor ich den ganzen Lebensmut. Dieser ewige Kreislauf von Schuld und Scham macht einen verrückt." Sven Hugler*

Weil ich alles aufschiebe, ist meine To-do-Liste nie leer. Da ich die Sachen tagsüber verschlampe, muss ich abends oft noch arbeiten. Ich habe kaum Zeit für ­Freunde und Hobbys. Geschweige denn für Frauen. Ich glaube, meine Beziehungen sind letztlich am krankhaften Aufschieben gescheitert.

Natürlich merken die Leute, dass etwas nicht stimmt. Aber sie denken, ich wäre einfach etwas verpeilt, eben ein wenig schludrig. Was soll ich ihnen denn schon erzählen? Sie würden es nicht verstehen. Wie sehr ich selbst darunter leide, wissen nur meine Mutter und mein Psychiater. 

Es gab Momente, da verlor ich den ganzen Lebensmut. Dieser ewige Kreislauf von Schuld und Scham macht einen verrückt. Die Unfähigkeit, die Dinge anzupacken und sie dann auch zu Ende zu bringen, hat übrigens ­sogar einen Namen: Prokrastination. So nennen Psychologen dieses Verhalten.

Ich versuche, so gut es geht den Schein zu wahren, mein Leben so zu strukturieren, dass es mit meiner Krankheit vereinbar ist. Ich putze täglich die Zähne, kleide mich ordentlich, spiele Gitarre in einer Band. Ich bin in der Eventbranche tätig, auch diese Firma habe ich selbst gegründet. Heute aber kümmert sich mein Firmenpartner um die Rechnungen und die Steuern und um alles, was ein strukturiertes Abarbeiten erfordert. Meetings setze ich morgens an, um aus dem Bett zu kommen. Und jeden Dienstagnachmittag gehe ich in eine Selbsthilfegruppe, dort arbeiten wir unliebsame Dinge zusammen ab.

Das Verrückte ist, dass ich in festen Strukturen niemals glücklich wäre, obwohl ich sie eigentlich bräuchte. Ich brauche Raum für mein kreatives Potenzial. Und ­irgendwie sind mir Ordnungsfanatiker einfach suspekt.