Journalistin & Autorin

5. April 2015
Ostschweiz am Sonntag / Artikel

Was ich morgen kann besorgen

Das Aufschieben, das wir alle kennen, kann krankhaft werden: Menschen, die unter Prokrastination leiden, treiben in einem Teufelskreis aus Hoffnungslosigkeit und verfehlten Zielen.

Wir tun es alle: Wir schieben Dinge auf. Immer wieder. Wir tragen die leeren Flaschen nicht weg, sammeln E-Mails unbeantwortet in unseren Posteingängen und rufen die Grossmutter nicht zurück. «Aufschieben hat durchaus seinen Reiz», sagt Urs Braun, leitender Psychologe bei den St. Gallischen Kantonalen Psychiatrischen Diensten. Und sei sinnvoll. Warte man mit einer Handlung ab, erledige sich das Problem manchmal von alleine. «Wenn Sie den neuen Computer nicht sofort kaufen, sondern den Kauf drei Monate hinauszögern, haben Sie einen schnelleren Computer oder er ist viel günstiger geworden.» Etwa 90 Prozent der Leute würden ab und an wichtige Dinge aufschieben. Das sei ganz normal.

Gefährlich werde es dann, wenn das Aufschieben ausser Kontrolle gerät: «Wenn das Aufschieben den Alltag beherrscht, und man seine Ziele nicht mehr erreicht, obwohl man möchte, sollte man sich Hilfe suchen», sagt Braun. Zweifel am eigenen Wert und ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit stellen sich ein. Dauert der Zustand an, kann es sogar zu einer Depression kommen.

Im Zentrum des chronischen Aufschiebens stehen die Angst vor der negativen Beurteilung durch Dritte und damit indirekt die Angst, zu versagen. Ob diese Anforderungen von aussen nun real oder nur vermeintlich sind, ist dabei zweitrangig.

Etwa 20 Prozent der Bevölkerung leiden unter chronischem Aufschieben, im Fachjargon Prokrastination genannt. Die Prokrastination ist bisher noch keine offizielle psychische Erkrankung. Dementsprechend gibt es kaum systematische Behandlungsansätze, die auf die Behandlung einer isolierten Aufschiebe-Symptomatik abzielen. «Vielmehr ist es so, dass Leute wegen einer Angststörung in Behandlung gehen und man im Rahmen dieser Therapie auch das Aufschieben thematisiert und behandelt», sagt Braun.

Angst vor der Aussenbewertung

Im Zentrum des chronischen Aufschiebens stehen die Angst vor der negativen Beurteilung durch Dritte und damit indirekt die Angst, zu versagen. Ob diese Anforderungen von aussen nun real oder nur vermeintlich sind, ist dabei zweitrangig. Perfektionismus, wie bisher oft angenommen, hat mit chronischem Aufschieben nicht viel zu tun – ein hoher, eigener Anspruch an Topleistungen arbeitet dem Problem eher entgegen.

Studien zeigen: Wer im Studium oder Job prokrastiniert, tut es auch im Privaten.

Angetrieben von der Angst, negativ bewertet zu werden, schiebt man die Aufgabe immer weiter hinaus. Man fühlt sich zwar schuldig, aber auch irgendwie erleichtert, weil die Versagensängste nicht aufkommen. Dazu kommt, dass man die vermeintlich «freie Zeit» nun mit anderen Aufgaben füllt, die rasch zu erledigen sind und ein klares Erfolgserlebnis bieten. Und so waschen wir plötzlich immer ab oder räumen den Keller auf. Das Problem ist dabei: Langfristig negative Konsequenzen, wie zum Beispiel eine Kündigung oder eine Betreibung, sind in der Regel zeitlich viel zu weit weg, um bedrohlich zu erscheinen. Die Erfahrung aber, beim Ausfüllen der Steuererklärung Fehler zu machen, ist viel näher – und die negativen Gefühle kommen viel schneller.

Im Job und privat

Studien zeigen: Wer im Studium oder Job prokrastiniert, tut es auch im Privaten. «Natürlich sind im Job Grenzen gesetzt», sagt Urs Braun. «Wer in der Lehre oder im Job immer alles aufschiebt, wird schnell rausgeworfen.» Deshalb könne das Aufschieben in festen Strukturen weniger Raum einnehmen. «Die Betroffenen finden ausserdem im allgemeinen oft gute Ausreden für ihr Verhalten», sagt Braun. 

Man sage «so bin ich halt», oder «ich arbeite so effizienter». Tatsächlich müssen Menschen, die Dinge länger aufschieben, die Arbeit innert viel kürzerer Zeit erledigen als ihre Kollegen, die nicht unter Prokrastination leiden. Die Zweifel aber bleiben. Das ist wohl das grösste Paradox des ewigen Aufschiebens: Die Betroffenen wollen unbedingt gute Leistungen erbringen, sind mit dem Ergebnis danach aber nur selten zufrieden. Warum sie aufschieben, ist den meisten völlig schleierhaft.

Von der Flucht in die Handlung

«Klare Strukturen, klare Abmachungen helfen, aus dem Kreis auszubrechen», sagt Braun. Und eine emotionale Verpflichtung gegenüber Drittpersonen. «Hängen andere Leute von meiner Arbeit und meinem Erscheinen ab, bin ich eher verpflichtet, meine Aufgaben zu erledigen – sonst leidet die ganze Gruppe.» Man müsse lernen, sich selbst eine feste Struktur zu geben und diese auch einzuhalten.

«Prokrastinierer sind nicht weniger fleissig oder weniger klug als andere Leute», sagt Braun. Sie hätten nur Mühe, ihre Absichten auch in die Tat umzusetzen. Man solle sich in Erinnerung rufen, warum die Aufgabe ursprünglich gelöst werden sollte. Und sich bewusst machen, wovor man eigentlich Angst habe.

«Das Wichtigste: Bleiben Sie sitzen. Halten Sie Ihrem Drang stand, die Tätigkeit abzubrechen. Ziehen Sie eine Aufgabe durch.»