Journalistin & Autorin

12. December 2013
Die Zeit / Reportage

Sturm ums Gotteshaus

In Turgi soll die reformierte Kirche abgerissen werden, ein Neubau ist geplant. Das Dorf ist in heller Aufregung - es geht ums Prinzip.

Das Gotteshaus, an dem gerade ein Dorf zerbricht, liegt ein paar Hundert Meter hinter dem Bahnhof Turgi, einmal über die Strasse, dann rechts, ein Bau von 1960, grau in grau mit dem Himmel im November. Ein Haus mit verwittertem Vorplatz aus rotem Asphalt und einem Kirchturm, dessen fünf Gusseisenglocken schon lange nicht mehr erklingen – totgespart. Ein Haufen Beton, in die Jahre gekommen, sanierungsbedürftig, wo bloss alle drei Wochen am Sonntag Gottesdienst gefeiert wird, mit einem Pfarrer, der bald in Pension geht und öfter in den Nachbargemeinden predigt als in seiner eigenen.

Am Abend des 26. März 2013 sassen 140 Stimmberechtigte in den Bänken der reformierten Kirche Turgi, bis auf den letzten Platz war sie belegt, so viele Besucher wie schon seit langer Zeit nicht mehr, und stimmten vor den Augen von Ruedi Dietiker gegen seinen Entwurf, den Kern der Kirche zu erhalten. Per Handzeichen stimmten sie für Abriss und Neubau der Kirche, Realisierungsdatum: ungewiss, von wem: ungewiss, wie teuer: ungewiss.

Ob er sie denn schön fände, diese Kirche, Ruedi Dietiker blickt hinter sich, in den Kirchenraum hinein, mittelbraun, geometrisch, rostrote Bodenplättchen, ein Geruch nach Hobelspänen, die man unter Kaninchen legt, und sagt: „Ja, mir gefällt diese Kirche. Sie ist ein Musterbeispiel dafür, wie man mit wenig Mitteln viel machen kann“, er könne das beurteilen, als Architekt. „Typisch Turgi eben.“

Der Gedanke liegt nahe: Fällt Turgi, fallen irgendwann wohl auch die anderen.

Und doch sei alles durchdacht, raffiniert, die Orgel von Metzler, „ein Begriff, international“, die Lampen, „modernster Standard, damals“, die Akustik: ungeschlagen, „alle Musiker schwärmen“. „Sehr solid gebaut“ sei das alles, 39 Zentimeter dicke Backsteinmauern. Er wolle das hier nicht schönreden, natürlich müsse man sanieren, 50 Jahre lang kein Unterhalt, die Heizung ist futsch, die Bänke müssten raus, neue, behindertengerechte Toiletten. Modernisierung, ja, moderat. Aber ein Abriss? „Bevor man zum Abbruchhammer greift, sollten kreative Lösungen gesucht werden, bei denen zumindest der Kirchenraum und der Glockenturm als Wahrzeichen erhalten werden können“, sagt Dietiker. Es gehe ihm nicht um den möglichen Abriss, es gehe ihm um eine faire Diskussion. Und diese, meint er, habe man unterbunden.

Die Kirchenpflege hat bereits einen Architekturwettbewerb lanciert, lange, bevor überhaupt klar ist, ob die alte Kirche wegkommen darf. 86 Architekten wollten den Auftrag, einen Andachtsraum mit Mantelnutzung, modern, multifunktional, mit einem Hauch Gott. Ihnen ist klar: Ein Kirchenneubau ist eine Rarität, sie lecken sich die Finger, jedes Dorf hat bereits seine Kirche, viele davon sind denkmalgeschützt, werden aufwändig saniert, renoviert. Der Entscheid in Turgi könnte wegweisend sein, im ganzen Land stehen marode Kirchenbauten, Millionen fliessen jährlich in die Instandhaltung. Geld, das die Kirchen für anderes gebrauchen könnten. Der Gedanke liegt nahe: Fällt Turgi, fallen irgendwann wohl auch die anderen.

Noch ist ungewiss, ob der Abriss vom Gemeinderat überhaupt bewilligt wird. Peter Heiniger, der Gemeindeammann, will dazu nichts sagen, man könne keine Entscheide vorwegnehmen. Die Kirchenpflege müsse erst ein Abbruchgesuch einreichen, dann schaue man weiter. In seiner letzten Pressemitteilung im Juli liess der Gemeinderat verlauten, er habe sich entschieden, bei Eingang eines Abbruchgesuches den Erlass einer Bausperre zu prüfen. Auch liess er wissen: Er würde prüfen lassen, ob die reformierte Kirche, welche seit 1996 im Kurzinventar der kantonalen Denkmalpflege ist, förmlich unter Schutz gestellt werden soll. Derzeitiger Stand: Abwarten, bis Ruhe einkehrt. Und wenn die ausbleibt, dann schaltet sich vielleicht am Ende sogar der Heimatschutz ein.

Kirchenpflegepräsident Albert Lehmann sagt am Telefon, man nehme dazu keine Stellung mehr, dass damit nur die Gegner zu Wort kämen, nehme man in Kauf. Auch der Dorfpfarrer schweigt.

Im Grunde, sagt die pensionierte Lehrerin, komme es ihr vor wie im Krieg. Willst du dem Gegner Identität und Kultur rauben, dann reisst du seine Türme ein.

Nachdenklich sitzt Barbara Baldinger in einer Ecke des Cafés Flora neben dem Bahnhof und drückt ihre rot geschminkten Lippen gegen das Teeglas. „Wenn Sie mich fragen, reisst die Kirchenpflege diese Kirche nur ein, um zu zeigen, dass sie sich traut.“ Im Grunde, sagt die pensionierte Lehrerin, komme es ihr vor wie im Krieg. Willst du dem Gegner Identität und Kultur rauben, dann reisst du seine Türme ein.

Vor sieben Jahren wurde Barbara Baldinger gefragt, ob sie in die Kirchenpflege wolle. Sie sagte ab – zu viel zu tun. Nie im Leben, sagt sie, hätte sie gedacht, dass einer auf die Idee kommen könnte, diese Kirche abzureissen. Und nie im Leben hätte sie gedacht, dass sie im Jahr 2013 mit Papier und Bogen durch die Strassen Turgis ziehen würde, um den Abriss der Kirche zu verhindern. 379 Mal wurde die Petition ‚Die Kirche bleibt im Dorf’ unterschrieben. Nun liegen die Bögen beim Gemeinderat Turgi.

„Meine Eltern haben diese Kirche mit erbaut“, sagt Barbara Baldinger, am Ende kämpfe sie auch um das Lebenswerk ihrer Eltern, um die Geschichte Turgis. Es habe damals gewagt, als kleines, armes Dorf eine moderne Kirche zu bauen, mitfinanziert vom reformierten kirchlichen Gemeindeverein Turgi, 1936 extra gegründet, um ein Gemeindehaus zu bauen, das Land war ein Geschenk von den Herren Landolt und Bebié, als Zeichen der Unabhängigkeit. Schon damals habe es heftige Auseinandersetzungen zwischen den Initianten und der Kirchenpflege gegeben. „Und nun sind es erneut die grösseren Gemeinden, die das einstampfen wollen.“

Die politisch unabhängigen Gemeinden Birmensdorf, Gebenstorf und Turgi bilden kirchlich eine Einheit, sind zusammen eine Kirchgemeinde, alle Beschlüsse fällen die drei Dörfer gemeinsam. Die anderen beiden Kirchen sind mittlerweile denkmalgeschützt, Abriss statt Sanierung stünde dort gar nicht mehr zur Debatte.

Eine Frau stand am Abend der Abstimmung aus ihrer Kirchenbank auf und schrie, niemand könne es ihr verbieten, still zu sein, den Mund zu halten, die Diskussion sei nicht fair, die Abrissgegner hätten keine Chance, ihren Standpunkt zu vertreten. Er wolle niemanden beschuldigen oder verdächtigen, sagt Ruedi Dietiker. Aber er wolle festhalten: Man sei überstimmt worden von den anderen beiden Gemeinden.

„Wir sind kein Dorf, wir sind eine industrielle Ansiedlung, wir sind anders als die anderen Dörfer um uns herum“, sagt Dietiker. Turgi könne alleine stehen, für sich. „Das hier ist ein Erinnerungsort, ein Symbol unserer Selbstbestimmung. Mit dieser Kirche würde unser Selbstbewusstsein ein Stück weit mit abgerissen.“ Das sei alles eine Frage der Kultur, die Verantwortlichen würden den Ort nicht kennen, seine Geschichte. Er stehe hinter dieser Kirche, sagt Dietiker. Auch wenn er selbst nicht oft in den Gottesdienst gehe.

Namen nennen sie keine, auch nicht ihre eigenen, das gebe nur Ärger.

Donnerstag-Nachmittag, Strickrunde im Aufenthaltsraum der Kirche Turgi, konzentriert sitzen fünf Frauen an einem Tisch, trinken Tee, essen Schokoladencake und stechen mit der Nadel durch die Wolle. „Wenn diese Kirche abgerissen wird, dann trete ich aus“, sagt die alte Dame hinten am Fenster, ihre Stimme bricht kurz, dann sagt sie lange gar nichts mehr, auch sie geht kaum noch in die Kirche, den Gottesdienst schaut sie sich zuhause über Kabel an, doch irgendwie geht’s hier ums Prinzip, es sei einfach nicht mehr das Gleiche, danach, sagt sie schliesslich, „diese Kirche gehört zum Dorf“.

Überhaupt sei das alles eine Schweinerei, meint eine andere, immer hätten die anderen Kirchen Geld für ihre Sanierungen bekommen, Millionen für das Gemäuer, und Turgi sei immer vertröstet worden, leere Versprechungen, und nun: der Abriss. „In Gebenstorf“, sagt die alte Frau am Fenster, „wollten die auch mal die Kirche abreissen, und wer kam ihnen da zu Hilfe? Wir, die Turgemer. Und das ist nun der Dank.“

Namen nennen sie keine, auch nicht ihre eigenen, das gebe nur Ärger, einmal sei das Fernsehen hier gewesen, als der Streit in Turgi die Runde machte, Tele M1, schöne Bilder, und am Ende hatte jeder, der im Beitrag zu sehen war, einen Brief des Präsidenten der Kirchenpflege im Briefkasten, man solle solche Dinge unterlassen. „Wir haben uns gewehrt, und nun haben wir verloren“, sagt eine andere Frau. „Es geht weiter“, sagt Architekt Dietiker.

 

Der Sturm in Turgi wird sich irgendwann wieder legen. Er wird weiterziehen, in ein anderes Schweizer Dorf, das sich überlegt, seine Kirche abzureissen. Und danach vielleicht keine neue mehr zu bauen.

Dass diese Kirche gar nicht wegkommt, sondern ersetzt wird, lässt hier keiner gelten, „ein Andachtsraum, wer will das schon?“, mit einer Kirche hätte das alles gar nichts mehr zu tun. Mit dem christlichem Glauben erst recht nicht, sagt eine aus der Runde, „so, wie zurzeit gestritten wird, hier“. So sei das eben, wenn jeder Recht haben wolle, da gehe es nur noch ums Gewinnen. Diese Kirche, sie sei ein Geschenk des Vereins. Und Geschenke gibt man nicht zurück.

2002 erst wurde der Gemeinde der Wakkerpreis vom Schweizer Heimatschutz verliehen, für „beispielhaften Ortsbildschutz“. In der Begründung der Jury hiess es damals, Turgi habe es geschafft, „aus der baulichen Anonymität hervorzutreten“, habe bewiesen, dass es sich „trotz bescheidener Mittel für die Weiterentwicklung des Ortsbildes einsetzt“.

Noch weiss keiner, ob die Kirche Turgi abgerissen wird. Wer den Wettbewerb für den besten Kirchenneubau gewinnt. Noch weiss auch keiner, wie viele Menschen dann aus der Kirchgemeinde austreten werden, wie viele neue hinzukommen, welcher Pfarrer sie alle segnen wird. Sicher ist nur, dass sich der Sturm in Turgi irgendwann wieder legt. Er wird weiterziehen, in ein anderes Schweizer Dorf, das sich überlegt, seine Kirche abzureissen. Und danach vielleicht keine neue mehr zu bauen.

Vor über 25 Jahren hielt Ruedi Dietiker ein Blatt Papier in der Hand, eine Liste mit all den denkmalschutzwürdigen Gebäuden in dieser Gegend, er sass damals in der Nutzungsplanungskommission, seit Jahren schon. „Wir mussten Prioritäten setzen. Wir mussten uns entscheiden, was wir nun schützen lassen und was nicht.“ Niemals, dachten Ruedi Dietiker und seine Kollegen, würde einer auf die Idee kommen, eine Kirche abzureissen. Sie setzten die Kirche Turgi nicht auf die Liste.