Journalistin & Autorin

9. March 2016
Das Magazin / Reportage

Schöne Grüsse aus Airolo

Der Basistunnel ist der vorläufige Tiefpunkt eines langsamen Niedergangs. Kann sich Airolo noch retten?

Casa Comunale, Gemeindehaus, Via San Gottardo 85. Gemeindepräsident Franco Pedrini sitzt am Ende des grossen Sitzungstischs in seinem Ledersessel und sagt, man könne zwei Wochen am Stück in Airolo bleiben und finde immer was zu tun. Ausser, einer käme, um nur ins Kino zu gehen, dann werde ihm wohl nach zwei Tagen langweilig.

«Airolo geht es gut, mehr als 1700 Einwohner haben wir, die Zahlen sind seit ein paar Jahren stabil.» 2000 Einwohner seien das Ziel, sagt Pedrini, er sei optimistisch. Neben ihm an der Wand hängt ein grosses, gelbes Gemälde des Dorfs, Öl auf Leinwand, datiert auf 1995, gemalt von Paul Gut, dem Vater der Skirennfahrerin Lara. Eine Landschaftsidylle, keine Autobahn weit und breit. «Die Vorlage muss wohl ein altes Foto gewesen sein», vermutet Pedrini.

1800 ist Airolo nach Lugano die bevölkerungsreichste Gemeinde im Kanton, 1882 feiern 3700 Einwohner die Eröffnung des Gotthard-Eisenbahntunnels, nicht mal zehn Jahre später werden drei der modernsten Festungen Europas eingeweiht, Forte Airolo, Motto Bartola, Forte Ospizio. Rund hundert Jahre später, 1980, feiert die Schweiz die Eröffnung des Gotthard-Strassentunnels mit dem Südportal Airolo. Und wenn einer nicht richtig zuhört, sagt man: Göschenen–Airolo, zum einen Ohr rein, zum anderen wieder raus.

«Alles tot»

Via San Gottardo 80, Eda Bonato kocht Peperonata zum Einfrieren. Seit sechzig Jahren lebt sie in dieser Wohnung im dritten Stock, vom Küchenfenster aus blickt man an die Fassade der Dorfkirche, vom Wohnzimmerfenster auf die Via San Gottardo, rüber zum Ristorante Ramelli, wo der Putz von den Wänden bröckelt. Das Haus wartet auf Homegate gerade für 650 000 Franken auf einen neuen Käufer, unter dem Titel «Hotel am südlichen Fuss des Gotthardmassivs». 21 Fenster Richtung Via San Gottardo, 21 Fenster Richtung Seilbahn, blasse, grüne Fensterläden, Toilette und Dusche auf dem Gang. Über vierzig Jahre lang hat eine der letzten noch ansässigen Patrizierfamilien dieses Hotel geführt.

"Früher war die Strasse voller Leben, die Leute sangen in den Strassen, hier war der grosse Spass. Aber heute? Alles tot." Eda Bonato

Im Inserat heisst es, die «Mikrolage» sei als ruhig zu bewerten, die Toiletten und Bäder entsprächen nicht heutigen Ansprüchen. Doch Airolo, steht da, sei immer noch der bedeutendste Wintersportort des Kantons. Und im Sommer ein beliebter Ausgangspunkt für Wanderungen. «Früher war diese Via San Gottardo voll Leben, überall kleine Geschäfte, die Leute sangen in den Gassen, hier war der grosse Spass», sagt Eda, «aber heute? Alles tot. Vier Alte gibt es noch, sonst nichts.»

Ich als Gemeindepräsident sage Ihnen: Wir haben die Infrastruktur eines grossen Dorfs, alles, was wir brauchen. Die Zukunft sieht gut aus, hier in Airolo. Die Leute in den Städten werden hier die Ruhe entdecken, Gesundheit. Vielleicht werden wir die Steuern senken. Die Zukunft sieht gut aus. Sonst wäre ich nicht hier.

Frau Ramelli steht derweil hinter dem Frontglas ihres kleinen Lebensmittelladens und schaut auf die Strasse, in der Kühlvitrine bei der Kasse liegen eine Packung abgelaufener Mozzarella und fünf Salametti; manchmal sei sogar die Trockenpasta von Barilla abgelaufen, sagen sich die Leute hinter gezogenen Gardinen, da gehe man lieber zu Coop.

Airolo, das ist: zwölf Bars und Restaurants, zwei Bäckereien, vier Coiffeursalons, ein Coop, ein Denner, eine Post, zwei Bankomaten, ein Kino, eine Grundschule, ein Kindergarten, eine Bergbahn Airolo-Pesciüm und ein Skigebiet Lüina, eine Eisbahn, eine Militärkaserne, zwei Ärzte, eine Apotheke, drei Banken. Was fehlt: eine Gemeindepolizei, eine Metzgerei.

Und die Leute seien ein bisschen alt, das sei ein Problem, gibt Pedrini zu; er zögert, bevor er sagt: «In der Tat, es gibt nicht viel Bewegung, die Hotels sollten sich erneuern, das Wellnessangebot fehlt.»

"Dieses Dorf wäre heute vielleicht schon lang tot ohne Autobahn. Aber einen Beweis dafür habe ich nicht." Franco Pedrini

Und der Glaube der Bewohner an ihr Dorf, der fehle auch. «Sie sind verwöhnt, die Kundschaft kam von selbst. Die Leute dachten, sie könnten ewig so weitermachen.» Die Nachkommen hätten sich nicht gekümmert, und nun fehlten ein, zwei Generationen. Immerhin würden inzwischen wieder mehr Familien nach Airolo ziehen, zwar nicht in den Dorfkern, in die alten Häuser, wo man zum Teil noch mit Holz heizt, aber an den Dorfrand, mit Umschwung und Garage.

Der langsame Verfall begann nach 1980, nach der Revolution des Schweizer Strassenbaus, der Verbindung Nord-Süd. Denn die, die das Wunder gebaut haben, die haben auch geholfen, das Reisen schneller zu machen, effizienter. Die SBB streichen die ersten Stellen, das kleine Bahnhofsgebäude wird zu einer Käserei, die Güterzüge werden weniger. Das Militär zieht seine Soldaten ab, die Kasernen füllen sich immer seltener, Festungen werden verkauft. Die neuen Zugverbindungen lassen die Haltestelle Airolo öfter aus. 2009 melden die Eigentümer der Bergbahnen in Airolo Insolvenz an.

Auch das Ristorante Flora an der Via San Gottardo 55 ist mittlerweile zu, der Wirt hat hingeschmissen. Weil kein Auto in dieser Strasse mehr anhalte, kein einziges, sagt er, alle fahren durch.

Ich als Gemeindepräsident sage Ihnen: Keiner hat sich gegen diesen Autobahntunnel gestellt, damals. Der Verkehr in der Via San Gottardo wurde zur Belastung. Er nahm immer mehr zu, es brauchte eine Lösung. Früher wollten die Leute Ruhe im Dorf, heute sagen sie, die Autobahn ist schuld. Das geht irgendwie nicht zusammen. Dieses Dorf wäre heute vielleicht schon lang tot ohne Autobahn. Aber einen Beweis dafür habe ich nicht.

Sergio Gianolli, Verantwortlicher Marketing und Administration der Luftseilbahnen Airolo, lehnt sich an das Stahlgeländer auf der Zwischenstation Pesciüm und blickt ins Tal. Wie Ameisen bewegen sich Hunderte von Autos aus dem Berg heraus und in ihn hinein, Richtung München, Richtung Mailand. «Wenn wir nur zweihundert von ihnen jeden Tag zum Anhalten bewegen könnten, dann wären unsere Hotels voll», sagt Gianolli und atmet schwer. Früher vermarktete er Luftreinigungsfilter, Paris, Mailand, Frankfurt, war kaum einen Tag zu Hause. Nun wohnt er in einem kleinen Dorf nahe Airolo und erinnert sich auch zwei Stunden nach einem Gespräch noch an das Gesicht seines Gegenübers, «weil da kein Druck mehr ist, nicht mehr dieser Druck». Airolo, das bedeute Erholung, «das werden die Städter schon noch erkennen».

Als Gianolli hier anfing, zählte er 55 000 Eintritte pro Jahr, letztes Jahr 77 000 – noch immer weniger, als die Schaukäserei nebenan an Gästen bewirtet.

Einst war Airolo der erste Ort im Tessin mit einem eigenen Skigebiet, Doris De Agostini, Michela Figini und Lara Gut trainierten sich hier in die Weltklasse. In den Neunzigerjahren hat man Millionen ins Skigebiet investiert, ohne bleibenden Erfolg. Über Jahre hat man versäumt, Werbung für den Wintersportort zu machen. Der letzte private Besitzer hat dann alles totgespart, Skilifte geschlossen. Die Bergbahnen wurden innerhalb der letzten zwölf Jahre zweimal zwangsversteigert, das letzte Mal 2009: für 70 000 Franken. Käufer: die Gemeinden Airolo und Quinto.

Airolo soll neues Freestyle-Skiing-Zentrum werden – Nischenbewirtschaftung, Fokus auf die Jungen. Man habe neu einen «Big Air Bag» installiert, der sei ganzjährig benutzbar, sagt Gianolli. Seit zwei Jahren können Hundehalter auf einem Lecky-Trail spazieren gehen, man organisiert Essen mit Blaubeerrisotto und Nächte, in denen Astronomen den Leuten die Sterne zeigen, aber das sei halt abhängig vom Wetter. Gianolli wollte einen neuen Anstrich für die Talstation, in hellem Grau. Das hat man bleiben lassen. Dafür konnten die ansässigen Firmen Werbung an die Aussenwand schrauben, in Form alter Fotos mit Firmenlogos, Erinnerungen an die guten, vergangenen Zeiten. Über sechzig Namen hängen nun an der Wand. Airolo als Gemeinde hat keine Werbefläche gekauft. Als Gianolli hier anfing, zählte er 55 000 Eintritte pro Jahr, letztes Jahr 77 000 – noch immer weniger, als die Schaukäserei nebenan an Gästen bewirtet. Letztes Jahr im Sommer konnte man die ersten Chinesen auf den Berg bringen, das sei doch ein gutes Zeichen, neue Kundschaft, «das lässt uns positiv in die Zukunft blicken». Sein Ziel: 100 000 Eintritte pro Jahr bis in drei Jahren.

Wenn jemand etwas aufbauen will, sind wir die Ersten, die ihm die Hand reichen. Mir ist alles recht, man sollte alles unterstützen. Im Grunde ist doch niemand gegen diese Dinge. Die Leute hier sind vielleicht einfach nicht so interessiert. Vielleicht, wenn sie Polenta anbieten würden, vielleicht kämen auch ein paar Leute aus dem Dorf.

Caseificio del Gottardo, Schaukäserei, 6780 Airolo, gleich neben dem Eingang der Bergbahnen. Aramis Andreazzi stürmt die Treppe hinauf ins Büro und packt Akten in seine Tasche, fünf Minuten nur, bitte, er muss noch nach Luzern, das Geschäft läuft zu gut. «Die Leute nehmen die Ausfahrt Airolo und fahren direkt zu uns hoch, essen hier und fahren wieder weiter.» Die Autobahn sei das Beste, was ihnen habe passieren können, ganze Busse werden hier abgeladen, aus Deutschland, Holland, Italien. «Dieses Restaurant ist Werbung für Airolo. Umgekehrt nicht.» Mit dem Dorf habe das alles hier sowieso nicht viel zu tun, die Schaukäserei liegt auf der einen Seite der Autobahn, das Dorf auf der anderen, dazwischen: ewiges Rauschen.

"Airolo wird nicht sterben, solange ich lebe. Was danach kommt, muss mich nicht mehr kümmern" Fernanda Pedrina

Alle zwei Jahre findet das Festival «Airolo in Transizione» statt, «Airolo im Übergang», Folklore, gemischt mit Jazz, Rock und Funk, ins Leben gerufen als Rettungsversuch für das Dorf, von Fernanda Pedrina, die aus einem alten Airoleser Geschlecht stammt. «Airolo wird nicht sterben, solange ich lebe. Was danach kommt, muss mich nicht mehr kümmern», sagt Pedrina mit fester Stimme und will wissen, warum denn immer nach dem Sterben dieses Dorfs gefragt werde, «wo es doch um Veränderung geht».

Dieses Festival sei ein lobenswerter Versuch, sagt ihr Bruder Vasco Pedrina. Doch er sehe nicht, wie solche Unternehmungen die Wirtschaft in Airolo nachhaltig ankurbeln könnten. «Es ist noch keiner gekommen, der die zündende Idee hatte, um die Kehrtwende zu schaffen.» Das Dorf habe viel Glück gehabt, früher. Zu viel Glück. Seit die Eltern tot sind, kommt er noch seltener als früher, er habe andere Prioritäten gehabt, da «hat es nicht gereicht, einen Beitrag zu leisten, dass dieses Dorf nicht versinkt».

Die Piazza Motta war mal das Herzstück Airolos, vor 200 Jahren, als Damen aus Mailand unter weissen Sonnenschirmen im Garten des Hotels Motta promenierten, die Pferdekutschen vor dem Eingang parkiert. Jeder Italiener, der auf sich hielt, wollte nach Airolo, zur Patrizierfamilie Motta in die Herberge. Heute hat der Ort keinen Motta mehr im Adressregister. Seit 2007 ist das berühmteste Hotel des Dorfs ein Bed and Breakfast, der Tanzsaal geschlossen, und an der Tür hängt ein Zettel: «Keine Küche». Übernachtungen und Frühstück, das sei das Einzige, was sich lohnt, sagt Graziella Bonoli, die Chefin des Motta. «Das Dorf bietet nichts mehr für die Jugend von heute. Die begnügen sich nicht mit Dusche und WC auf dem Zimmer, die wollen Wellness, den grossen Spass.»

Mauro Chinotti, Vorgänger von Gemeindepräsident Pedrini, steht auf der Piazza Motta vor dem Coop und sagt: «In einigen Jahren bleiben uns nur noch eine Autobahn, wo immer Stau ist, und eine Passstrasse, die kaum einer befährt.» Dann nennt er die Zahl 300: So viele Arbeitsplätze seien in den letzten Jahren vor die Hunde gegangen. Irgendwie, sagt er, siehts nicht gut aus für das Dorf. Bereits in den 90er-Jahren, als die Bevölkerungszahlen sanken, hielt er traurige Reden. Nun aber ist Förster Pedrini am Steuer, und der sei Optimist.

"Hier bräuchte es mal einen, der autonom handelt. Einen Unternehmer, der Arbeitsplätze schafft. Einen, der Mut hat, ein Risiko eingeht." Marzio Forni

Wir bräuchten das Glück, einen Unternehmer zu finden, der hier was in die Hand nimmt, einen Visionär. Wissen Sie, die Leute hier haben Mühe, an ihr Dorf zu glauben. Immerzu sagen sie: Einer muss was tun – aber sie selbst tun nichts. Es müsste ein Neuer kommen, die jetzigen Bewohner haben nicht mehr den Mut.

Hotel Forni, Via della Stazione 19, dritte Generation, Marzio Forni, 58 Jahre alt, sagt, er wolle endlich lesen, spazieren, Fussball schauen, ein bisschen leben, das wäre schön. Das Hotel läuft gut, 6600 Übernachtungen pro Jahr, 14 «Gault Millau»-Punkte, im Sommer ausgebucht. Rund vier Millionen Franken hat die Familie in den vergangenen 30 Jahren in das Hotel investiert. Das habe in der Via San Gottardo kaum einer getan. «In diesem Dorf fehlt eine ganze Generation, die Jungen bleiben nicht hier, um Hotelier zu sein. Niemand hat sich um die Nachfolge gekümmert.» Die Aktivitäten der Leute im Dorf seien schön und gut, aber sie seien auf die Hilfe von aussen angewiesen, von der Gemeinde, vom Staat. «Hier bräuchte es mal einen, der autonom handelt. Einen Unternehmer, der Arbeitsplätze schafft. Einen, der Mut hat, ein Risiko eingeht.»

Das Hotel Forni steht zum Verkauf, seit vergangenem Mai, irgendwann will Marzio Forni in Rente gehen. «Doch bisher keine seriösen Anfragen.»

Immerhin der beste Standort für Käse

Im ehemaligen Bahnhofsgebäude an der Via della Stazione bricht die Firma Agroval SA wöchentlich Rekorde, die ganze Schweiz will den Käse, den Joghurt, die hier auf 50 Quadratmetern produziert werden, Migros, Coop, Denner, Manor, Restaurants, Hotels, Altersheime, Tankstellen – sogar nach Russland wird exportiert, Etiketten in kyrillischer Schrift. «Airolo ist der beste Standort, den wir uns suchen konnten», sagt der Käser Andreas Dürr, die Konsumenten aus der Schweiz wollten zurück zum Regionalen, und so ein kleines Bergdorf als Produktionsort sei gut fürs Image, «das steht für Authentizität». Die Leute kauften lieber aus Airolo als bei den grossen Produzenten, und er sei lieber Produktionsleiter hier als eine kleine Nummer woanders. Ganz in Airolo wohnen will Dürr nicht, das sei ihm zu ausgestorben. An den Wochenenden wohnt er in Locarno.

"Ich weiss nur, dass mich die Wehmut packt, wenn ich an Airolo denke. Daran, wie es früher war." Mario Fransioli

Läuft alles nach Plan, feiert die Schweiz am 1. Juni die Eröffnung des Gotthard-Basistunnels: 57 Kilometer lange Einspurröhren, der längste Eisenbahntunnel der Welt, Neigezüge mit bis zu 250 Stundenkilometern, eine Stunde schneller in Mailand, rund 300 Züge pro Tag, 40 Millionen Tonnen Güter pro Jahr.

Er könne nicht viel sagen zur aktuellen Lage, was solle er auch, mit 84, sagt Mario Fransioli, Historiker und Urgestein des Dorfs. «Ich weiss nur, dass mich die Wehmut packt, wenn ich an Airolo denke. Daran, wie es früher war.»

Man habe das Versprechen der SBB schriftlich, dass in Airolo noch Züge hielten, sagt der Gemeindepra¨sident, dass dieses Dorf nicht einfach vergessen werde, weil nun alle möglichst rasch nach Mailand wollen. Pedrini denkt weiter, an die Zukunft. Vielleicht wird aus Airolo sogar ein Rückzugsort, aus dem Abgeschnittensein irgendwann eine Tugend. «Vielleicht bekommen wir eine historische Eisenbahnstrecke, so a¨hnlich wie die Berninabahn. Das wa¨re touristisch attraktiv.» Bis dahin gibt sich Pedrini mit dem zufrieden, was bleibt. «Lieber einen, der nach einem Tag glu¨cklich heimkehrt, als einen, der la¨nger bleibt und dann nie wiederkommt.»

Regen sickert in die Ritzen des Kopfsteinpflasters auf der Via San Gottardo, fliesst langsam die Treppen hinab zum Bahnhof. Es riecht nach Brennholz und abgekühltem Stein und erster Einsamkeit. Auf der anderen Seite dieses Bergs, der das Schicksal der Schweiz prägt wie kein zweiter, leuchtet das Luxushotel des Investors Samih Sawiris im Schnee des kleinen Andermatt.

«Sawiris wer?», fragt einer in der Bar Böcc. «Da drüben wissen die doch auch nicht, was das mit ihnen macht, wenn einer kommt und das ganze Dorf kauft.» Ob das so viel besser sei? Hier in Airolo wissen sie wenigstens, woran sie sind. Und gewöhnt man sich nicht an alles, irgendwann? Schliesslich lehrt einen die Erfahrung: Was man lange nicht hat, das hört man auf zu vermissen.