Journalistin & Autorin

10. July 2015
Beobachter / Artikel

Ständig unanständig

Überall Lärm und Abfall, und an die alten Autoritäten glaubt niemand mehr: Wer sorgt für Umgangsformen, die das Zusammenleben erträglich machen?

Essen ist fertig!" Der Ruf verhallt ungehört im Kinderzimmer. Nur dank Einzelvorladungen findet die Familie komplett am Tisch zusammen. Doch die Kinder sind nur physisch da. Ihr Geist konzentriert sich auf den Bildschirm in der linken Hand, verliert sich in den Weiten des Internets. Der vom beiläufigen Essen gefettete Zeigefinger zieht Schlieren über das Display.

Vor wenigen Jahrzehnten sass Gott noch mit am Tisch, beim gemeinsamen Dankgebet. Die Hände waren gefaltet. Dann hörte man Radio Beromünster und schwieg. Der Vater setzte die Anstandsregeln durch. Er war eine Autorität, der man nicht widersprach. "Das ist heute kaum mehr denkbar", sagt Jürgen Oelkers, emeritierter Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Zürich. "Und wenn es Eltern doch probieren: Schauen Sie mal, wie die Kinder reagieren."

Die Gesellschaft ist heute ein Sammelsurium verschiedenster Glaubensrichtungen, kultureller Ausprägungen und Lebenseinstellungen; jeder für sich, alle nebeneinander. "Es existiert keine Institution mehr, die stellvertretend für alle Regeln aufstellt, an die man sich hält", sagt Oelkers. Die "Benimmlehre", einst Teil der Erziehung in Schule und Familie, sei weitgehend weggebrochen. "Die Notwendigkeit von Anstandsregeln ist zwar unbestritten. Doch wer sie heute verbindlich vermitteln kann, ist völlig unklar."

Streng erzogen oder überhaupt nicht

Eltern hoffen auf die Schule, die ihren Sprösslingen elementarste Regeln beibringen soll. Kindergärtnerinnen lehren die Kleinen, die Hand zu reichen, ein paar Minuten stillzusitzen und anderes. "Die Schule ist heute die einzige grosse Klammer, die versucht, die extrem heterogenen Elternhäuser unter einen Hut zu bringen", sagt Beat W. Zemp, Präsident des Lehrerverbands.

"Anstandsregeln sind immer auch ein Herrschaftsinstrument; sie zementieren Machtverhältnisse." Karin Frick

Jeder habe eine andere Auffassung von Erziehung, von streng bis gar nicht erzogen. Am besten klappe das Zusammenleben in der Schule, wenn gegenseitiger Respekt gelehrt werde und Lehrer und Lernende gemeinsam an Anstandsnormen arbeiteten.

Anstandsregeln legen fest, wie wir miteinander umgehen. Sie sind das ungeschriebene Gesetz, das nicht täglich neu ausgehandelt werden muss. Wenn jemand die stille Abmachung verletzt, bekommt er das zu spüren: Sein Verhalten wird sanktioniert. "Dieses System funktioniert ohne Eingreifen von Sittenwächtern oder des Staats", sagt Karin Frick, Zukunftsforscherin am Gottlieb-Duttweiler-Institut. "Es ist zutiefst sinnvoll und stabilisiert die Gesellschaft."

Manche Regeln gelten weltweit

Neue Normen entstehen meist, indem alte bekämpft werden. Vor ein paar Jahrzehnten waren Frauen gesellschaftlich geächtet, wenn sie Hosen trugen, Sex vor der Ehe hatten und die Pille nahmen. Vor allem die jüngere Generation stellte geltende Normen in Frage und sorgte für heftige Debatten ( siehe "Eine kurze Geschichte des Anstands", Seite 21).

Heute ist es allein schon schwierig, solche Regeln zu erkennen. Ein Beispiel: Soll man älteren Personen in Tram und Zug den Platz anbieten? "Dass das nicht mehr partout geschieht, hat schlicht damit zu tun, dass die Alten nicht mehr als schwach angesehen werden", sagt Frick. Das bedeute aber nicht, dass die Anstandsregel, Schwächere zu schützen, keine Bedeutung mehr habe. "Das Bild des Alters hat sich einfach stark geändert."

Manche Regeln wie Grüssen oder Danken sind universell gültig und bleiben über die Zeit hinweg erstaunlich stabil. Andere wandeln sich mit der Zeit, Kleider- und Tischregeln etwa oder der Umgang mit dem anderen Geschlecht. Entsprechend muss sich eine Gesellschaft auf ständig neue Normen einigen.

"Anstandsregeln sind immer auch ein Herrschaftsinstrument; sie zementieren Machtverhältnisse", sagt Frick. Beispiele sind das Konkubinatsverbot, das in einzelnen Kantonen bis in die neunziger Jahre galt. Oder die Vollverschleierung der Frau in muslimischen Ländern. Die Vormacht traditioneller Institutionen ist in den letzten Jahrzehnten vielerorts erodiert, besonders nachhaltig wegen der 68er Bewegung. Figuren wie der Vater, der Lehrer oder der Pfarrer wurden hinterfragt und verneint. "Autorität ist heute kaum mehr von Bedeutung, weil sie kein allgemein akzeptierter Wert mehr in unserer Gesellschaft ist", sagt Jürgen Oelkers. "Die Entfaltung des Individuums, die Rolle des eigenen Ichs stehen viel stärker im Zentrum. Selbstoptimierung und Selbstbehauptung sind zu zentralen Werten geworden."

Samstagnacht um drei: Das Quartier ist eine Festhütte. Tausende vergnügen sich auf müllübersäten Strassen. Ein junger Mann uriniert in eine Hofeinfahrt.

Ob man sich um Anstand bemüht, hat darum stark damit zu tun, inwieweit man darin einen Vor- oder Nachteil für sich sieht. Frick: "Wenn ich also weiss, dass es Konsequenzen hat, wie ich mich benehme." Ob Höflichkeit von Herzen komme, spiele eine untergeordnete Rolle, solange sie ihre Wirkung erziele: eine Konfrontation oder ungute Gefühle zu vermeiden.

"Es gibt ja kein WC hier!"

Die Ikea-Männer kamen am Samstagmorgen um acht. Walter Ramseier, Hausbesitzer im Zürcher Kreis 4, hatte eine Matratze bestellt. Doch die Matratzenmänner schafften es nicht in sein Haus. Vor dem Eingang drängten sich übernächtigte Partygänger. Zwei lallende Frauen versuchten, den Zugedröhnten klarzumachen, dass hier vielleicht jemand wohne. Die Gruppe debattierte darüber. "Eigentlich war die Szene amüsant, eine Anekdote zum Zusammenprall von Tag- und Nachtleben", sagt Architekt Ramseier, der seit den Siebzigern im Kreis 4 lebt. Wären da nicht die schlaflosen Nächte, die Bässe, die durch Wohnhäuser wummern, das Gegröle und Gekreische auf der Strasse.

Samstagnacht um drei: Das Quartier ist eine Festhütte. Tausende vergnügen sich auf müllübersäten Strassen. Ein junger Mann uriniert in eine Hofeinfahrt. "Es gibt ja kein WC hier!", sagt der Ertappte. Daneben ist die Zufahrt zu einer Tiefgarage mit Scherben bedeckt, dazwischen braune Pfützen. Erbrochenes. Die Strasse klebt.

Ramseier und 140 Anwohner der Langstrasse verlangen vom Stadtrat, dass er etwas gegen die Auswüchse unternimmt. Klubbetreiber, Partygänger und manche Kulturschaffende verteidigen dagegen das bunte Treiben, das heute zu einer Grossstadt gehöre. Einen kleinen Erfolg haben die Anwohner erzielt: Die Stadt räumt ihnen die Möglichkeit ein, gegen Klubbewilligungen zu rekurrieren, und ruft alle Betroffenen an einen runden Tisch.

Der Preis der Nacht provoziert nicht nur in Zürich hitzige Debatten. In Basel sammelten Anwohner Unterschriften gegen den Lärm an einer neuen Gastromeile, und Klubbetreiber sollen mit strengeren Bassvorschriften gebändigt werden. In anderen Gemeinden wird ein Verbot von Boomboxen verlangt, mit denen kleinere Gruppen in Parks, an See- und Flussufern die Umgebung beschallen.

Ist es ein anstandsloser Pöbel, der die Städte jedes Wochenende heimsucht? Architekt Ramseier glaubt nicht, dass die Leute unanständiger geworden sind. "Sie sind unter der Woche vielleicht sogar besonders angepasst, leben unauffällig in langweiligen Quartieren, erledigen ihren Job. Dann kommen sie hierher, um etwas zu kompensieren." Das Problem: Es werden immer mehr.

Hat die Jugend den Anstand verloren?

Rücksichtnahme passt schwerlich in eine Zeit, die Individualismus und Selbstbewusstsein als Tugenden zelebriert. Hat die Jugend den Anstand verloren? "Keineswegs", findet der St. Galler Soziologe Peter Schallberger: "Gerade Junge verkehren heute in unterschiedlichsten gesellschaftlichen Sphären mit jeweils eigenen Codes und Regeln.

Mit der mobilen, digitalen Kommunikation sind Schlupflöcher des Anstands entstanden - und Konflikte mit der realen Welt.

Sie leben in einer Welt, in der viele kleine Welten nebeneinander existieren." Die Arbeit, die Ausbildung, diverse Freundeskreise. Alles müssen sie unter einen Hut bringen. "Das Einhalten der jeweils geltenden Regeln ist viel anspruchsvoller geworden als in einer früheren, konformistischeren Einheitswelt. Aber das gelingt natürlich nicht immer."

Ganze Menüs auf der Strasse

Innert 20 Jahren hat sich in Zürich der auf Strassen und in Parks entsorgte Abfall mehr als verdoppelt. Die Statistik unterscheidet allerdings nicht zwischen achtlos verstreutem und in öffentlichen Kübeln entsorgtem Müll. "Um die Jahrtausendwende hatten wir einen jährlichen Anstieg im zweistelligen Prozentbereich", sagt Niels Michel, Leiter Dialog und Präsenz bei ERZ Entsorgung + Recycling Zürich. Das liege nicht zuletzt an der explosionsartigen Zunahme von Klubs und Bars mit Nachtbewilligung, Takeaways und Tankstellenshops.

Michel glaubt, dass die Leute nicht per se unanständiger geworden sind. "Sie benehmen sich je nach Situation einfach anders. Die Prioritäten ändern sich nach Alkoholkonsum, in der Dunkelheit und wenn auch andere ihren Abfall auf der Strasse entsorgen." Was die Putzequipe wegfegt, hat sich über die Zeit verändert. "Die Verpackungen sind voluminöser geworden, die Leute kaufen für ganze Gruppen ein." In Klubs und Bars zu trinken ist für viele zu teuer. So wird die Strasse zur Festhütte. Und dort findet man immer mehr Esswaren, ganze Take-away-Menüs, Früchte, halbvolle Flaschen.

Immerhin ist die Abfallmenge seit 2008 stabil geblieben: jährlich 9300 Tonnen, trotz Bevölkerungszunahme. "Das beste Mittel, um jemanden vom Littern abzuhalten, ist der sauber gehaltene öffentliche Raum", ist Michel überzeugt. Dafür betreibt die Stadt einen immensen Aufwand. Putzequipen räumen mittlerweile täglich von vier Uhr früh bis zehn Uhr nachts den Müll der anderen weg. Die Parks und Strassen bleiben sauber - unabhängig davon, wie sich die Menschen verhalten.

Unsere Aufmerksamkeit ist zerstückelt

Das Internet öffnet zusätzliche Welten, in denen sich andere Benimmfragen stellen als auf der Strasse. "Die Faceto-Face-Kommunikation fällt weg - die unmittelbare Beobachtung durch ein Gegenüber, die uns zwingt, gewisse Konventionen einzuhalten", so Jürgen Oelkers. Mit der mobilen, digitalen Kommunikation sind Schlupflöcher des Anstands entstanden - und Konflikte mit der realen Welt.

Wer auf den Bildschirm starrt, nimmt die reale Welt nur noch in Fragmenten wahr. Ob sich jemand im Zug auf dem Sitzplatz niederlassen will, auf den man seine Tasche gelegt hat, wird oft nicht mehr wahrgenommen. Auch nicht, ob einer auf der Strasse Hilfe braucht. Diese Zerstückelung der Aufmerksamkeit findet ständig statt. Mitten im Gespräch wendet sich das Gegenüber ab, um eine Mail zu lesen.

"Wir schaffen es nicht, uns abzugrenzen. Die Attraktivität, sich mit der weiten Welt im Display zu beschäftigen, siegt über die Höflichkeit in der Realität."
Jürgen Oelkers

"Wir kennen das alle", so Oelkers, "und die meisten von uns stört solches Verhalten." Dennoch tun wir es. "Weil wir noch kaum Erfahrung im Umgang mit den neuen Geräten haben. Wir schaffen es nicht, uns abzugrenzen. Die Attraktivität, sich mit der weiten Welt im Display zu beschäftigen, siegt über die Höflichkeit in der Realität."

Mit der Möglichkeit, Online-Beiträge anonym zu kommentieren, fallen im Internet mitunter alle Hemmungen. Das Schlimmste sehen die meisten Besucher nicht, weil die Betreiber von Websites rassistische und sexistische Beiträge löschen müssen. "Wenn Kommentare mit der Identität des Nutzers auf anderen sozialen Plattformen verbunden wären und somit Bestandteil seiner Online-Identität, wären solche Ausschweifungen nicht an der Tagesordnung", glaubt Zukunftsforscherin Karin Frick. Ohne soziale Kontrolle arte es schnell aus.

Dabei ist Frick davon überzeugt, dass es gerade in sozialen Netzwerken immer mehr auf Anstand und Respekt ankommt. "Diese Tugenden werden künftig darüber entscheiden, ob man die Karriereleiter hinaufklettert oder nicht." Die soziale Kompetenz sei zwar schon früher ein wichtiger Faktor für Erfolg gewesen, doch noch nie hätten so viele Augen auf einer Person geruht wie heute. Das Privat- und das Berufsleben sind im Internet unwiderruflich verknüpft. "Früher waren die Regeln von oben her klar gesetzt, heute braucht man möglichst viele Verbündete, um weiterzukommen", so Frick.

Rebellion? Gegen wen? Wogegen?

Anpassung in sozialen Netzwerken ist eine erfolgreiche Strategie, um möglichst viele Freunde zu gewinnen. Frick: "Man muss positiv sein, lustig, angenehm. Rebellion führt nirgends mehr hin, weil der Kampf gegen oben gar nicht mehr nötig ist - das Oben existiert schlichtweg nicht mehr." Auch darum seien die Jugendlichen heute angepasster. "Es gibt keine Institutionen mehr, gegen die sich die jungen Leute auflehnen können - heute geht es um Likes und Links, um die Beliebtheit in jedem Segment, zu jeder Zeit", sagt Frick.

Die "unanständige, rebellische Jugend" ist auch für den St. Galler Soziologieprofessor Peter Schallberger ein Bild aus der Mottenkiste. "Noch nie waren die Jugendlichen ihren Eltern so ähnlich." Kollegiale, kumpelhafte Beziehungen statt Über- und Unterordnung. Die Jungen sind keine Revoluzzer mehr, wie eine im Juni veröffentlichte Befragung von 17-Jährigen in der Schweiz zeigt. Sie vertrauen der Marktwirtschaft und tendieren pragmatisch zur politischen Mitte. "In einer Zeit, in der alles möglich sein soll, man aber auch unendlich viel beherrschen muss, wächst das Bedürfnis nach Sicherheit und Klarheit. Das dürfte mit ein Grund für die konservativere Grundhaltung der Jungen sein", sagt Schallberger.

In Zukunft werden Anstand, Höflichkeit und Freundlichkeit schiere Notwendigkeit, prognostiziert Karin Frick. "Unfreundlichkeit wird sich die Gesellschaft nicht mehr lange leisten können." Die Bevölkerungsdichte, vor allem in grossen Städten, zwinge die Leute dazu, sich miteinander zu arrangieren und sich freundlich zu begegnen. "Die formelle Höflichkeit, wie sie vor 100 Jahren galt, ist sicher nicht die Zukunft unserer Gesellschaft", sagt Frick. Die Notwendigkeit, soziale Normen neu auszuhandeln, werde aber zunehmen.

Walter Ramseier, der Architekt aus dem Kreis 4, wünscht sich genau das. Und er warnt davor, Lebensräume nur als Schablonen wahrzunehmen, als etwas, was immer so war: die Ausgehmeile, die Shoppingstrasse, das Wohnund das Büroquartier. "So entstehen Monokulturen, sie sind das Gegenteil der vielgepriesenen Urbanität. Die Folge sind Quartiere mit hoher Fluktuation, in denen sich niemand mehr für etwas verantwortlich fühlt. Eine Einladung, ‹unanständig› zu sein."