Journalistin & Autorin

10. July 2015
Beobachter / Kolumne

Oh, ein Mensch!

Eine Huldigung an die Frozen-Yoghurt-Maschine. Und an Kollegin Schumacher. Zum selber lesen.

Verstohlen steht sie in der Ecke, zwischen Emmentaler-Eingeklemmten, die senfgelb in der Hitze glänzen, und mit Gelatine festzementierten Erdbeerschnitten: die Frozen-Joghurt-Maschine. Sie kennt ihren Wert. Sie weiss: Für Kollegin Schumacher und mich ist sie ein Stück Himmel im trostlosen Büroalltag. Und das sogar kalorienarm.

Wenn da nicht diese Streusel für obendrauf wären, Smarties und Marshmallows, die da liegen und signalisieren, dass doch alles möglich ist in dieser modernen, von Spass und Leben erfüllten Welt. Nur zwei Franken sechzig, staunt Kollegin Schumacher, auch sie ein Opfer, geblendet und stehen geblieben, kaum mehr in der Lage, zu sprechen. Pro hundert Gramm, sagt die Frau hinter dem Tresen plötzlich - oh, ein Mensch, wir waren schon so versunken in unseren süssen Träumen; dachten, wir hätten die Maschine für uns allein. Ach so. Pro hundert Gramm.

Für das Lächeln wird sie noch bezahlt, fürs Abwägen nicht mehr, da macht es durchaus Sinn, dass sie lächelt.

Selber abwiegen, sagt die Frau hinter dem Tresen und lächelt. Für das Lächeln wird sie noch bezahlt, fürs Abwägen nicht mehr, da macht es durchaus Sinn, dass sie lächelt, breit sogar, freundlich, einladend.

Ich denke an die alte Frau mit den zittrigen Händen, die vor einer Woche versucht hat, am Self-Check-out der Migros-Kasse einen Kopfsalat einzuscannen. Ich habe fünf Minuten meines kostbaren Lebens dafür aufgewendet, die Arbeit für sie zu erledigen, während sie konzentriert Münz aus der Tasche kramte, passgenau einen Franken zwanzig, um dann zu merken, dass der Automat nur Karten akzeptiert.

Beim Check-in falsch geklickt

Selber rausdrücken, sagt die Frau hinter dem Tresen und lächelt, einfach den Hebel betätigen, etwa so - die Pantomime hinter dem Tresen sitzt einwandfrei - , und den Becher unten hinstellen, etwa so - erneute Pantomime. Ganz einfach selber machen.

Sie sind ganz frei! Wollen Sie Twix-Stückchen, Schoggisauce, Gummibärli? Alles, alles, was Sie wollen!

Ich denke an den dicken Mann Mitte vierzig, neben dem ich im Flieger sass, der gar nicht neben mir sitzen wollte - und ich gar nicht neben ihm. Eigentlich, so erzählte der dicke Mann Mitte vierzig, wollte er in der Reihe des Notausgangs sitzen, wegen seiner langen, dicken Beine. Doch er hätte falsch geklickt, beim Online-Self-Check-in, und nun sei ich halt gezwungen, über ihn drüberzusteigen, wenn ich pinkeln wolle. Ob das ein Problem sei?

Die Streusel selber draufstreuen, sagt die Frau hinter dem Tresen. Sie sind ganz frei! Wollen Sie Twix-Stückchen, Schoggisauce, Gummibärli? Alles, alles, was Sie wollen!

Halten Sie den Becher hoch!, sagt die Frau hinter dem Tresen und lächelt. Noch höher! Sonst spritzts!

In einer Welt, die voller Möglichkeiten ist, sind Einordnung, Anleitung und eine feste, höfliche Stimme noch Werte, die von Bestand sind. Geschenke von einem Menschen aus Fleisch und Blut. Zum Glück wird da hinter dem Tresen noch jemand dafür bezahlt, uns vor dem Schlimmsten zu warnen, wenn wir uns selbst daran versuchen, abzufüllen, zu dekorieren, zu wägen und dann zu zahlen.

Verärgert läuft Kollegin Schumacher wieder im Büro ein. Becher leer, Fleck auf dem Hemd. Zum Selberwaschen.