Journalistin & Autorin

15. March 2015
Schweiz am Sonntag / Artikel

Nudeln aus dem Drucker

Der 3-D-Druck drängt in die Küche. Über die Vision von gesunder Kost zuhause und dem Pulver-Kampf gegen den Welthunger.

«Dieses 3-D-Essen aus dem Drucker, von dem Sie alle reden, das existiert ja noch gar nicht», ruft ein älterer Mann halblaut in den Raum. Man solle aufhören, es als Realität zu verkaufen, faktisch könne man hier gar nichts probieren, da hinten laufe ein bisschen Stocki-Masse aus dem Drucker, aber sonst? Die grosse Leere. Lynette Kucsma, Erfinderin des «Foodini», lacht in einem Seminarraum in Zürich ihr amerikanisches Strahlelächeln, Foodini ist einer der ersten 3-D-Food-Drucker weltweit, und Kucsma sagt: «Ja nun, wir sind eben ganz am Anfang.» Alles noch Testphase, die ersten Geräte liefen zwar, seien aber noch sehr eingeschränkt in ihren Funktionen. Kochen können sie nicht, erwärmen auch nicht, dem Menschen eine wirkliche Hilfe sein auch nicht, aber: Die Zukunft des 3-D-Drucks sei ganz gross.

Der 3-D-Druck ist in aller Munde: Seit Anfang Jahr fährt das erste gedruckte Auto auf Amerikas Strassen, Barilla arbeitet an einem Pastadrucker, und die Chinesen drucken schon ganze Häuser (siehe Box). Die aufstrebenden Märkte sind Amerika und China, die Schweiz ist für den 3-D-Druck noch ein vernachlässigbarer Markt. Und der Food-Bereich steckt weltweit noch in den Kinderschuhen. Doch Lynette Kucsma ist sich sicher: «In 30 Jahren wird der 3-D-Drucker genauso zur Küche gehören wie heute die Mikrowelle, man muss ihn den Leuten nur erklären.» Dann erzählt sie von ihren Kindern, die endlich Spinatkuchen essen, weil er jetzt in Dinosaurierform daherkommt. Die Vorlage dafür hat sie aus dem Kinderzimmer, vom Plastikdino auf dem Boden direkt ins Versuchslabor, «und meine Kinder assen alle Dinos auf».

Per Datentransfer aus der Cloud bei mir in der Küche.

Um die 1200 Franken soll der Foodini, das Flaggschiff von Kucsmas Firma «Natural Foods», für zu Hause kosten. Noch ist er in der Testphase, bis Ende Jahr soll jedoch die Massenauslieferung möglich sein – auch in die Schweiz. Gastronomen aus über 70 Ländern stehen bereits auf der Warteliste für das Produkt. Fünf eingebaute Stahlpatronen, individuell abfüllbar mit Halbflüssigem, zeichnen Formen auf den Teller, je nachdem, was das Gerät an Dateninformationen erhalten hat. Aus flüssiger Schokolade werden so filigrane Meisterwerke, ganz ohne Handwerkskunst. Bisher ersetzt so ein Drucker im Grunde nur die Spritztüte, indem er – analog zu einem normalen 3-D-Drucker – Schicht um Schicht aufeinanderdruckt, bis ein dreidimensionaler Korpus entsteht. Komplexe Prozesse wie Kochen oder Kühlen beherrschen die Maschinen noch nicht.

Die Zukunftsvisionen skizziert Kucsma dafür umso klarer: Das Gericht des Sternekochs aus Japan wird per Datentransfer aus der Cloud bei mir in der Küche liegen, fertig gekocht, ohne dass ich eine Ahnung hätte, wie ich das zubereiten muss. Ich werde die Tomatensauce von meinem Lebensmittelladen des Vertrauens direkt in die Patronen füllen, und der integrierte Chip wird wissen, aus welchen Zutaten die Sauce besteht und wie viele Kalorien sie enthält.

Es ist bloss eine Frage der Zeit, bis die Weltmarken ihre Kapselsysteme auf den 3-D-Druck ausweiten.

Will ich abnehmen, wird der Drucker ein Dessert drucken, das exakt 200 Kalorien enthält. Lynette Kucsma sieht in ihrer Erfindung ein Gerät, das dabei helfen soll, sich gesund zu ernähren, obwohl kaum Zeit dafür bleibt. Die Handarbeit entfällt, weil die Prozesse automatisiert sind. Bisher sind nur Start-up-Unternehmen am Austüfteln der Maschinen beteiligt. Bereits sind jedoch Anfragen von grossen Unternehmen wie Nestlé eingegangen – es ist bloss eine Frage der Zeit, bis die Weltmarken ihre Kapselsysteme auf den 3-D-Druck ausweiten.

Die Avantgarde der Spitzengastronomie ist indes begeistert. Für sie weitet der 3-D-Druck ihre Möglichkeiten aus, ein Gerät mehr, neben Steamer, Herd und Wärmelampe. «Er wird die Köche niemals ersetzen», sagt der international bekannte Koch und Inhaber des Restaurants Noor in Barcelona, Paco Morales. Die Kreativität übertrage sich nur auf einen neuen Bereich . Seine Vision ist ein Mini-Restaurant aus dem 3-D-Drucker, Essensplatz für sechs Personen, «und alles ist aus dem Drucker, die Lampen, die Gebäudehülle, die Teller, das Essen».

Irgendwann wird man alles drucken können. Weihnachtsmänner, die Zeichnung des eigenen Kindes. Oder sich selbst.

Geht es nach Christiane Fimpel und Philipp Binkert von der Schweizer Firma 3D Model, kann man die Lebensmittel gleich ganz weglassen – und Essen aus Pulver drucken. «Für manche klingt das nach einem Albtraum, ich glaube aber: Das ist die Zukunft unserer Ernährung», sagt Fimpel zufrieden. Die Mystifizierung des Handwerklichen werde verschwinden, bald werde alles digitalisiert und technologisiert. «Die Kreativität wird im Design liegen, in der Programmierung des Drucks.» Auch sie wird in absehbarer Zeit in der Schweiz 3-D-Drucker für die Küche vertreiben. Fimpel geht es nicht um Sinnlichkeit oder die Frage, was gutes Essen oder guter Geschmack ist. Sie glaubt an das Ende des grossen Welthungers, an Tonnen von Pulver-Vorräten, aus denen man alles Erdenkliche zusammendrucken kann. «Etwas, das aussieht wie ein Burger, zum Beispiel, und schmeckt wie ein Burger, aber eigentlich aus Broccoli gemacht ist», sagt sie stolz. Damit hätte die Welt sogar eine Waffe gegen Übergewicht. Nur das Pulver dafür gibt es noch nicht.

Noch dienen die gängigsten 3-D-Drucker dazu, ein Abbild von sich selbst zu drucken. Christiane Fimpel malt sich bereits aus, wie die Schweizer Schokoladenindustrie revolutioniert wird. «Glänzend soll die Schokolade sein, cremig, von guter Qualität», sagt sie, und zeigt ein Foto von der Confiserie Sprüngli am Paradeplatz. Und was wird aus Sprüngli? «Sprüngli kann Schokoladenpatronen verkaufen, mit seiner Schokolade drin», sagt sie. Damit könne man alles drucken. Hasen, Weihnachtsmänner, die Zeichnung des eigenen Kindes. Oder sich selbst.