Journalistin & Autorin

2. February 2013
Die Welt / Kunst

Ornament und Alltag

Pollock trifft Bonbonpapier: Die Galerie Mai 36 entdeckt in Zürich die zu Unrecht vergessene Kunst des Holländers Daan van Golden aufs Neue.

Daan van Golden kommt zu spät. In Zürich ist Schnee gefallen, das Leben hat den Rhythmus geändert, und so tut es van Golden ihm nach. Heute Abend ist Vernissage in der Galerie Mai 36 in Zürich, Rämistraße, eine der besten Adressen der Stadt.

Ein bisschen verloren wirkt der Künstler in den kühlen Räumen bei seiner ersten Galerieausstellung überhaupt in der Schweiz. Fragt man den 76-jährigen Holländer, welchen tieferen Sinn seine Bilder haben, wirkt er irritiert, lächelt kurz und meint: "Nein. Da ist nichts mehr als das, was es eben ist." Kein tieferer Sinn, keine Vorbereitung, keine jahrelangen Pläne. Es ist eher so, dass da das Leben ist, der Alltag in seiner ganzen Fülle, und van Golden sich dazu entschlossen hat, sich darin so lange aufzuhalten, bis daraus Kunst wird.

Van Goldens größter Erfolg, seine Teilnahme an der vierten Documenta in Kassel 1968, liegt schon eine ganze Weile zurück. Der Name Daan van Golden ist heute nur einem kleinen Kreis bekannt, die große Masse kennt ihn schon gar nicht, und die großen Ausstellungshäuser lassen auf sich warten. "Es war danach ruhig, weil ich mich dazu entschieden habe. Nach so einer monumentalen Sache wie der Documenta muss Stille einkehren. Ich habe so lange darauf hingearbeitet, da ist es gut, eine gewisse Distanz zu finden – und weiter zu arbeiten." Und die Stille blieb. "Van Golden ist kein Kunstmarktkünstler", sagt Victor Gisler, Inhaber der Galerie Mai 36. Die Anzahl seiner Werke sei sehr überschaubar. "Er ist vollkommen frei in dem, was er macht, und hat nie etwas auf Reichtum und Ruhm gegeben. Er tut, was er will."

Kein tieferer Sinn, keine Vorbereitung, keine jahrelangen Pläne. Es ist eher so, dass da das Leben ist, der Alltag in seiner ganzen Fülle, und van Golden sich dazu entschlossen hat, sich darin so lange aufzuhalten, bis daraus Kunst wird.

Daan van Golden hat in seinem über 40-jährigen Schaffen das getan, was man Wiederholung nennt. Seine Ölmalereien sind zwei- oder dreifarbig, Hellblau und Weiß, Rot und Weiß, Schwarz und Weiß. Die Detailvergrößerungen auf seinen Leinwänden wirken fast surreal einfach. Die visuelle Komponente des Pop Art und Minimal Art in seinen gemalten Werken steht in starkem Gegensatz zu seiner Arbeitsweise, das Sujet mithilfe seines handwerklichen Könnens bis zur Perfektion auszureizen. Über die Grundierung der Leinwand kommt nur eine Farbschicht, und diese wird mit Tausenden von Pinselstrichen beinahe pointilistisch aufgetragen. Macht van Golden einen Fehler, wirft er das Bild weg. Kein Platz für Korrekturen, nur Platz für einen Neubeginn. Eine Radikalität, die große Geduld erfordert. Und Zeit.

Für van Golden ist das Malen ein meditativer Vorgang. "Es gibt keine Regeln in der Kunst. Natürlich kann man sich ein Konzept überlegen, bevor man beginnt. Nur meine Art ist es nicht." Als er Detailvergrößerungen aus Jackson-Pollock-Gemälden per Dia an die Wand projizierte, war er stoned. "Das Marihuana hat mich zu einem besseren Künstler gemacht", sagt van Golden. Er erkannte in den Pollock-Blow-ps eigene Bilder, Gesichter und Figuren. "Ich glaube, ich hätte die Bilder nicht gemalt, hätte ich diese Figuren nicht entdeckt." Wenn er malt, hört er immer Musik. Linkes Regal The Rolling Stones und The Birds, rechtes Regal Klassik.

Bis zur Documenta war van Golden ein Vertreter des Abstrakten Expressionismus, hatte nur mit den Farben Schwarz und Weiß gearbeitet. Danach war alles anders. Van Golden beschloss, nach Japan zu reisen, per Anhalter von Rotterdam bis Singapur. Drei Monate war er unterwegs.

Als er in Tokioankam, sich ein Studio gemietet und schwarze und weiße Farbe gekauft hatte, kam die große Leere. "Ich war nicht mehr inspiriert. Die drei Monate unterwegs und die Ankunft in Tokio hatten mich verändert. Ich dachte, das war's."

"Er ist vollkommen frei in dem, was er macht, und hat nie etwas auf Reichtum und Ruhm gegeben. Er tut, was er will."" Victor Gisler

Doch das war's nicht. Es war der Anfang dessen, was zu seinem Kernwerk werden sollte: Vergrößerungen von Alltagsgegenständen und Bildern bekannter Künstler wie Pollock oder Henri Matisse. "Ich fand wie durch Fügung ein rot-weißes Papier auf dem Boden meines Studios, und ich habe meinen Frieden darin gefunden, es minutiös zu kopieren. Das Schwierigste daran war, scharfe Kanten mit Öl zu malen." In einem Jahr in Japan produzierte er 14 Gemälde. Es war seine produktivste Zeit. Doch die Ausstellung in Tokio floppte. "Ein Freund von mir hat mir ein Schild gefertigt, auf dem stand, ich sei ein holländischer Künstler und hätte bei meiner Ausstellung kein Bild verkauft. Damit ging ich auf die Straße und bettelte." Nach zwei Tagen hatte van Golden das Geld beisammen, um nach Holland zurückzukehren.

Der Künstler hat seine Tochter mit zum Termin genommen, die Tochter, die er über Jahre fotografierte. Woraus die Serie "Youth is an Art" entstand. "Ich hatte die Chance, Fotos von jemandem zu machen, der selbstverständlich immer in meiner Nähe war. Sie war sich der Kamera nicht bewusst, und so entstanden Bilder von großer Naivität." "Rotterdam", eine 2012 neu aufgelegte Version seiner Fotografie von 1985, ist van Goldens Lieblingsbild in der Ausstellung. Es zeigt seine Tochter im roten Kleid auf einer Blumenwiese. Auch hier war zuerst der Alltag, dann die Kunst.

Van Goldens neue Serie "Double Prints", Druckabzüge auf Fotopapier, sind allesamt Kompositionen, die seine Arbeiten übereinandergelegt darstellen. Auch hier war der Künstler klug genug, um Zufall und Leben ihren Lauf zu lassen. "Diese Werke entstanden während der Druckphase meiner Kataloge. Sie basieren auf Fehldrucken, die aus der Maschine kommen und normalerweise in den Müll wandern." Die Fehldrucke wurden mehrfach durch die Maschine gejagt, und so legten sich van Goldens Motive zusammen – zu einer Maximalkomposition von 40 Jahrzehnten Schaffen. Erneut war die Wiederholung im Spiel, doch diesmal verweist van Golden auf sich selbst. "Ich musste nichts kreieren, es hatte sich bereits zu etwas Neuem zusammengesetzt, ohne dass ich hätte Einfluss nehmen müssen. Aber natürlich musste alles, was ich zuvor gemacht hatte, da sein, um es zu ermöglichen."

Die drei größten Gemälde van Goldens, "Study Pollock" von 1998, "Celuy Quy Fut Pris I/IV" von 2009 und "Heerenlux IV" von 2003, Öl auf Leinwand, zwischen 1,4 und 2 Meter, kosten bis zu 140.000 Euro. Sie sind allesamt im Privatbesitz von Galerieinhaber Gisler. Er hat sie schon vor Jahren erworben. Und gewartet. Und er wird es weiterhin tun, bis der Name van Golden irgendwann in unser kollektives Gedächtnis vordringt. An diesem Abend sind sich alle sicher, dass dieser Moment kommen wird. Und wenn nicht, wäre van Golden der Letzte, der sich daran stört.