Journalistin & Autorin

20. August 2015
Die Zeit / Portrait

Phantom mit scharfen Kanten

Der Churer Bischof Vitus Huonder spaltet die katholische Kirche in der Schweiz. Skizze eines Unnahbaren.

Vitus Huonder ist leicht einzusortieren, aber schwer zu fassen. Beim Kongress »Freude am Glauben« Ende Juli in Fulda hatte der Bischof von Chur in einem Vortrag über die Ehe auch über die Homosexualität gesprochen. Er zitierte zwei Bibelstellen aus dem Alten Testament, darunter diese: »Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen. Beide werden mit dem Tod bestraft. Ihr Blut soll auf sie kommen.« Die Zitate aus der Bibel würden genügen, um der Frage der Homosexualität aus Sicht des Glaubens die rechte Wende zu geben, sagte er. Glaubt er das wirklich? Und denkt er daran, wie das, was er sagt, auf andere wirkt? Seine Gegner bezweifeln, dass er zu Gefühlen wie Empathie, Mitleid, Reue fähig ist.

Das Publikum in Fulda hingegen war begeistert. Huonder wird von einschlägigen Portalen als »Fels in der Brandung« gefeiert. Außerhalb dieses Milieus ist die Empörung groß. Der Schweizer Schwulenverband »Pink Cross« erstattete Strafanzeige. Markus Büchel, der Bischof von Sankt Gallen, schrieb einen Brief an seine Mitarbeiter zum Thema Sexualität, den man als Distanzierung vom Amtsbruder verstehen kann. Huonder sprach im Boulevardblatt »Blick« seinen Vortrag, von einem »Missverständnis«, er habe keinen herabsetzen wollen, aber er bestehe darauf, dass die Kirche ihren Glauben unverkürzt vertreten könne. 

Selbst Menschen, die ihn lange kennen, fällt es schwer, Vitus Huonder zu beschreiben. Kaum jemandem vertraut er sich an. Einige, die über Jahre an seiner Seite waren, sagen, sie wüssten nicht einmal, ob er Freunde habe. Wie viele Geschwister. Und ob er glücklich gewesen sei als Kind. Sie zeichnen ein Bild von einem 73-jährigen Kirchenmann, der den Dialog scheut. Der introvertiert ist und gehemmt. Der sich in seinem Amt zunehmend isoliert. Er hat eine dicke Mauer um sich gezogen hat. 

Wenn er ins Erzählen kommt, schwärmt er von langen Spaziergängen in der Natur, von der Musik von Händels und Bachs, von heißen Fußbädern und Lokomotiven.

Zu einem Interview mit der ZEIT ist der Bischof nicht bereit. Menschen, die ihn zum Gespräch trafen, sagen, er spreche meist mit leiser Stimme, sage bloß einzelne Sätze. Er höre gut und aufmerksam zu. Fühlt sich der Bischof sicher, verstanden und bewundert, wird er weich, dann zeigt er feine, humorvolle Züge. »Hat er ein Heimspiel vor Leuten, die ihm wohlgesinnt sind, die seine Ansichten teilen und die mit ihm feiern wollen, ist er menschlich«, sagt Andreas Rellstab, ehemaliger Generalvikar Graubündens und über Jahre an der Seite Huonders. Bei Menschen, die seine Hilfe brauchten, sei er einfühlsam. Schon mit vier Jahren wusste Vitus Huonder, dass er Priester werden wollte. Wenn er davon erzählt, entspannt sich sein Gesicht. Dann wirkt er kindlich, heiter, gelöst. Wenn er ins Erzählen kommt, schwärmt er von langen Spaziergängen in der Natur, von der Musik von Händels und Bachs, von heißen Fußbädern und Lokomotiven.

Umso irritierender ist seine laute Stimme, die durch die Mauern Churs dringt, wenn es um kontroverse kirchliche Themen geht. Sein Vortrag vor rund 1000 Katholiken in Fulda zum Thema »Die Ehe – Geschenk, Sakrament und Auftrag« ist nur der letzte Ruf einer langen, beharrlichen, meist über Medienmitteilungen und Schriften geführten Predigt gegen die, wie er es sieht, zunehmende Unsittlichkeit dieser Welt und gegen Unsitten in der Kirche. Dazu gehört für ihn die in der Schweiz übliche Praxis, dass Theologen ohne Priesterweihe in einer Messe predigen. Huonder hält dies für einen Verstoß gegen Kirchenrecht und maßregelt, anders als viele Amtsbrüder, die Laienprediger. 

2012 nahm er sich besonders die wiederverheirateten Geschiedenen vor. Auch da ist die Weisung aus Rom streng, auch da machen manche Bischöfe Ausnahmen. Huonder nicht. Aber er macht sich Gedanken. Im vergangenen Jahr schlug er eine eigene Lösung vor: Wiederverheiratete Geschiedene sollen statt der Kommunion den Segen erhalten und dabei die Arme verschränken – ein »Coming- out« vor versammelter Gemeinschaft. 

Vitus Huonder ist keiner, der schnell zu anderen Vertrauen fasst. Aber wenn er einmal jemandem vertraut, dann fast blind.

Eines seiner Lieblingsthemen ist die Gender-Theorie, die er als »wissenschaftlich unhaltbar« abtut. Anfang 2015 strafte er einen Pfarrer ab, der einem lesbischen Paar in der Kirche den Segen gegeben hatte. Erst nach einem Treueschwur, verbunden mit dem Versprechen, keine Homosexuellen mehr zu segnen, durfte der Priester sein Amt behalten. 

Vitus Huonder ist keiner, der schnell zu anderen Vertrauen fasst. Aber wenn er einmal jemandem vertraut, dann fast blind. Huonder sitze abgeschirmt in Chur, stark beeinflusst von seiner Entourage, sagt Simon Spengler, ehemaliger Sprecher der Bischofskonferenz. Die beiden zentralen Figuren um Vitus Huonder sind sein Pressesprecher Giuseppe Gracia und Generalvikar Martin Grichting, zusammen mit Huonder nennt man sie das »Trio Infernal«, das 680 000 Katholiken aus sieben Kantonen anführt – zumindest formal. Giuseppe Gracia wird von Gesprächspartnern als der Wachhund und Abschirmer skizziert, Grichting als der Drahtzieher, als brillanter Redner und scharfzüngiger Kommentator. Das Trio aus Chur wollte sich für dieses Porträt nicht äußern. Alle, die Huonder nahestehen, lehnten ein Gespräch ab. 

Doch nicht nur sein physisch anwesendes Personal beeinflusst den Bischof. Huonder pflegt seit langer Zeit Kontakte in die ultrarechte klerikale Szene: Von seinem Vorgänger Wolfgang Haas und Priester Reto Nay, dem Kopf hinter dem Videoportal Gloria TV, hat er sich zwar abgewendet, »Beziehungen zur Piusbruderschaft und dem Internetportal Kath.net sind geblieben«, sagt Spengler. Kath.net lancierte denn auch eine Unterstützungskampagne. Wie viel Einfluss diese Leute wirklich auf den Bischof ausüben, bleibt im Dunkeln. Ehemalige Weggefährten sind sich uneins, wer am Hof wie stark die Themenagenda diktiert. Und wer die Fäden zieht. Ob Huonder die zentrale Figur ist oder nur eine Marionette in einem skurrilen Machttheater seiner Gefolgschaft. 

Er besuchte das Gymnasium des Klosters Disentis, trat als Novize in den Orden ein. Er wurde nicht aufgenommen, musste das Kloster wieder verlassen. Bis heute ist nicht bekannt, warum.

Vitus Huonder wuchs in einem kleinen Dorf im Kanton Graubünden auf, in einem ärmlichen Berggebiet, wo die Menschen treuen Herzens in die Steinkirchen strömten und man Rätoromanisch sprach. Sein Vater soll früh gestorben sein. Der junge Huonder zog mit seiner Mutter nach Thalwil im Kanton Zürich, dessen Dialekt er nicht sprach. Mühsam musste er sich eine neue Sprache aneignen. Er besuchte das Gymnasium des Klosters Disentis, trat als Novize in den Orden ein. Er wurde nicht aufgenommen, musste das Kloster wieder verlassen. Bis heute ist nicht bekannt, warum.

Kenner des Milieus munkeln, dass dort ein Hund begraben liegt, der einigen Leuten dazu dienen könnte, Huonder unter Druck zu setzen. Sie suchen eine Erklärung dafür, warum der Bischof mit den Jahren medienscheuer wurde und zugleich radikaler. »Huonder ist sehr bemüht, seine kleine Herde von Gläubigen zufriedenzustellen«, sagt Spengler. Dafür sei er bereit, bei allen anderen in Ungnade zu fallen. Huonder gehe es nicht um sich selbst. Er sei kein Narzisst, keiner, der das Rampenlicht für sich beanspruchen wolle. Es gehe ihm um die Kirche und die Wahrheit, wie er sie sieht.

Die breite Öffentlichkeit hatte Vitus Huonder zwar noch nie auf seiner Seite, der Protest von hoher Stelle ist bisher leise geblieben. Unter einem Teil der Kleriker genieße Huonder Vertrauen, sagt Ernst Fuchs, ehemaliger Leiter des Priesterseminars Chur, der 2011 wegen »schwerwiegender sachlicher Differenzen« mit dem Bischof brach. »Vitus Huonder sieht sich als Märtyrer in einer modernen Welt, die sich von der wahren Glaubenslehre abwendet. Er opfert sich für den wahren Glauben – und scheut diesbezüglich auch den Vergleich mit Jesus nicht.« 

"Seine Anhänger eifern ihm nach, sie biedern sich an. Sie wissen: Huonder duldet keine Widerrede. Und so schmeicheln sie sich ein, um in seiner Gunst zu bleiben." Ernst Fuchs

Auf seine Anhänger wirkt der Geistliche auch deshalb charismatisch. Seine Haltung gefällt allen, die sich als Verteidiger des einzig wahren Katholizismus sehen, zu einer Zeit, da selbst der Papst zu Debatten aufruft. »Wenn er im Rittersaal des Schlosses in Chur vor seine Anhänger tritt, klatschen und jubeln die Leute, wer- fen sich zum Teil auf die Knie und küssen dem Bischof den Ring«, sagt Fuchs. Sie wüssten, dass ihm dieses unterwürfige Gebaren gefalle. Vor allem jüngere Priester und einige Priester aus dem Ausland würden sich um den Bischof scharen. Der konservative Nachwuchs wird unter Huonders Leitung gezielt gefördert: Leute aus dem Umfeld des Priesterseminars sagen, Huonder habe seit 2007 mehrere Priesteramtskandidaten aufgenommen, die von den Diözesen und vom Regens von Chur keine Empfehlung erhalten hatten. 

»Seine Anhänger eifern ihm nach, sie biedern sich an. Sie wissen: Huonder duldet keine Widerrede. Und so schmeicheln sie sich ein, um in seiner Gunst zu bleiben«, sagt Ernst Fuchs. Besonders ausländische Priester seien dem Bischof auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Auch deshalb bleibe der große Protest unter den Klerikern in der Schweiz aus, sagt Fuchs. »Ein polnischer Priester kann sich doch nie im Leben gegen den Bischof aussprechen«, sagt er. »Die Angst, die Stelle zu verlieren, ist zu groß.« Wer im Bistums eine offizielle Tätigkeit ausübt, wirkt im Auftrag des Bischofs und ist deshalb darauf angewiesen, dass der seine Hand über sie hält. 

Jeder, der sich gegen ihn äußere, lebe gefährlich, sagen ehemalige Weggefährten. Es herrsche ein Klima der Angst. Die meisten Informanten wollten sich nicht namentlich zitieren las- sen, oder sagten ein Gespräch erst zu, als ihnen Anonymität zugesichert wurde. Einige haben Angst um ihre Anstellung. Anderen wurde mit rechtlichen Schritten gedroht, sollten sie sich wiederholt medial zu den Vorgängen im Bistum äußern. Ehemalige Mitarbeitende erzählen, man habe mit Huonder kein direktes Gespräch führen können. Er sei »unfähig zum Dialog«. Er halte es nicht aus, mit Kritik konfrontiert zu werden. 

Vor allem kirchenferne Kreise sehen in Huonder ihre Vorurteile gegen das katholische System bestätigt: realitätsfremd, homophob, diskriminierend.

Nach seiner Weihe 1971 hatte Huonder in verschiedenen Gemeinden als Priester gearbeitet. Schon damals war sein Führungsstil umstritten. Doch Huonder stieg weiter auf. Die wenigen, die sich schon vor Jahren trauten, gegen den Bischof mobilzumachen, waren Leute von der Basis, etwa die »Pfarrei-Initiative« . Mit Petitionen, Protestmärschen und Schrei- ben an Rom und an den Präsidenten der Schweizer Bischofskonferenz, Markus Büchel, versuchen sie hartnäckig, am Stuhl des Churer Bischofs zu sägen. Sie fordern einen Administrator , der dem Spuk ein Ende bereitet. 

»Vitus Huonder ist imageschädigend für die Kirche«, sagt Markus Heil, Präsident der Pfarrei-Initiative. Vor allem kirchenferne Kreise sehen in Huonder ihre Vorurteile gegen das katholische System bestätigt: realitätsfremd, homophob, diskriminierend. »Er isoliert die Kirche in der Gesellschaft und denkt dabei, er tue ihr einen Dienst.« Das habe mit Seelsorge, Nächstenliebe und überhaupt der Lehre Christi nichts mehr zu tun. »Huonder nimmt die katholische Kirche in Geiselhaft.« Doch am Ende sei er nur die Spitze des Eisbergs. Das Bistum Chur, in welchem Huonder Karriere machte, ist seit der Ära Haas in den Neunzigerjahren rechtskonservativ verfärbt. Die Aussagen aus Chur würden in Rom von vielen Klerikalen mitgetragen – wenn auch nicht an vorderster Front von Papst Franziskus. An Rücktritt denke Huonder nicht, sagte er vergangene Woche. 

In zwei Jahren, mit 75, wird er Rom seinen Rücktritt anbieten müssen. Und Rom, so ist man sich in Kirchenkreisen einig, wird diesen Rücktritt gerne annehmen. »Das Problem ist damit aber noch lange nicht gelöst«, sagt Markus Heil. Wieder wird das Domkapitel das letzte Wort haben. Es wird am Ende aus einer vom Papst zusammengestellten Dreierliste den neuen Bischof wählen. 2007 brauchte es mehrere Runden, bis das Domkapitel Vitus Huonder zum Bischof wählte. Doch es reichte für ein Ja.