Journalistin & Autorin

10. August 2013
St. Galler Tagblatt / Interview

"Sex ist nur das Beigemüse"

Der Bestseller "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche schockierte mit ekligen Sexszenen. Fünf Jahre später kommt der Roman in die Kinos – in der Hauptrolle die Tessinerin Carla Juri.

Carla Juri, haben Sie das Buch «Feuchtgebiete» gekannt, als Sie sich für die Rolle der Helene beworben haben?

Carla Juri: Nein, ich habe es erst während den Vorbereitungen gelesen, als Ergänzung zum Drehbuch.

Und haben Sie danach ihre Zusage bereut?

Juri: Nein. Ich habe aus dem Bauch heraus entschieden, dass ich die Rolle spielen will. Es war intuitiv. Genauso wie die Entscheidung damals, die Annemarie im «Dällebach Kari» zu spielen.

Die Figur in «Feuchtgebiete» ist aber, gelinde gesagt, etwas verdorbener, als die zarte Annemarie.

Juri: Es war genauso schwierig, Annemarie zu spielen, wie es nun war, Helen zu spielen. «Feuchtgebiete» ist genauso komplex, es geht nicht, wie viele Leute denken, in erster Linie um Sex.

Ach nein?

Juri: Nein, das wäre zu banal. Ginge es nur um Sex, hätten wir uns den Film sparen können. Beim Lesen von «Feuchtgebiete» haben die Leute die Bilder sowieso schon im Kopf. Wir haben uns beim Film dazu entschieden, die Themen zwischen den Zeilen herauszuarbeiten und ins Zentrum zu stellen.

Und die wären?

Juri: Ich habe versucht, den Menschen dahinter zu sehen. Ich habe mich gefragt, wer ist diese Helen und warum tut sie das, was sie tut. Das hat ja alles eine Funktion. Helen sucht einen Platz in ihrem Leben. Der Liebesentzug der Eltern nach der Scheidung spielt für Helen zum Beispiel eine grosse Rolle, wobei aus der Perspektive der Eltern nie ein Liebesentzug stattfand.

Was haben Sie mit der Heldin des Romans gemeinsam?

Juri: Gar nichts. Ich bin Schauspielerin. Das ist mein Beruf und harte Arbeit. Je weniger der Zuschauer davon sieht, umso besser.

Aber Sie müssen sich doch ein Stück weit mit der Figur identifizieren können, um sie gut zu spielen?

Juri: Identifizieren können heisst ja nicht, so zu sein wie sie. Ich muss mich für sie interessieren, Empathie haben. Aber ich muss an sich nichts mit ihr gemein haben. Die Herausforderung bei diesem Film war ja gerade, das Mädchen und seine Handlungen zu verstehen.

Sonst wären Sie wohl einfach eine Sexdarstellerin?

Juri: Das Buch ist ja auch kein Sexbuch. Dass Leute Vorurteile haben, kann ich verstehen. Wenn der Film veröffentlicht wird, werden ganz andere Fragen kommen, und dann wird es erst spannend.

"Bewertung hemmt einen nur. Der Entstehungsprozess sollte im Fokus stehen, nicht das Ziel. Deshalb lese ich auch keine Kritiken." Carla Juri

Was sagt eigentlich Ihre Familie zu Ihrer aktuellen Rolle?

Juri: Sie haben nicht viel dazu gesagt. Ich habe sie nicht einmal gefragt. Ich musste die Entscheidung, ob ich die Rolle spielen will, sowieso allein treffen. Ich bin da neutral, die Medien polarisieren. Ich habe nicht das Gefühl, ich müsse die Figur, das Buch oder mich in irgendeiner Weise verteidigen.

Was war am schwierigsten zu spielen?

Juri: Die simpelsten Dinge sind die schwierigsten. Ich musste einmal nur durch den Raum laufen, und wurde plötzlich ganz unsicher. Ich hatte mir so viele Gedanken zu Helen gemacht, aber mir nie überlegt, wie sie wohl läuft.

Werden Sie nach diesem Film nicht für immer Helen aus «Feuchtgebiete» sein?

Juri: Ach, ich war bis zu diesem Film auch nur noch Annemarie aus «Dällebach Kari». Man ist immer das, was man in seinem letzten Film dargestellt hat. Wir sind als Menschen so vielfältig, wir sind nicht nur eine Rolle, wir sind viele davon.

Schauen Sie sich in den Filmen gerne selbst an?

Juri: Ich schaue mir den Film an, aber nur einmal. Ich habe Mühe damit, mich spielen zu sehen. Auch meine Stimme am Telefon zu hören, finde ich komisch. Beim wiederholten Anschauen fängt man an zu bewerten. Und das ist das Schlimmste überhaupt.

Warum?

Juri: Bewertung hemmt einen nur. Der Entstehungsprozess sollte im Fokus stehen, nicht das Ziel. Deshalb lese ich auch keine Kritiken.

Aber gute Kritiken sind doch förderlich, nicht?

Juri: Auch das Lob kann schaden. Weil man anfängt zu analysieren. Und schon ist man aus dem Prozess draussen. Man ist nicht mehr im Fluss, probiert nicht mehr aus, hat Angst, Fehler zu machen. Um gut zu sein, muss man mutig und unbefangen bleiben. Sobald man bewertet, bleibt man stehen.