Journalistin & Autorin

30. March 2013
Das Magazin / Portrait

Was haben Sie heute gebetet?

Das fragten wir Gläubige in der ganzen Schweiz.

Julian Murmann, 24, Student, Dreifaltigkeitskirche, Bern

«Wenn ich aufstehe am Morgen, setze ich mich zuerst auf die Bettkante und spreche ein Gebet, ich gehe aber auch regelmässig in die Sonntagsmesse in die Wallfahrtskirche Brig-Glis. Im Moment lerne ich auf die Matur, Chemie ist nicht meine Stärke, und so bete ich: ‹Vater, ich bitte dich, dass ich in der kommenden Chemieprüfung zeigen kann, was ich gelernt und verstanden habe.› Ich habe auch früh angefangen, um eine gute Partnerin zu beten: ‹Jesus, hilf mir, nicht aus blinder Leidenschaft, sondern aus wahrer Liebe meine Partnerin zu finden.› Ich bin bereits erhört worden. Jetzt bete ich, dass diese Liebe wachsen kann.»

Cloé Yves Marie Gottlieb, 4, Klosterkirche Einsiedeln

«Ich bete jeden Abend zum lieben Gott. ‹Lie­ber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm, mein Herzchen ist rein und ganz klein, soll niemand drin wohnen ausser Mama und Papa und Jesus allein.› Das betet meine Mama mit mir, und die hat das auch schon mit ihrer Mama gebetet. Heute Morgen habe ich auch zu meinem Schutzengel gebetet, dass er mich beschützt. Wenn ich hinfalle und mir mein Knie wehtut, war der Schutzengel zu langsam. Ich mag Gott, und das Beste ist, dass er in meinem Herz wohnt. Das ist viel näher als der Nikolaus. Der wohnt am Nordpol. Wenn die Mama und ich in der Stadt sind, sage ich, ich will dem lieben Gott hallo sagen, und dann gehen wir in eine Kirche. Ich mag Kirchen, weil es da so leise ist. Und weil da so schöne Musik gespielt wird. Gott sieht alles, was man macht, also ist man lieber brav. Man sollte ein guter Mensch sein, sonst kommt die Polizei.»

Beatrice Herzog, 78, Rentnerin, Klosterkirche Fahr

«Wenn ich für mich bete, bete ich wortlos und spreche kein formuliertes Gebet. Ich bin einfach da, offen und höre in mich hinein. Es heisst ja: Ihr seid die Tempel des Heiligen Geistes, das klingt jetzt so fromm, aber der Herrgott wohnt in uns, deshalb warte ich und will spüren, was in mir kommt. Heute habe ich gebetet: ‹Herrgott, du bist ja Vater, du weisst ja – bitte begleite mich, die bevorstehende Generalversammlung meines Vereins drückt mich grad so. Ich lege dir meine Sorge hin, du siehst sie. Ich muss das jetzt einfach aushalten, mach mich mutiger, zeig mir den Weg.› »

Liridona Boqaj, 28, Verkäuferin, Kirche St. Leonhard, Wohlen AG

«Wir waren diesen Sonntag in der Albaner Mission. Wir sind Kosovaren und gehören zur katholischen Minderheit. ‹O zot›, beginne ich meine Gebete, das heisst in meiner Sprache ‹O Gott›. ‹O zot, mach bitte, dass meine zwei kleinen Söhne Dilan und Dorian gesund bleiben und ein schönes Leben haben werden.› Seit ich verheiratet bin, bete ich öfters. Ich bitte um Gesundheit für meinen Mann, um Liebe und Harmonie, dass ihn Gott schützt bei der Arbeit und wenn er im Auto unterwegs ist. Ich danke Gott, dass ich nun langsam die Medikamente absetzen kann, nachdem es mir nach der Geburt des Kleinen sehr schlecht ging, körperlich und psychisch. Damals, als ich schwanger werden wollte, habe ich auch oft gebetet, der Wunsch ging in Erfüllung. Ich bete vor dem Essen und abends im Bett, ich könnte nicht einschlafen ohne. Richtig voll weg bin ich aber nur, wenn ich in der Kirche bete.»

Maya Fürst, 21, Pflegefachfrau, Dreifaltigkeitskirche, Bern

«Oft nehme ich im Zug meinen Rosenkranz in die Hand. Es ist einfach ein schönes Gefühl, in die Taschen zu fassen und sich wieder daran zu erinnern, dass Gott da ist. Ich bete den Rosenkranz aber nicht vor anderen Menschen. Sobald man ein Kreuz trägt oder sagt, dass man gläubig ist, wird man komisch angesehen. Bevor ich ins Bett gehe, bete ich die Komplet, das Nachtgebet der Mönche. Ich lese dann jeweils aus dem Stundenbuch ein paar Psalmen, danach lege ich meine persönlichen Anliegen und Sorgen vor Gott. Ich bete kindlich, in einfacher Sprache. ‹Gott, ich bitte dich, schau zu meinem Freund, du kennst ihn, und du weisst, wie du ihm helfen kannst.› Ich bete zu Hause immer im Schlafzimmer, dort stehen auch mein Holzkreuz und meine Herz-Jesu-Statue. Ich komme oft allein in die Kirche, knie vor der Mutter Gottes oder dem Tabernakel. Ich knie, weil Gott heilig ist und weil das Knien aus meiner Sicht die schönste Form der Anbetung ist.»

Sidonie Ndamni, 33, Fabrikarbeiterin, & Caroline Pollastri, 38, Sozialarbeiterin, Herz-Jesu-Kirche, Zürich

Sidonie: «Ich bete jeden Abend, be­vor ich schlafen gehe. Ein Vaterunser, ein Gegrüsst seist du, Maria. Dann singe ich zusammen mit meinen Kindern und meinem Mann laut in unserer Wohnung. Ich habe gestern Abend gebetet, dass meine Familie in Afrika Frieden hat und gesund bleibt. Die Medikamente in Afrika sind sehr teuer, und es gibt keine richtige Krankenversicherung.»

Caroline: « ‹Bitte steh mir heute im Gottesdienst bei, wenn ich singe›, habe ich heute gebetet. Dann für die Kinder, die an Aids leiden. Und ich habe Gott gedankt für all die Hilfe, die wir bekommen. Bei uns in Afrika ist das Dankgebet das höchste Gebet. Meistens bete ich auf Bamileke, in der Sprache Westkameruns.»

Rajasekaram Ananthasegaram, 56, Hilfsbäcker, Klosterkirche Einsiedeln

«Hier in der Klosterkirche bete ich zur schwarzen Madonna. Heute Morgen bin ich in der letzten Reihe der Kirche niedergekniet und habe gedacht: ‹Heilige Maria, hilf, dass das, was ich habe, mir genug ist. Ein Haus, ein Auto, das reicht doch.› Dass ich hier sitze, hilft mir, keine schlechten Energien zu entwickeln. Und das wiederum hilft mir, ein guter Mensch zu sein. Ich komme aus Sri Lanka, mein Vater war Katholik. Hinduismus und Katholizismus – irgendwie ist beides in mir drin. Meine Urgrossmutter war eine Schweizerin, die nach Sri Lanka auswanderte. Dass ich ausgerechnet in der Schweiz Asyl gefunden habe, das kann kein Zufall sein. Ich glaube an Reinkarnation. Der Kreis schliesst sich.»

Zdenko Samardzic, 47, Sakristan, Herz-Jesu-Kirche, Zürich

«Wenn ich morgens mit dem Auto zur Ar­beit fahre, bete ich am Steuer still vor mich hin, auf Kroatisch, das ist meine Muttersprache. Manchmal bete ich auch im Laufen bei der Arbeit, als Sakristan in einer Kirche betest du automatisch ständig. Wenn ich frei habe, vergesse ich auch mal zu beten. Ich schliesse jeden Tag morgens die Kirche auf, dann bekreuzige ich mich vor der Mutter Gottes und dem Tabernakel. Ich bin im ehemaligen Jugoslawien aufgewachsen, und als Jugendlicher in einem kommunistischen Staat bist du weit weg von der Kirche. Doch der Glaube kam wieder. Ich bin Sakristan geworden, weil ich Gott danken wollte für mein gutes Leben. Was genau ich bete? Beten ist intim. Nur so viel: Ich bete für meine Kinder, die gerade im Teenageralter sind, dass sie einen kühlen Kopf bewahren.»

Ralph M. Trüeb, 54, Dermatologe, Praxis in Wallisellen

«Im Gespräch mit Patienten kommt es vor, dass mein Blick zur kleinen Ikonostase der Schutzheiligen in meiner Praxis schweift und ich still um Hilfe für all jene bitte, die bei mir Rat suchen. Besonders verbunden fühle ich mich der heiligen Agnes von Rom mit folgendem Tagesgebet: ‹Ewiger Gott, du berufst, was schwach ist in dieser Welt, um das, was stark ist, zu beschämen./Höre auf die Fürsprache der heiligen Agnes./Komm uns zu Hilfe, damit auch wir unbeirrt den Glauben bekennen.› Aufgrund ihrer Legende ist die heilige Agnes für mich Schutzpatronin für Frauen mit Haarausfall. Die Heiligen um Hilfe zu bitten stellt keinen Widerspruch zum Vertrauen auf Gott dar, vielmehr wird in den Heiligen letztlich Gottes Wirken am Menschen offenbart. Die Heiligen waren verwundbare Menschen wie wir, die abgelehnt wurden, denen Gewalt widerfuhr und die dabei nicht verzagten, sondern an Gott festhielten. Ich bete zu den Heiligen, weil sie für mich versinnbildlichen, dass man die Hoffnung nicht aufgeben soll und Gott sich um unsere Nöte kümmert. Auch wenn Berichte über Wunderheilungen aus dem Blickwinkel der modernen Medizin schwierig zu bewerten scheinen und der Schwerpunkt dieser Wunderberichte mehr im theologischen Bereich und der Allegorie liegt, bin ich überzeugt, dass die Heiligen uns die Augen öffnen können für eine spirituelle Dimension auch im Arztberuf. Nicht zuletzt sind die Haare dem Himmel am nächsten.»

Björn Schrader, 40, Dozent, Herz-Jesu-Kirche, Zürich

«Meine Frau und ich beten abends abwechselnd mit unseren Kindern, so sammeln wir uns, kommen zur Ruhe, auch wenn es nur zwanzig Sekunden sind. ‹Maria, breit den Mantel aus, mach Schirm und Schild für uns daraus, lass uns darunter sicher stehn, bis alle Stürme vorübergehn.› Auch wenn man mal Streit hatte, untereinander oder mit den Kindern, beten wir und signalisieren: Da steht nichts mehr zwischen uns. Dieses Gebet ist für mich ein Zeichen der Versöhnung.«

Katharina Pretnar, 27, Lehrerin, St. Peter und Paul, Zürich

«Beten ist sprechen mit Gott wie mit dem besten Freund, über all die Dinge, die mich bewegen. Ich gehe täglich in die Messe. Ich bete für Familie, Freunde, das Lehrerkollegium, meine Schüler: ‹Herr Jesus, ich bringe alle Jugendlichen zu dir›, sage ich zum Beispiel, ‹hilf ihnen auf ihrem Weg, leite sie, dass sie das Glück ihres Lebens erfahren.› Ich picke selten einen bestimmten Schüler heraus, keiner soll bevorzugt werden. Ich richte mich während des Tages oft mit Stossgebeten an Gott, egal, ob ich eine Tür öffne, die Strasse überquere oder abwasche. Oder ich bete einen Rosenkranz. Und ich wende mich an Heilige, die ich besonders verehre, oder an den seligen Johannes Paul II. Als meine Schwester vor zehn Jahren starb, an Krebs, sie war 19, betete ich oft an ihrem Krankenbett und bat Gott, dass er sie heile. Aber ich habe mit der Zeit verstanden, dass nicht alles in unserer Macht steht. – Während Sie mich beim Beten fotografiert haben, schloss ich Sie in mein Gebet mit ein.»

Andreas Winkler, 36, Bierbrauer, Liebfrauenkirche, Zürich

«Eigentlich bete ich immer, auch im Gehen, beim Spazieren im Wald. Ich gehe jeden Tag nach der Arbeit in die Kirche, auch mal am Nachmittag, ich arbeite Schicht. Wenn ich allein sein will, suche ich die Krypta auf. Ich starte mit einem Vaterunser, es ist ja wie beim Gitarrenspiel, zuerst muss ich mich einstimmen. Ich bete die prophetischen Bücher aus dem Alten Testament laut vor, denn durch das Aufsagen bekommen Gottes Worte Kraft. Ich kann schon mal eineinhalb Stunden lang beten. Für mich selber bete ich immer weniger, weil ich weiss, dass es gut kommt. Ich bete für die Jugendlichen in unserer Pfarrei und für das Kinderheim, das ein Kollege in Nigeria aufgebaut hat. Ich bete für den ehemaligen Papst Benedikt, den ich be­wundere, und für die Bischöfe Vitus und Marian. Natürlich wünsche ich auch Papst Franziskus I. alles Gute, übrigens gibt es ja ein Franziskaner Weissbier.»

Tobia Rüttimann, 44, Ordensschwester, Kloster Ingenbohl

«Dreimal am Tag bete ich gemeinsam mit meinen Mitschwestern das kirchliche Stundengebet. Da tragen wir die Sorgen und Anliegen der Menschen vor Gott, die täglich an uns herangetragen werden, sei es durch Briefe, Mails oder Telefon.»